19. Februar 2013

Kurator Matthias Ulrich besuchte die Eröffnung der Ausstellung „Glam! The Performance of Style“ in der Tate Liverpool. Ab Juni ist "Glam!" in der SCHIRN zu sehen.

Von MATTHIAS ULRICH

Eine Reise von Frankfurt nach Liverpool stellt man sich folgendermaßen vor: man steigt in Frankfurt ins Flugzeug und kurze Zeit später auf dem John Lennon-Airport wieder aus. In der Realität beginnt sie, die Reise, auf dem Frankfurter Flughafen, kurze Zeit später landet man in Manchester, dort steigt man in den Zug und erreicht nach einer knappen Stunde Fahrzeit das Ziel. In der malerisch an der Küste gelegenen, von alten vielmastigen Segelbooten eingerahmten Tate Liverpool führt Darren Pih eine Gruppe von etwa 40 Journalistinnen durch die von ihm kuratierte Ausstellung mit dem Titel „Glam! The Performance of Style", die im Sommer in der SCHIRN zu sehen sein wird, um an- und abschließend Station im Lentos in Linz zu machen. Für England ist diese mit über 300 Exponaten ausgestattete Schau eine Sensation, da hier mit der Zusammenführung von Kunst, Mode, Musik und Design die Grenzen der Disziplinen überwunden werden und eine ästhetische Transformation stattfindet, für deren Charakter der Begriff „Camp" von Susan Sontag prädestiniert scheint.

Das Zentrum dieser vor allem an der männlichen Sexualität und männlichen Konventionen sägenden Erscheinung befindet sich in London um 1971 bis 1975: hier erscheinen die in Kunsthochschulen kreierten Avatare Roxy Music und Ziggy Stardust auf den Bühnen und das Startum des Jedermanns wird zelebrierten. Der Weg von hier zu Warhols Factory liegt auf der Hand, wo eine ebenso avantgardistische wie hedonistische Feier der Künste schon einige Jahre früher stattfand und der 15-minütige Ruhm Velvet Underground zur Geburt und einigen anderen Factory-Besuchern zur Karriere verhalf.

Die selten gezeigten Porträts von Schuhen, die Warhol Mitte der 1950er-Jahre gemacht hat, und ein Federkostüm, in dem Brian Eno 1973 auf dem Innencover des „For Your Pleasure"-Albums von Roxy Music steckte, fügen sich zusammen wie die mit Glitter verzierten Kollagen von Richard Hamilton oder die janusköpfigen Porträts des deutschen Künstlers Ulay. Eine der verstörendsten Arbeiten der Ausstellung ist die nachgerade ikonische Installation „Celebration? Realife" von Marc Camille Chaimowicz aus dem Jahr 1972, in der das pop-kulturelle Manifest der Glam-Ära -- die Fusion des Alltäglichen, der Party, des Vorübergehens und des Scheiterns -- über den ganzen Raum verteilt ist.

Nach einem regnerischen Vormittag und Mittag blieb es den Rest des Tages trocken. Eine Schneise des Konsums mit kulinarischen Stationen von Jamie Oliver bis zum deutschen Bierkeller, die in den letzten fünf Jahren entstanden sein muss, verbindet das Küstengebiet Liverpools mit seinem alten Zentrum, durch die ich meinen Fußweg zum Hotel in der Hope Street zurücklege, um mich für die offizielle Eröffnung um 18 Uhr zurechtzumachen. Im Zwergenstil trägt Ulay am Abend eine Wollmütze auf dem Kopf und wärmt seinen Leib mit einem beigefarbenen Dufflecoat; eventuell lauert ja darunter das Hawaii-Hemd, das er auf einigen seiner Auto-Polaroids damals getragen hat. Eher sind es die in den 1970er-Jahren Geborenen, die eine diesem Eröffnungsabend adäquate Garderobe ausgewählt haben.

Überhaupt ist das Publikum, das vor dem Eingang der Tate mit einer großen Diskokugel begrüßt wird, überwiegend jung und wird in der Lobby mit Madonna aus den Boxen in Schwingung versetzt. Anders als bei uns werden hier keine Reden gehalten -- zumindest nicht solche, die an alle gerichtet sind. Ich bin enttäuscht, empfinde das als schlechten Stil und überlege, ob diese uns so geläufigen Rituale mehr sein können als nur der Ausdruck einer Autorität oder die Begründung von Identitäten. Wir, meine Kollegin Chantal Eschenfelder und Stefan Weil von der Agentur Markgraph, bleiben dennoch erstmal im Foyer stehen und stoßen mit Weißwein an.

Dicht gedrängt steht man im ersten Raum der Ausstellung, die sich im vierten Stock über eine Fläche von knapp 1.000m² erstreckt. Die Geräusche der sich unterhaltenden Menschen verweben sich mit der Musik der Videos zu einem brainwashenden Soundteppich. Wie eine präzise gespielte falsche Note hebt sich aus der Masse plötzlich das Gesicht Alexis Vaillants hervor, dem Co-Kurator der SCHIRN-Ausstellung "Geheimgesellschaften", der anlässlich der parallel laufenden Eröffnung der Künstlerin Sylvia Sleigh im Galerieraum im Erdgeschoss der Tate Liverpool zugegen ist und anschließend auch auf der Glam-Party in einer umfunktionierten Fabrikhalle namens „Camp & Furnace" gesehen wurde.

Per stiller Post, die von Sir Nicholas „Nick" Serota, Direktor der Tate, über Gavin Delahunty, Head of Exhibitions der Tate, höflich an uns weitergetragen wurde, kam das Zeichen zum Aufbruch in eben jene Fabrikhalle. Ein süßlicher, grüner Aperitif, von zwei gut aussehenden Drags als „Hot Shot" dargeboten, erweckte die Sinne für die als „camp" zu bezeichnende Atmosphäre einiger im Raum verteilter Wohnwagen und der im Biertisch und --bank-Stil gehaltenen Möblierung.

Jemand, der seit 15 Jahren zum ersten Mal wieder Schuhe trägt, hat entweder ein tiefes Trauma im Gepäck oder lebt in Miami Beach. Der neben Mick Rock und Guy Bourdin zu den wegweisenden Glam-Fotografen zählende Karl Stoecker könnte jedenfalls, allem äußeren Anschein nach, genauso auf dem Surfboard nach Liverpool gelangt sein. Aus Stoeckers Zusammenarbeit mit dem Mode- und Pose-Designer Antony Price gingen Bilder hervor, die den Glam-Look maßgeblich beeinflussten, wenn nicht sogar vorgaben, wie etwa die Fotos für die ersten Roxy Music-Platten beweisen. Mit Ulay suche ich den kalten Raucherraum unter freiem Himmel auf, um über einen Vortrag von ihm während der Ausstellungslaufzeit in Frankfurt zu sprechen, auf den er sich schon sehr freut. Ich bin gespannt auf seine demnächst erscheinende Monografie, von der mir die rumänische Kuratorin und Kunstkritikerin Maria Rus Bojan berichtet, und auf die zahlreichen Arbeiten, die sie mir bei einem Besuch in Amsterdam zeigen möchte.