16. Oktober 2014

Beim Double Feature am 29. Oktober zeigt Mohamed Bourouissa seine Arbeit "La valeur du produit" und danach Tracey Moffatts "Night Cries: A Rural Tragedy".

Von Carolin Köchling

Ein Mann in einem abgedunkelten Raum erklärt anhand einer Power Point Präsentation sein Business. Allerdings wird das Produkt seines Geschäftes kein einziges Mal erwähnt. Selbstredend thematisiert der Film "La valeur du produit" (2013) weniger das Produkt als solches, sondern dessen Wert. Es gibt kaum Kamerafahrten; die Perspektiven wechseln zwischen dem Raum als Bühne ihres Protagonisten und der Projektion selbst, die anhand von Diagrammen den planbaren Erfolg eines von finanziellem Gewinn motivierten Geschäftes veranschaulicht. Dass es sich im konkreten Fall um einen Drogendealer handelt, geht aus dem Gezeigten nicht hervor. Mohamed Bourouissa demaskiert seine Figuren nicht; das Gesicht der Figur bleibt buchstäblich im Dunkeln.

Mehr noch: Es gibt andere Arbeiten, in denen der Protagonist visuell gar nicht auftaucht: "Temps mort" (2009) dokumentiert den SMS-Austausch des Künstlers mit einem Gefängnisinsassen, den er über Textnachrichten auffordert Fotos aus seiner unmittelbaren Umgebung zu schicken. In den abgefilmten Nachrichten und schlecht aufgelösten Fotos des Handydisplays sind beide -- sowohl der Häftling als auch der Künstler -- in ihrer geteilten Autorschaft physisch präsent: man sieht im Geiste auch den im Gefängnis Isolierten mit seinen Fingern die Textzeilen ins Display tippen. Subjekt des Films sind nicht die Personen selbst, sondern ihre Kommunikation, die über das geschriebene Wort und Bilder an Gestalt gewinnt.

In "Légende" (2010) ist die filmende Kamera am Oberkörper des Händlers befestigt, der in überfüllten Pariser Metrostationen Zigaretten verkauft. Als Zuschauer des Films blicken wir in die Augen derjenigen, die ihm (um den es eigentlich zu gehen scheint) gegenüber stehen und ins Gesicht schauen. Sie sind Bildfigur und Stellvertreter des Zuschauers zugleich. Bei Bourouissa findet vieles außerhalb des Filmausschnittes statt. Gleichwohl die Arbeiten Einblicke in private Situationen (Nachrichten-Austausch) und illegale Geschäfte (Drogenhandel, Zigarettenverkauf) gewähren, sind sie keineswegs voyeuristisch. Im Gegenteil setzen sie ein vertrautes Verhältnis zwischen Künstler und seinen Protagonisten voraus, die zum Co-Produzenten der Arbeiten avancieren. Die Bilder sind meist unspektakulär, ihre schlechte Auflösung ist dem jeweiligen Umstand der Aufnahme, dem Handyfoto oder der versteckten Handkamera, geschuldet. Die dokumentarische Ästhetik dient einer fingierten Authentizität, die uns den Figuren vermeintlich näher bringt. Bourouissas Filme scheinen weniger den Blick auf sie zu richten, als dem Betrachter einen Blick aus ihnen heraus zu ermöglichen.

Als zweiten Film für DOUBLE FEATURE hat Bourouissa "Night Cries: A Rural Tragedy" (1990) der australischen Künstlerin Tracey Moffatt gewählt. Der 17-minütige Film ist künstlich überzeichnet und findet offensichtlich in einem Filmstudio statt. Die Kulisse deutet einen Innen- und Außenraum nur an, in grelles blaues und violettes Licht getaucht entsteht eine surreale Landschaft. Die indigene Tochter einer weißen Australierin pflegt ihre sterbende Mutter. Die Szenen changieren zwischen ihrer Erinnerung einer verlassenen Kindheit und der aggressiven Behandlung der Mutter in der Gegenwart. Wut und Trauer sind der jüngeren Frau nicht nur ins Gesicht geschrieben, sondern spiegeln sich in expressiven Gesten und der einsamen Umgebung. Wie bei Bourouissa scheint es auch bei "Night Cries" um individuelle Schicksale und Geschichten zu gehen, die im Gegensatz zu seiner nüchternen Bildsprache einen expressiven Ausdruck finden.