16. September 2014

Namensgeber des gleichermaßen gehassten wie auch wohl unverzichtbaren Berufsstandes und damit auch der aktuellen Ausstellung 'Paparazzi!' ist die Figur Paparazzo aus Federico Fellinis Kult-Film 'La Dolce Vita'.

Von Daniel Urban

Der schöne oder aber auch hässliche Schein, die Repräsentation dessen, was im eigenen Leben scheinbar fehlt, zieht noch die allermeisten in den Bann. Der Freude über das königliche Brautpaar eines fremden Landes wie auch der Ergötzung am Zerbrechen einer Beziehung von Personen des öffentlichen Lebens liegt derselbe Mechanismus zu Grunde: die Hoffnung darauf, dass noch etwas anderes existiert, das über das eigene kleine Leben hinausgeht, und die anschließende Erleichterung darüber, dass schlussendlich dort alles genauso wie im eigenen Leben zu sein scheint.

Federico Fellinis Film "La Dolce Vita" aus dem Jahre 1960 macht dies zu einem führenden Motiv. In wunderschönen, kontrastreichen schwarz-weiß Bildern gewährt der Film für sieben Tage und Nächte Einblick in den Alltag des in Rom lebenden Reporters Marcello Rubini (Marcello Mastroianni). Rubini berichtet aus dem Leben der Schönen und Reichen, wiewohl er selbst kein übergeordnetes Interesse mehr an diesen hat. Besondere Reize, seien sie nun intellektueller oder sexueller Natur, vermögen es jedoch nach wie vor, seine Sehnsucht auf das andere, das bessere Leben zu wecken. Zum einen geschieht dies in Form seines intellektuellen Freundes Steiner (Alain Cuny), der das Versprechen eines bedeutungsvollen und moralisch integreren Lebens in sich zu tragen scheint. Auf der anderen Seite in Form der schwedisch-amerikanischen Schauspielerin Sylvia (Anita Ekberg), die durch ihre kindliche Unbedarftheit bei gleichzeitiger erotischer Ausstrahlungskraft Rubini ganz in ihren Bann zieht. Zur Erfüllung der Versprechen kommt es freilich nicht: der depressive Steiner tötet seine Kinder und sich, die Schauspielerin Sylvia kann Rubini nie ganz erreichen und lässt frustriert ab. Zurückgeworfen auf sich selbst und enttäuscht vom falschen Schein, bleibt Rubini nur die Flucht in den Zynismus, seit jeher Hort desillusionierter Idealisten.

Allgegenwärtig in "La Dolce Vita" sind ebenjene Pressefotografen, die man hat heute als Paparazzi zu bezeichnen gewohnt ist. Walter Santesso mimt den stets aktiven und auf den perfekten Schnappschuss spekulierenden Fotojournalist Paparazzo, welcher Marcello Rubini beruflich zur Seite steht. Nie trifft man die Pressefotografen alleine an, wie im Schwarm geistern sie zur jeder Tages- und Nachtzeit durch die Straßen Roms, immer auf der Suche nach dem nächsten Skandal. Insektengleich umkreisen die Fotografen die Objekte ihrer Begierde und greifen notfalls auch ins Geschehen ein, um das gewünschte Bild zu erhalten.

Dich interessiert doch nicht, was Du erlebst / nur das, was Du davon erzählen kannst

Die etymologische Herkunft des Wortes Paparazzo ist umstritten: gehen einige von einer Wortneuschöpfung aus Begriffen italienischer Dialekte für „Stechmücke" und „Blitzlicht" aus, führen andere den Namen auf den Hotelbesitzer Coriolano Paparazzo zurück. Dieser wird in einem Reiseführer, der Fellini und seinem Drehbuchautor Ennio Flaiano bei den Vorbereitungen zum Film in die Hände fiel, erwähnt. Fellini war laut Flaiano sofort vom Klang des Namens beeindruckt und war sich sicher, den perfekten Namen für die Figur des Pressefotografen gefunden zu haben.

Vorbild für die Rolle des Paparazzo war der italienische Fotograf Tazio Secchiaroli. Ebenjener gründete Mitte der 1950er-Jahre die "Agenzia Roma Press Photos" und avancierte zum gefürchtetsten Pressefotografen Roms. Aufgrund seiner Methoden geriet Secchiaroli des Öfteren auch mit Prominenten aneinander und wurde so z.B. 1958 vom Schauspieler Walter Chiari angegriffen (und lieferte hiermit gleich wieder einen wunderbaren Paparazzi-Shot).

Ganz so bunt treiben es die Paparazzi in "La Dolce Vita" noch nicht. Fellini ist vielmehr an einer Dekonstruktion des Rummels um Stars und Sternchen und deren Klasse zu Grunde liegendem Mechanismus interessiert: Der Faszination vom Glanz, der die eigene Mattheit aufpolieren soll, hierzu aber natürlich nie in der Lage ist. Betroffen hiervon sind selbstredend nie nur die Anhimmelnden, sondern im gleichen Maße auch die Angehimmelten selbst.