20. Oktober 2016

DOUBLE FEATURE präsentiert im Oktober Julie Born Schwartz‘ „The Invisible Voice“.

Von Daniel Urban

Am Anfang sind da nur Worte: „You are there, but you make sure nobody notices you … but you are there.” Gesprochen ins blass-schwarze des Bildes, kenntlich gemacht durch kaum weniger blasse Untertitel, die sich nur leicht vom schwarzen Hintergrund abheben. Dann setzt die Musik ein: Glockenspiel, Kontrabass, wohlklingend und sanft gespielt – schließlich gesellen sich gezupfte Streicher dazu, ein Klavier spielt eine traumwandlerische Melodie.

Die ersten Augenblicke von Julie Born Schwartz‘ (*1981) „The Invisible Voice“ führen den Betrachter in eine geheimnisvolle, schattenreiche Welt. Die behutsam eingeblendeten Bilder geben den Blick frei auf Nahaufnahmen von Räumlichkeiten, Detailaufnahmen mechanischer Technik, Tierfelle und endlich: ein Drehbuch. Die untertitelte dänischsprachige Stimme aus dem Off schließlich macht klar, wo genau wir uns befinden: am Theater.

Die Fehlbarkeit des Individuums

Die gut dreizehnminütige Arbeit führt den Betrachter ein in die Welt der unsichtbaren Stimme, der Souffleuse. Deren Aufgabe lediglich mit dem Zuflüstern des Textes bei Hängern zu beschreiben, greift ein wenig zu kurz. „The Invisible Voice“ folgend besteht die tatsächliche Leistung der Souffleuse viel mehr darin, das zarte Band der Illusion, das Theater oder Oper zu kreieren verstehen, nicht reißen zu lassen. Damit wird klar, aus welcher Quelle sich das Aufgabenfeld des Zuflüsterers speist: der des menschlichen Versagens, der Fehlbarkeit des Individuums. Die Souffleuse in „The Invisible Voice“ macht dann auch klar, wie feinfühlig sie agieren muss um genau zu bemerken, ob ein Schauspieler gerade eine der Dramatik dienende Pause einlegt, oder eben doch einen Texthänger hat. Folgerichtig haben Souffleusen oder Souffleure nicht selten selbst schauspielerische Erfahrung.

Julie Born Schwartz, THE INVISIBLE VOICE (2016), 2016
Julie Born Schwartz, THE INVISIBLE VOICE (2016), 2016

Schwartz‘ Arbeit gibt der unsichtbaren Stimme, die sonst gerade nicht von jedermann gehört werden soll, kein Gesicht, stellt sie jedoch ins Zentrum, während die Bildebene das dämmrige Arbeitsumfeld in Szene setzt. Nur einmal zeigt die Kamera das zweitwichtigste Arbeitsinstrument der verborgenen Protagonistin: die Hand, die in winziger Schrift Anmerkungen in das Skript schreibt und schließlich ihren Korrektor, ein brummender Tipp-Ex-Stift, mit dem ihre eigenen Schreibfehler ausgemerzt werden. Die Ton-Bild-Melange verschmilzt zu einer lyrischen Quasi-Dokumentation, die hinter die Kulissen der geheiligten Theater- und Opernhäuser blickt, ohne gegen das Bilderverbot zu verstoßen, und zeigt die aufrichtige Ergebenheit jener geheimen Mitarbeiter genannter Institutionen, deren Profession kurz vor der Zwangsrationalisierung stehen.

Opernsänger beim Joggen

Julie Born Schwartz ließ sich in vorangegangen Arbeiten häufiger vom Theater- oder Filmbetrieb inspirieren und war für kurze Zeit selbst als Souffleuse tätig. In „Love has no reason“ (2014) griff sie so auf eine prägende Erfahrung in einem New Yorker Schauspielkurs beim dänischen Filmregisseur Per Brahe zurück, den sie 2004 besucht hatte. Knapp 10 Jahre später suchte sie den Regisseur und seine Theatermasken erneut auf und kreierte das Werk, das als erste Bewegtfilm-Arbeit in die Londoner Royal Acadamy Collection aufgenommen wurde: „Fly me to the moon“ (2011) setzt einen ehemaligen Opernsänger in den Fokus, den Schwartz zufällig beim Joggen im Park kennenlernte.

Julie Born Schwartz, LOVE HAS NO REASON, 2014, Image via juliebornschwartz.com

Mit „The Wild Blue Yonder“ wird im zweiten Teil des Abends ein 2005 veröffentlichter Science-Fiction-Film, oder wie es im Untertitel heißt: eine Science-Fiction-Fantasy, von Werner Herzog zu sehen sein. Ein Genre-Film dieses genialen Berserkers ist natürlich keiner, der den Genre-Regeln im klassischen Sinne folgt. „The Wild Blue Yonder“ generiert sich so auch als Dokumentarfilm, der die Geschichte der Weltraumexpedition einer kleinen Astronauten-Gruppe auf der Suche nach einem bewohnbaren Habitat für die Erdbevölkerung erzählt. Die Narration führt ein namenloser Außerirdischer (Brad Dourif), der just von dem Planeten kommt, auf dem die Expedition schlussendlich landen wird.

Die NASA und Ekstase

Herzog verwendet in „The Wild Blue Yonder“ zuvor unveröffentlichtes Filmmaterial eines NASA Space Shuttle-Fluges und verwebt dieses mit Unterwasseraufnahmen aus der Antarktis, diversen Interview-Schnipseln und anderen Archivaufnahmen, die der außerirdische Erzähler in einen neuen Kontext setzt – einer ähnlichen Technik hatte sich Herzog bereits in seinem Film „Lessons in Darkness“ bedient. Während der minutenlangen dokumentarischen Aufnahmen offenbart der Außerirdische wiederholt in teils esoterisch aufgeladenen wie auch grotesk-komischen Kommentaren – so sind beispielsweise die Astronauten bei einer Augenuntersuchung im Space Shuttle zu sehen, während der Erzähler von neu entdeckten Möglichkeiten des Gedankenlesens berichtet – sein geheimes Wissen und führt so die Geschichte um die Expedition der Astronauten voran.

Die Unterwasserwelten aus "The Wild Blue Yonder", Image via youtube.com

Die dokumentarischen Aufnahmen unterlegt Herzog gerade im letzten Teil des Films, in dem der Erzähler immer mehr in den Hintergrund tritt, mit der meditativ anmutenden Musik des niederländischen Musikers Ernst Reijseger. Hier singen sich sardische Männerchöre zu expressiv-sphärischen Celloklängen in Ekstase, und jene Klangwelten verweben sich mit den Bildern irgendwann unverhofft zu einem anrührenden, poetisch-esoterischen Konglomerat. Folgerichtig bedankt sich Herzog im Abspann auch bei der NASA „for it’s sense of poetry“. Der Sinn für Poesie lässt sich im Gebrauch von Schnitt, Musik, Bild und Voice-Over allerdings allemal auch in den Werken von Julie Born Schwartz und Werner Herzog finden.