24. Januar 2017

DOUBLE FEATURE im Januar präsentiert die Künstlerin Eli Cortiñas und ihren Film „Quella che cammina“. Im Anschluss wird der Film „La Noire de…“ von Ousmane Sembène gezeigt.

Von Daniel Urban

„Tell me what you want me to be, how you want me to be. I can be that – I can be anything” verspricht Mabel Longhetti ihrem Ehemann Nick in John Cassavetes “A woman under the influence”. Mabel Longhetti wird im Folgenden in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen werden, da sich ihr Mann nicht entscheiden kann, ob er seine Frau nun lieber sozialkompetent und angepasst oder aber „etwas ungewöhnlich“, wie er es nennt, haben will.

Mabel selbst hat hier offenbar kein Mitspracherecht und ist so diejenige, die aufgerieben wird zwischen den Erwartungen und Fremdzuschreibungen als Frau, Geliebte, Freundin, Mutter und Tochter. Auch die mehrsprachigen Stimmen aus dem Off in Eli Cortiñas (*1976) Video-Arbeit „Quella che cammina“ (2014) scheinen die Außenzuschreibungen und -Anforderungen schon internalisiert wie kollektiviert zu haben: „Wir Frauen trauen uns nie zu etwas, wir benehmen uns wie Proletarier“ heißt es da gleich zu Beginn, „Ich weiß auch, dass ich etwas leisten muss, um wertvoll zu sein. Dass ich nicht scheitern darf, auch fett darf ich nicht sein“ geht es weiter.

Das Eingreifen der Mutter

„Quella che cammina“ entstand im Rahmen einer Artist residency in der Villa Massima in Rom. Die Arbeit ist eine Collage aus eigenen Aufnahmen und Szenen aus Carlo Lizzanis Beitrag zum italienischen Kollektiv-Werk „L’amore in città“ aus dem Jahr 1953. Lizzani stellte hier in seinem Filmbeitrag „Amore che si paga“ eine ältere Prostituierte vor, die von ihren Kolleginnen nur „Quella che cammima“ ["die, die läuft"] – genannt wird. Cortiñas lässt spanische, italienische und französische Frauenstimmen über die Erwartungen und Erfahrungshorizonte des eigenen Lebens sprechen: Selbstverwirklichung, Liebe, Sex, Gesellschaft – bis schließlich die Mutter der Künstlerin selbst das Wort erhebt und auf einer Metaebene in das Werk ihrer Tochter eingreift, das Bild diktiert, künstlerisch einordnet und am Ende offenbart, dass sie selbst nur Drehbuchanweisungen folgt.

Eli Cortiñas, Quella che cammina (The one who walks), 2014, single channel video, 8'30'' Courtesy Eli Cortiñas, Soy Capitán, Berlin, Waldburger Wouters, Brüssel
Eli Cortiñas, Quella che cammina (The one who walks), 2014, single channel video, 8'30'' Courtesy Eli Cortiñas, Soy Capitán, Berlin, Waldburger Wouters, Brüssel

Neben den Originalaufnahmen aus „Amore che si paga“ zeigt das Bild Außen- und Innenaufnahmen, unter anderen von Skulpturen und kleineren Installationen Cortiñas. Die Kamera bleibt immer ganz nah am gefilmten Objekt und gibt nie den Blick auf die einordnende Totale frei, gleich den Stimmen auf dem Off, deren Gesprochenes der Betrachter selbst in einen Sinnzusammenhang fügen muss.

