24. August 2016

Broncia Koller-Pinell ist eine der wichtigsten österreichischen Künstlerinnen der Jahrhundertwende – obwohl ihr Name heute beinahe in Vergessenheit geraten ist.

Von Katharina Cichosch

Die Logik der Berühmtheit folgt wohl auch in der Kunst denselben Prinzipien wie überall. Put a name on it: Dalí, Vater aller Surrealisten. Warhol, Erfinder der Pop-Art. Van Gogh, Begründer der modernen Malerei (und außerdem: die Sache mit dem Ohr). Monet, Personifizierung des Impressionisten schlechthin, und, um auch eine weibliche Künstlerin zu bemühen: Kusama, die Meisterin der Punkte. Dass diese Zuordnung immer auch eine Verkürzung darstellt, geschenkt. Folgt man dieser simplen Logik, so ist es eigentlich kaum verwunderlich, dass Broncia Koller-Pinell als eine der wichtigsten österreichischen Künstlerinnen der Jahrhundertwende gelistet wird – obwohl ihr Name heute weitestgehend in Vergessenheit geraten ist (weshalb Koller-Pinells Name folgerichtig auch noch auf einer anderen Liste auftaucht, „The Forgotten women Artists of Vienna 1900“ von Julia M. Johnson).

Broncia Koller-Pinell, Selbstbildnis, vor 1930, Image via wikimedia.org

Einen bestimmten Stil ihr zuzuordnen, muss zwangsläufig scheitern: Die Malerin ließ sich von unterschiedlichsten Künstlern und Künstlergruppen beeinflussen, folgte aber keiner Schule und mochte sich auch gesellschaftlichen Strömungen wie dem gerade aufkommenden Feminismus nicht vollends verschreiben. Austausch und Prozess der künstlerischen Praxis schienen wichtiger als die permanente Selbstverortung. Dieser Umstand, aber sicherlich auch der schlichte Fakt, dass sie nun einmal weiblichen Geschlechts war, machten Broncia Koller-Pinell und ihr Werk zur Angriffsfläche: Dilettantisch sei es, ohne Richtung und beliebig. Trotzdem galt die Malerin zu ihren Lebzeiten als wichtige Größe innerhalb der Wiener Kunstszene, mit einem bedeutenden Einfluss auch auf später weltberühmte Künstler wie Egon Schiele.

Austausch und Prozess

Broncia Koller-Pinell profitierte nicht zuletzt von ihrem liberalen Elternhaus: Zu einer Zeit, in der Frauen der Zugang zur Kunstakademie grundsätzlich verwehrt und allenfalls der Weg in ausgewähltes Kunsthandwerk blieb, finanzierte ihr der Vater Saul privaten Malunterricht. Geboren wird die Künstlerin als Bronisława Pineles 1863 im damals österreichischen Galizien, wenige Jahre später zieht die Familie nach Wien. Mit der sogenannten „Damenakademie“ des Münchener Kunstvereins bietet sich der jungen Malerin 1885 immerhin die Möglichkeit, sich in einer geschlechtergetrennten Kunstklasse weiter zu professionalisieren.

Broncia Koller-Pinell, Schlafendes Kind (Die Tochter der Künstlerin), 1903, Wien Museum

Die Künstlerin war früh auch einer größeren Öffentlichkeit präsent: Bereits mit Mitte zwanzig nimmt sie an der Internationalen Kunstausstellung in Wien teil, später wird sie in der legendären Galerie Miethke präsentiert, eine der wichtigen Stätten der österreichischen Moderne. Die aufkommenden Ideen und Richtungswechsel in der Kunst saugt die Malerin begierig auf, von verschiedenen Reisen in Europa nimmt sie den französischen Impressionismus mit, aber auch das lebendige Wien mit Gruppen und Strömungen wie der Sezession oder den Wiener Werkstätten beeinflussen Broncia Koller-Pinell.

Unerhörte Aktbilder

Ihr künstlerisches Repertoire lässt sich weniger an Hand eines Stils zusammenfassen als vielmehr in einer Haltung: Koller-Pinell nähert sich ihren Malobjekten, oftmals sind es Menschen und oft stehen sie allein im Bild, in einer Art emphatischer Distanz. Hieraus ergibt sich eine nicht selten melancholische Atmosphäre, die feministische Interpretationen als Verbildlichung der damaligen weiblichen Situation in der Gesellschaft deuten möchten: Die Frau bleibt gefangen im Hause, einsam, aber die Malerin macht sie auch in diesem Moment nicht zum bloßen Opfer der Umstände, sondern rückt die persönlichen Charakteristika ihrer Porträtierten in den Fokus. Das Interieur im Hintergrund hingegen schert Koller-Pinell kaum: Mal deutet sie mit ein paar Strichen eine Wand an, oft bleibt es bei ein und derselben Farbe. Auch hierdurch gewinnt die jeweilige Person im Bild besondere Bedeutung.

