22. September 2014

Im Double Feature am 24. September präsentiert die SCHIRN die Arbeit 'Session' der in Berlin lebenden Künstlerin Nevin Aladağ. Im Anschluss daran wird ihr Lieblingsfilm 'Baisers volés' des französischen Regisseurs François Truffaut gezeigt.

Von Daniel Urban

Wie klingt eine Stadt? Wie ein Park, ein Gewässer oder eine Wüste? Wie klingt die Natur und wie klingen die vier Elemente? Eine mögliche Antwort darauf meint man in Nevin Aladağs Video-Arbeit „Session" aus dem Jahre 2013 zu erhalten. In dem gut sechsminütigen Video-Loop, gedreht im Saudischen Emirat Sharjah, bedient nämlich nicht der Mensch das Instrument, die Aufgabe scheint eher von der Umgebung selbst übernommen zu werden. Man sieht so beispielsweise ein Tamburine-artiges Instrument durch Straßen rollen, während das Trommelfell die Tonfrequenzen der Umgebung wiederzugeben scheint. Der Wind lässt Miniatur-Schlagzeugbecken aufeinander treffen oder treibt Sand auf ein Trommelfell und erzeugt somit jeweils Klänge.

Ausgehend von der Annahme, dass Orte Töne erzeugen können und so Art eigene Klang-Identität besitzen, läge ein Vergleich verschiedener solcher Soundprofile natürlich nahe. 2009 präsentierte Aladağ die Arbeit "City Language I-III", die sich als ein audio-visuelles Porträt der Stadt Istanbul verstehen lässt und gerade in dieser Herangehensweise an "Session" erinnert, der im Double Feature zu sehen sein wird.

Fragen nach Identitäten sind in den Arbeiten der 1972 im türkischen Van geborenen Künstlerin ein zentraler Aspekt, dem sich sie sich in Form von Installationen, Performances und Sound- wie auch Videoarbeiten nähert. In Zeiten, in denen Begrifflichkeiten wie "kulturelle Identität" wieder an Bedeutung gewinnen und die hiermit verbundenen Fragen häufig im Rahmen von Kollektiven verhandelt werden, versteht Aladağ den Begriff viel eher im globalen Kontext und bricht ihn im gleichen Schritt so wieder auf das einzelne Individuum herunter. In der Perfomance "Significant Other" (2011) ließ die Künstlerin so beispielsweise zwei Schauspieler mit ihren Lippen zuvor aufgezeichnete Aussagen verschiedener Personen zu den Themengebieten Liebe und Beziehung bewegen. Der Mann und die Frau erscheinen so als eine Art "Identitätengefäss" und werfen damit gleichzeitig die Frage auf, wo und wie genau eigentlich die Definitionsgrenzen zu dem verlaufen, was gemeinhin als eben solche Identität bezeichnet wird. In der Videoarbeit "Top View" (2012) wiederum tanzen Passanten in der Münchener Innenstadt zu einer von Aladağ vorgegebenen Choreographie. Gezeigt werden hier jedoch jeweils nur die Füße der jeweiligen Person. Verrät das Schuhwerk und die Art, wie ein Tanzschritt ausgeführt wird, schon etwas über die Identität seines Tänzers? Lässt sich hieraus etwas über einen Menschen aussagen, jenseits von Klischees und oberflächlichem ersten Eindruck?

Die Vergewisserung, dass man am Leben ist

Im Anschluss an die Arbeiten der Künstlerin wird "Baisers volés" (z. dt. "Geraubte Küsse") des französischen Regisseurs François Truffaut gezeigt. Der 1968 erschiene Film stellt den dritten von insgesamt fünf Teilen des Antoine-Doinel-Zyklus dar, in welchem Truffaut die autobiographisch geprägte Figur des Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud) in verschiedenen Lebensabschnitten zeigt. Während "Les Quatre Cents Coups" ("Sie küssten und sie schlugen ihn"), der erste Teil aus dem Jahr 1959, noch Einblicke in die Kindheit des jungen Protagonisten erlaubte, begleiten wir nun den jungen Mann, der gerade unehrenhaft aus dem Militärdienst entlassen wurde. Doinel versucht sich mit verschiedenen Jobs über Wasser zu halten und arbeitet mehr oder minder erfolgreich als Nachtportier, Privatdetektiv und Fernseh-Installateur. Viel prägender als die Jobs sind jedoch die durch Frauen verursachten emotionalen Achterbahnfahrten, denen er sich ausgeliefert sieht.

Die Versuche des Antoine Doinel, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden, lassen sich auch als Ringen um eine eigene Identität verstehen. In einer Szene wiederholt der Protagonist vor einem Spiegel stehend immer und immer wieder die Namen der beiden Frauen, zu denen er sich hingezogen fühlt, zwischen denen er sich aber nicht entscheiden kann. Schlussendlich sagt er seinem Spiegelbild nur noch den eigenen Namen ins Gesicht, ganz so, als wolle er sich versichern, dass er selbst existiert und zwischen all dem, was man so simpel "das Leben" nennt, nicht aufgerieben wird. Ob diese Vergewisserung nun eher in Philosophie, Liebe, Nationalstaat oder Kultur zu finden ist, diese Frage fällt unweigerlich doch wieder auf den Einzelnen allein zurück.