06. August 2012

Ingrid Pfeiffer besuchte die FRIEZE in London und entdeckte während ihres Aufenthalts nicht nur hoch gelobte zeitgenössische Positionen: Edgar Degas ermöglichte ihr einen frischen Blick auf die spannenden Ausstellungen.

Von INGRID PFEIFFER, KURATORIN

Seit die Kunstmesse FRIEZE 2003 in London gegründet wurde, hat sie sich sofort fest im Terminkalender derjenigen etabliert, die sich besonders für zeitgenössische Kunst interessieren. In den ersten Jahren entwickelte sich die Messe zum ernsthaften Konkurrenten für die Art Cologne, die dann schließlich von ihrem traditionellen Termin Anfang November auf das Frühjahr verschoben wurde und erst seit etwa zwei Jahren wieder mehr an Glanz gewinnt. Der erste Enthusiasmus und die hohe Qualität der FRIEZE haben aber mittlerweile etwas nachgelassen. Die amerikanischen Sammler, die noch vor wenigen Jahren als der Maßstab für gute Geschäfte galten, kommen aufgrund wirtschaftlicher Probleme und wegen der hohen Londoner Preise nicht mehr jedes Jahr. Ihnen bleibt die Art Basel Miami Anfang Dezember, bei der nicht nur zeitgenössische Positionen, sondern auch die Klassische Moderne in bester Auswahl präsentiert werden.

EINE ART RICHTER-SCHAULAGER

Doch London lohnt immer eine Reise. Meistens gibt es im Herbst in den Museen große und spannende Ausstellungen, die man nicht versäumen sollte, von den zahlreichen Galerien mit hoher Qualität ganz abgesehen. Dieses Jahr zieht es die meisten Besucher ganz sicher zur Retrospektive von Gerhard Richter in die Tate Modern. Die Ausstellung wird anschließend in der Neuen Nationalgalerie in Berlin gezeigt, und es ist nur zu hoffen, dass sie dort großzügiger gehängt sein wird.

Die Überfülle von Richters Bildern in den sehr kleinen Räumen in der Tate erschwert die Rezeption und vor allem den Genuss, denn es drängt sich der Eindruck auf, dass hier lange Listen von Bildern geordert wurden, ohne dass man sich vorher überlegt hat, wohin man sie nachher hängen soll. Es stellt sich die Frage, wie sehr der Künstler in diesen Prozess involviert war – und ob statt einer dramaturgisch schlüssigen Ausstellung eher eine Art Richter-Schaulager eingerichtet werden sollte? Von diesen Mängeln der Präsentation abgesehen ist es ein beeindruckendes Werk voller Überraschungen, und es gibt zwischen den bekannten Serien auch vergleichsweise unbekannte Exponate zu bewundern. Es wird übrigens auch spannend sein zu beobachten, wie das englische Publikum und die Presse auf einen deutschen Künstler reagieren, zu dessen Themen das zerstörte Dresden gehört.

Es ist immer zu begrüßen, wenn nicht nur Museen und Kuratoren vergessene Künstler wieder entdecken, sondern auch Galerien sich für Künstler engagieren, die lange Zeit im Verborgenen gearbeitet haben. Die Installationen der 1944 geborenen Phyllida Barlow in dem wunderbaren alten Haus der Galerie Hauser & Wirth am Piccadilly füllen alle Etagen und gehören zum Aufregendsten, was London zurzeit zu bieten hat. Mit unterschiedlichsten Materialien und einer Mischung aus Minimalismus und spielerischem Humor verwandeln die Werke das Gebäude vom obersten Stockwerk bis in den Keller in ein Labyrinth der Objekte.

