22. Juli 2016

Holger Wüst präsentiert in der Juli-Ausgabe des DOUBLE FEATURE seine Arbeit „Die sozialdemokratische Denkungsart. Ein Bild als Film“.

Von Daniel Urban

Glaubt man der aktuellen Berichterstattung und den Umfragewerten, ist es in Europa seit einiger Zeit nicht sonderlich gut um die Sozialdemokratie bestellt. Aber so simpel wie auf den ersten Blick ist die Realität dann häufig doch nicht aufgestellt: Während die einen sehr wohl nicht mehr ausmachen können, wofür die klassischen Parteien der Sozialdemokratie aktuell überhaupt noch stehen und sie von links zu überholen suchen, sehen andere die sozialdemokratische Politik gar im kompletten Parteienspektrum manifestiert und wissen so davon zu berichten, dass mittlerweile gar konservative Regierungen sozialdemokratisch a- und regieren. Die Frage, was Sozialdemokratie überhaupt bedeuten soll, ist damit freilich noch gar nicht berührt, augenscheinlich bleibt nur, dass die Ideologie des demokratischen Sozialismus auch 2016 weder vollständig ausbuchstabiert noch -radiert ist.

Holger Wüst, Die sozialdemokratische Denkungsart. Ein Bild als Film, 2012, Image via holgerwuest.tumblr.com

Holger Wüsts (*1970) Arbeit „ Die sozialdemokratische Denkungsart. Ein Bild im Film“ aus dem Jahr 2012 führt das große Wort und die hieran anknüpfenden Assoziationsketten schon im Titel. Die 45-minütige Arbeit ist tatsächlich ein Film über ein Bild: Über den gesamten Zeitraum gleitet die Kamera bedächtig und sich Zeit nehmend über eine von Wüst erstellte Fotocollage, verliert sich in kleinen Details, ändert die Einstellungsgröße und taucht immer tiefer, bis sie herauszoomt und den Blick auf das gesamte Panorama freigibt. Das Schwarz-Weiß-Bild erinnert in seiner melancholischen Farblosigkeit an Michelangelo Antonionis Filme der frühen 1960er-Jahre: Zu sehen sind die Bauten des Brutalismus, dessen Kritiker diese architektonische Spielart in ihrer kalten Erscheinungsweise gerne als Ausdrucksform des Totalitarismus bezeichnen.

Eine triste und faszinierende Welt

Zwischen oder auch auf den Bauten ragen immer wieder große Marx-Statuen hervor, auf einem Gebäude steht eine riesige King-Kong Figur, zwischen den mächtigen Pranken ein Schild mit der Aufschrift „Sale“ haltend und die auf Marx’s Warentauschtheorie verweisenden Buchstaben G-W-G prangen in riesigen Lettern auf Hochhäusern. Auf der Straße sind Tagelöhner und Bauarbeiter zu sehen, eine Marschkapelle zieht über die Straße, daneben Gael García Bernal aus Michel Gondry‘s „La Science des rêves“ (Science of sleep) mit riesigen Händen, der Kapelle anscheinend zuwinkend. An den kalten Mauern und Bauzäunen hängen politische Plakate und Aushänge vom Marx-Lesekreis (die Kamera nähert sich diesen so sehr, dass man sie lesen kann) oder sind linke Slogans („Fight Back“, „Humankapital zu Menschen“, „Smash Capitalism“) angebracht.

Holger Wüst, Die sozialdemokratische Denkungsart. Ein Bild als Film, 2012, Image via holgerwuest.tumblr.com

Die Arbeit lässt offen, ob Wüst hier seine Interpretation als quasi Bestandsaufnahme der sozialdemokratischen Denkungsart illustriert oder ob der Betrachter tatsächlich objektiv „Die sozialdemokratische Denkungsart“ im Sinne einer sozialdemokratischen Sicht auf die Welt gezeigt bekommt. So oder so ist es eine triste wie auch faszinierende Welt: bestehend ausschließlich aus Beton, rein auf den Menschen bezogen (auffällig die Abwesenheit jedweder Natur), wolkenverhangen.

Inspiriert von Alfred Hitchcocks "Vertigo"

Als Lieblingsfilm hat sich Holger Wüst Chris Markers „La jetée“ (z. dt. „Am Rande des Rollfeldes“) aus dem Jahr 1962 ausgesucht. Der Film des französischen Fotografen, Essayisten und Multimediakünstlers besteht bis auf eine Ausnahme ausschließlich aus Fotoabzügen, die in einer Fotomontage zu einer Science-Fiction Geschichte verwoben werden, narrativ begleitet von einem Erzähler aus dem Off. Die Handlung ist inspiriert von Alfred Hitchcocks Film „Vertigo“ und hatte wiederum großen Einfluss auf Terry Gilliams „12 Monkeys“, der als Remake von „La jetée“ bezeichnet werden kann.

Holger Wüst, Die sozialdemokratische Denkungsart. Ein Bild als Film, 2012, Image via holgerwuest.tumblr.com

Chris Marker, La jetée, 1962, Filmstill, Image via sf-fan.de

Erzählt wird die Geschichte eines namenlosen Gefangenen (Davos Hanich), der nach dem dritten Weltkrieg mit Überlebenden in den Pariser Katakomben lebt. Der Mann ist besessen von der frühen Kindheitserinnerung an eine Begegnung mit einer unbekannten Frau am Pariser Flughafen Orly und erlebt wiederkehrende Flashbacks. Diese starken mentalen Zustände erwecken das Interesse von Wissenschaftlern, die Probanden für ihre Zeitreisen-Experimente suchen: Im Gefangenen sehen sie einen geeigneten Kandidaten für Ihr Experiment, bei dem bis dato alle Versuchspersonen aufgrund der starken mentalen Eindrücke dem Wahnsinn anheimfielen. In seinen Zeitreisen in Zukunft und Vergangenheit kommt der Gefangene seinem eigenen Kindheitsgeheimnis schließlich immer näher.

Film ist 24 mal Lüge die Sekunde

Der poetische „Photoroman“ gilt weithin als Meisterwerk und versteht es in seinen kontrastreichen Schwarz-Weiß-Fotografien den Betrachter mittels seiner eigenwilligen Erzählform vollständig in den Bann zu ziehen. Chris Marker wie auch Holger Wüst nutzen Fotografien als Ausgangspunkt für Film und schaffen durch ihre Arbeitsweise Einzelbilder im doppelten Sinn: einmal durch die verschiedenen Bilder bzw. Ausschnittsvergrößerungen selbst, in technischer Hinsicht jedoch im Transfer auf das analoge oder digitale Filmformat, das je Medium wiederum aus 24, 25 oder 30 Einzelbildern pro Sekunde besteht. Ob man nun dem französischen Filmemacher Godard („Film ist 24 mal Wahrheit pro Sekunde“) oder dem österreichischen Michael Haneke („Film ist 24 mal Lüge die Sekunde“) Recht geben mag: dem Zauber, der dem einzelnen Bild innewohnt und der sich explizit offenbart, wenn das Einzelne mit der Masse der anderen Einzelbilder zu einem Ganzen verschmilzt, haftet eine Aura des Wahrhaftigen an, die sich in beiden Werken zeigt. Ob das vielleicht gar mit der „sozialdemokratischen Denkungsart“ gemeint ist, muss dann jeder mit sich selbst ausmachen.

Chris Marker, La jetée, 1962, Filmstill, Image via passiveaggressive.dk