Broncia Koller-Pinell, Stehender Akt am Spiegel, 1934, Image via wikimedia.org

Ein für damalige Verhältnisse geradezu unerhörtes Aushängeschild im Werk der Malerin sind die Aktbilder: Als das Tabu, Frauen an Kunstakademien zuzulassen, wenn überhaupt gerade allmählich gelockert wurde, da brach Broncia Koller-Pinell schon das nächste in diesem Fall ungeschriebene Gesetz, dass sich der Anblick nackter Körper für Frauen so gar nicht zieme. Akte nehmen daher einen weiteren wichtigen Part im Gesamtwerk der Künstlerin ein und finden sich in allen Jahrzehnten ihres künstlerischen Schaffens, von der Jahrhundertwende bis hin zum „Stehenden Akt am Spiegel“ 1934 kurz vor ihrem Lebensende.

Das nahezu fotografische Auge

Neben Porträts und Akten malt die Wienerin Innen- und Außenansichten, Stillleben und Straßenszenen. Wo ihre Porträts sich ganz auf den Menschen konzentrieren, da bleibt Koller-Pinell hier umgekehrt ganz beim Interieur respektive der Häuseransicht: Menschen finden sich seltener im Bild. Auch die Farbholzschnitte, die in der aktuellen SCHIRN-Ausstellung zu sehen sind, verströmen eine gewisse Melancholie. Spannend ist das nahezu fotografische Auge, mit dem die Ausschnitte gesetzt werden: Die schneebedeckten Dächer, die Marktszene, auch das schlafende Mädchen geben allesamt nur einen kleinen Einblick in ein ganz offensichtlich größeres Panorama. Auch hier zeigt sich Broncia Koller-Pinells enorm moderner Blick in einer Zeit, in der die ersten Fotokameras gerade eben erst für ein breiteres Publikum auf den Markt gebracht wurden.

Broncia Koller-Pinell, Das große Dach, 1903, Wien Museum

Eine schöne Gemeinheit, die auf die Person abzielt und damit auch das Werk meint, ist die Floskel „Frau von…“. Auch Koller-Pinell soll einst von einem Freund als „talentierte Frau eines berühmten Mannes“ bezeichnet worden sein, was womöglich sogar noch wohlwollend gemeint war.

Der Salon der Familie Koller: Wo Künstler ein- und ausgingen

Zugang zum Salon dürfte jener Freund trotzdem behalten haben, denn die Malerin liebte Diskussionen: In ihrem Haus, das sie mit ihrem Ehemann Hugo Koller bewohnte, gingen Künstlerkollegen und Intellektuelle, Musiker, Philosophen und angeblich auch der Vater der Psychoanalyse Sigmund Freud ein und aus. Hier war der Ort, an dem Broncia Koller-Pinell neben ihren zahlreichen Reisen neue Bekanntschaften schloss, neue Eindrucke und Ideen gewann und an andere weitergab. Später wurden auch ihre Kinder, insbesondere Silvia, und deren Partner (Sohn Rupert heiratete die Tochter von Gustav und Alma Mahler) wichtige Diskussionspartner. Treffpunkt war nicht Wien, sondern das beschauliche Oberwaltersdorf rund 35 Kilometer vor den Toren der Stadt. Hier hatte Broncias Vater Saul eine kleine Textilfabrik besessen, die nach seinem Tod von der Künstlerin und Freunden wie Josef Hoffmann sowie Kolo Moser neu eingerichtet und zum Salon umgebaut wurde. Die Diskussionen im Hause sollen legendär und lebhaft gewesen sein und nicht zuletzt Egon Schiele wichtige Impulse für seine Arbeit geliefert haben.

Broncia Koller-Pinell, Mädchen mit rotem Haar, um 1905, Universität für angewandte Kunst Wien, Kunstsammlungen und Archiv

Die persönliche Lebenssituation ändert sich für Broncia Koller-Pinell spätestens mit dem Ende des Ersten Weltkrieges: Den wachsenden Antisemitismus im Land bekommen die Jüdin, ihre Familie und ihre Kinder immer deutlicher zu spüren. Den Zweiten Weltkrieg erlebt die Künstlerin nicht mehr, sie stirbt 1934 in Wien – und wird, ebenso wie ihr Werk, vielleicht kaum zufällig vergessen. Neben ihrem Geschlecht dürfte hierzu nicht zuletzt auch beigetragen haben, dass Broncia Koller-Pinell jüdisch und zudem wohlhabend gewesen war, wie es zumindest der Maler Albert Paris Gütersloh auf den Punkt brachte: Die Wertschätzung eines bestimmten (und für den Maler offenbar vorherrschenden) Publikums könne ihr Werk so jedenfalls nicht gewinnen. Erst 1961 erhielt die Künstlerin posthum eine große Ausstellung in Wien, initiiert durch ihre Tochter Silvia, die die Erinnerung an das Œuvre ihrer Mutter wieder zu reanimieren versuchte.

Broncia Koller-Pinell, Alte Dächer (Blick über das Freihausviertel, Wien), um 1903, Wien Museum