DIE ANFÄNGE DER MODERNE

Wenn es um große Malerei geht, ist es gut, von hoch gelobten zeitgenössische Positionen wieder den Blick zurück zu richten, auf die Anfänge der Moderne. Deshalb ist der Besuch der Degas-Ausstellung in der Royal Academy ein absolutes Muss: Die Pastelle mit den Ballett-Motiven gelten als typische Plakat- und Postkartenkunst, als dekorativ und im heutigen Sinne unmodern – doch welch ein Irrtum! Steht man vor den Originalen, entpuppen sich die Figuren als ungeschönte, manchmal fast grobe und hart arbeitende junge Frauen. Die Kompositionen sind voller Brüche, dynamischer Diagonalen, unerwarteter Details wie Treppen, „abgeschnittener“ Beine und unglaublicher Farben. Degas ist ein Meister darin, leere Flächen stehen zu lassen und das Schöne und das Hässliche in spannungsvolle Balance zu bringen. Wer solch einen Pionier der Moderne vor Augen hat, geht mit neuem Blickwinkel zurück auf die Kunstmesse und schaut noch kritischer auf teure und oft zu Unrecht hochgelobte Produktionen der Gegenwartskunst.

MINIMALISMUS UND SPIELERISCHER HUMOR

Zwei weitere Highlights der Saison sind die Ausstellungen von Pipilotti Rist in der Hayward Gallery und Wilhelm Sasnal in der Whitechapel Gallery. Bei der oft prämierten Schweizer Künstlerin gefiel mir ein Film auf drei großen halbkreisförmigen Screens am besten, in dem sowohl ein Wildschwein als auch eine rothaarige junge „Eva“ parallel zueinander durch tiefes Gras robben und sich beide auf animalisch-komische Weise an Fallobst wie Äpfeln gütlich tun. Die Künstlerin hat schon immer auf leichtfüßige Weise mit Frauenbildern gespielt und eine unverwechselbare mediale Bildsprache gefunden. Nicht umsonst heißt die Ausstellung „Eyeball-Massage“, denn sie verbreitet gute Laune und passt als Kontrast gut in die sonst recht kühle Beton-Architektur der Hayward-Gallery.

Das Werk des polnischen Künstlers Wilhelm Sasnal wurde bereits vor einigen Jahren im Frankfurter Kunstverein und im K21 in Düsseldorf ausgestellt. Als Vorlage für seine halb abstrakten, halb figürlichen und eher kleinformatigen Gemälde dienen Sasnal vor allem Fotos, eigene oder gefundene, doch die Vorlagen sind kaum noch zu ahnen und vielfältig überarbeitet. Motivisch bewegen sich die zahlreichen Arbeiten ­– Sasnal ist mit über 700 Gemälden bereits ungeheuer produktiv – zwischen Oberflächenstrukturen und Andeutungen von Narration. Man denkt dabei unwillkürlich auch an Gerhard Richter und Luc Tuymans. Die Frage, was Malerei heute ist oder sein könnte, scheint im Zentrum dieser geheimnisvollen Bilder zu stehen.

RUHEPOL INMITTEN DER HEKTISCHEN STADT

Jedes Jahr entsteht gegenüber der Serpentine Gallery in den Kensington Gardens ein neuer temporärer Pavillon eines wichtigen Architekten. In diesem Jahr hat der Schweizer Peter Zumthor einen „Hortus Conclusus“ geschaffen, einen klaren schlichten Bau aus dunklem Holz, in dessen Innenhof sich ein Umgang befindet, ähnlich wie in einem Kloster. In der Mitte des rechteckigen Baus befindet sich ein Garten aus Wildblumen. Dieses Ensemble soll für die Betrachter einen Ruhepol bilden inmitten der hektischen Stadt.

Parallel dazu wird in der Serpentine Gallery eine Ausstellung von Anri Sala gezeigt, von dem bereits 2004 in in der SCHIRN in der Ausstellung „3 Minuten“ ein eigens dafür produzierter Film zu sehen war. Sala hat die Räume der Serpentine Gallery in einen großen Resonanzraum verwandelt und zeigt verschiedene Filme und Soundperformances, auch dies ein Highlight der diesjährigen Saison in London.