Zerbrochenes Prozellan

Der Rückgriff auf found footage, das in Bilder- oder Filmcollagen verarbeitet wird, ist keine Seltenheit in den Arbeiten der Künstlerin. In ihrem prämierten Werk „Dial M for Mother“ (2009) schnitt sie beispielsweise Ausschnitte aus verschieden John Cassavetes-Filmen mit Aufnahmen aus Telefongesprächen mit ihrer eigenen Mutter zusammen, in „Perfidia“ (2012) rekontextualisierte sie Filmsequenzen aus Buñuels „Le charme discret de la bourgeoisie“. In „Quella che cammima“ tauchen weitere Verweise auf: Das Filmplakat von „Leave her to heaven“, ein Melodram-Film noir von John M. Stahl aus den 50ern und immer wieder Fotografien von Hollywoodschauspielerinnen, deren Kopf jeweils im Dunkel bleibt.  Zum Ende hören wir wieder die Mutter: „Meine Tochter ist die Künstlerin“, sagt sie, und „Dieser Film sollte ursprünglich heißen: Alles, wozu ich mich nie getraut habe“. Im Anschluss ist zerbrochenes Porzellan zu sehen.

Eli Cortiñas, Quella che cammina (The one who walks), 2014, single channel video, 8'30'' Courtesy Eli Cortiñas, Soy Capitán, Berlin, Waldburger Wouters, Brüssel

"La Noire de…" (1966) von Ousmane Sembène, den sich Cortiñas als Lieblingsfilm ausgesucht hat, gilt als einer der ersten afrikanischen Filme, der internationale Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte. Der knapp einstündige Film ist die erste Spielfilmarbeit des Regisseurs und Schrifstellers Sembène, der zuvor schon zwei an den italienischen Neorealismus erinnernde Kurzfilme gedreht hatte. Der Film ist lose an eine Zeitungsnachricht angelehnt und dreht sich um die junge Senegalesin Diouana (Mbissine Thérèse Diop), die von einem reichen französischen Paar in Dakar zunächst als Kindermädchen angestellt wird, bevor sie den beiden nach Antibes folgt, in der Annahme, dort auch auf die Kinder des Ehepaars aufzupassen.

Wie eine Leibeigene

Stattdessen wird sie von der zunehmend autoritär und übelgelaunt auftretenden Ehefrau getriezt, soll ausschließlich niedere Hausarbeiten übernehmen, während die Kinder des Paares überhaupt nicht vor Ort sind. Diouana sieht ihre Vorfreude auf Frankreich enttäuscht und fühlt sich eingesperrt, ohne Bezahlung und ohne Freiraum immer mehr wie eine Leibeigene behandelt. Bei einem Abendessen, das das Ehepaar für Freunde gibt, wird Diouana schließlich wie ein neues, schickes Accessoire vorgestellt und ein Gast küsst sie ungefragt, denn: „I've never kissed a negress before!“ Die Situation spitzt sich nach Ankunft der Kinder so sehr zu, dass Diouana schließlich in einem drastischen Akt ihre Konsequenzen zieht.

Eli Cortiñas, Quella che cammina (The one who walks), 2014, single channel video, 8'30'' Courtesy Eli Cortiñas, Soy Capitán, Berlin, Waldburger Wouters, Brüssel

Sembène thematisiert in seinem Film den grassierenden Rassismus der postkolonialen Gesellschaften, die die Bewohner der vormals kolonialisierten Länder mehr als Gebrauchsgegenstände denn als Menschen betrachtet und behandelt. Immer wieder redet das Paar in der Gegenwart von Diouana über sie, als sei sie ein Kleinkind oder Tier.

Das Ich kommt nicht zur Ruhe

Interessanter Weise ist es fast ausschließlich die Ehefrau, die ihre Macht über die Angestellte ausspielt und diese drangsaliert. „La noire de …“ erzählt so die bittere Geschichte von Fremdzuschreibungen bei gleichzeitiger Unfähigkeit, sich auch nur annährend selbst klar verorten zu können. Dass Fremdzuschreibungen zum Teil auch Selbstbeschreibungen sein können, sehen wir auch in „Quella che cammima“: die aus dem Off erklingenden Stimmen scheinen wie das freudianische Über-Ich und Es auf das Ich einzureden, das selbst nicht so recht weiß, wie es mit all den Anforderungen überhaupt fertig werden soll. Das im Titel bezeichnete Subjekt, das stets läuft, mag man so vielleicht auch als das Ich selbst verstehen, das niemals zur Ruhe kommen kann.

La Noire de..., Image via fullunemploymentcinema