06. August 2012

Wir haben die Künstlerin Haris Epaminonda, letztes Jahr mit der Ausstellung „Chronicles“ in der SCHIRN zu sehen, in ihrem Atelier in Berlin besucht.

Von Sabine Weier

Nach der Einzelausstellung „Haris Epaminonda. Chronicles“ in der SCHIRN im Sommer 2011 und einer Ausstellung im Museum of Modern Art in New York im vergangenen Jahr steckt die junge zypriotische Künstlerin Haris Epaminonda gerade mitten in der Vorbereitung für ein neues Film-Projekt. Bereits nachdem Haris Epaminonda 2007, im Alter von 27 Jahren, den Pavillon ihres Landes bei der 52. Venedig Biennale bespielte, stellte sich der internationale Erfolg ein. Wir sprachen mit ihr in ihrem Atelier in ihrer Wahlheimat Berlin über den Moment des Unkontrollierbaren und darüber, warum das Archaische eine junge Künstlerin wie Epaminonda so fasziniert.

SCHIRN MAGAZIN: Sie kommen gerade aus der Schweiz zurück, wo Sie zusammen mit Daniel Gustav Cramer einen Teil des Projekts „The Infinite Library“ ausgestellt haben. Sie arbeiten dafür ausschließlich mit gefundenen Büchern?

Haris Epaminonda: Ja. Wenn wir auf Reisen sind, durchstreifen wir Bücherläden und bringen immer einiges mit. Später schauen wir uns die herausgelösten Seiten an und entscheiden, mit welchen wir weiterarbeiten. Dann binden wir sie zu einem neuen Buch. Wir gehen vieles konzeptionell an, manches entscheidet sich aber auch intuitiv, dann liegen plötzlich zwei Seiten nebeneinander und erzählen eine kleine Geschichte.

SM: Man könnte von einer filmischen Methode sprechen, da entscheidet ja auch die Montage über das Ergebnis.

HE: Im Grunde sind Bücher Filmen ähnlich. Jedes Buch hat einen Anfang, ein Ende und eine ganz eigene Logik. Wir experimentieren einerseits mit dem Format der Bücher selbst, andererseits mit den Möglichkeiten, die sich durch dieses Format in den Präsentations- und Ausstellungssituationen eröffnen. So können sie beispielsweise als Objekte in Vitrinen liegen oder Seite um Seite projiziert werden.

SM: Im vergangenen Jahr haben Sie in der Schirn die „Chronicles“ als siebenkanälige Videoinstallation mit Musik ausgestellt, später im Museum of Modern Art in New York haben Sie den Filmen noch Objekte hinzugefügt, die ausgestellt auf Sockeln mit den Videoarbeiten und der Musik eine noch vielschichtigere Installation ergaben. Ist dieses Wachsen der Arbeit im kreativen Prozess Teil Ihrer Herangehensweise?

HE: Wenn man eine Arbeit entwickelt, durchläuft man in immer neue Phasen, das könnte endlos so weiter gehen. Und es gibt ganz unterschiedliche Herangehensweisen, etwa über das Medium oder über eine Idee. Ich war immer an Filmbildern interessiert und daran, wie man ohne klassische Narrative emotionale Bildfolgen kreiert. Das meiste ergibt sich im Arbeitsprozess. So war es auch bei der „Chronicles“-Serie: Über mehrere Jahre habe ich mit meiner Super-8-Kamera auf Reisen und im Atelier gefilmt und diese Filmrollen archiviert. Erst viel später entwickelte sich die Idee zu diesem Projekt. Obwohl es sich um das Medium Film handelt, habe ich einige Projektionen eher wie Stills behandelt.

SM: Einige Ihrer Motive erinnern an zeitgenössische Fotografen wie Elad Lassry oder Annette Kelm. Auch sie arbeiten mit Objekten, die sehr artifiziell vor farbigem Hintergrund inszeniert sind.

HE: Jeder Künstler, auch Annette und Elad, entwickelt eine eigene Bildsprache. Ich habe beim Durchblättern meiner Sammlung älterer Bildbände festgestellt, dass schon früher viele Objekte vor farbigen Hintergründen fotografiert wurden. Im Prinzip bediene ich mich einer klassischen Methode, um Objekte zu inszenieren. Die jeweilige Farbe spielt dabei für mich eine wichtige Rolle. Auf gewisse Weise denke ich wie ein Maler, zum Beispiel: Hier muss ein bisschen mehr Rot rein.

SM: Ihre Arbeiten sind also sehr vielschichtig, sie bewegen sich zwischen Fotografie, Film, Malerei und anderen Disziplinen.

Ich arbeite nicht medienspezifisch, aber es war immer der Wunsch da, verschiedene Medien zu einer Art dreidimensionalem Bild zusammenzufügen. Ich versuche, einen gedanklichen und physischen Raum zu schaffen, in dem die einzelnen Elemente in Beziehung stehen und eine Art nicht-lineare Narration ergeben.

SM: Das ist Ihnen bei „Chronicles“ gut gelungen.

HE: In diesen Arbeiten integriere ich häufig das Sonnenlicht als Element. In den „Chronicles“ ist zum Beispiel eine Aufnahme der Akropolis zu sehen, die ich gefilmt habe, als die Sonne hinter den Wolken hervor kam und wieder verschwand – obwohl sich die Komposition selbst nicht verändert, ist die Stimmung des Bildes ständig in Bewegung. Ich arbeite gerne mit dem Moment des Unkontrollierbaren, ich suche nach dem, das plötzlich und unvorhergesehen passiert.

SM: Sie arbeiten mit einer Super-8-Kamera, Polaroid und anderen analogen Medien. Reflektieren Sie so auch die Evolution des medialen Blicks auf die Welt?

HE: Nicht direkt, aber ja, wenn man Bilder aus der Vergangenheit anschaut, führt das einem schon diese Veränderung in der Wahrnehmung vor Augen. In den 1950er- oder 1960er-Jahren zum Beispiel war die Erfahrung der Welt eher eine pittoreske, fast malerische, in den Reisebüchern dieser Zeit wurden Bilder ganz anders behandelt und reproduziert.

SM: Sie zeigen gerne antike Motive, etwa Tempel, Skulpturen oder Amphoren. Fasziniert Sie das Archaische?

HE: Ich glaube, diese einfachen archaischen Dinge erinnern den Betrachter daran, woher er kommt und dass es eine Geschichte gibt, an der er für einen kurzen Moment teilnehmen kann. Ganz gleichgültig, ob diese Objekte aus Asien oder Afrika stammen, irgendwie sind sie alle miteinander verknüpft und verbinden so die Menschen, die sie vor tausenden Jahren geschaffen haben mit denen, die sie heute in den Händen halten.

SM: Sie erforschen in Ihren Arbeiten aber auch die jüngere Vergangenheit, etwa indem Sie Seifenopern der 1970er Jahre abfilmen und weiterverarbeiten. Viele Videokünstler nähern sich diesen vergangenen Ästhetiken ja auch in einer Art medienarchäologischen Herangehensweise.

HE: Ich denke, wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Ich habe das Gefühl, dass Künstler mit solchen Arbeiten nach den Überbleibseln einer ausgehenden Ära greifen. Medien, Politik, Gesellschaft – alles verändert sich so radikal, dass man nach Kontinuität sucht.

SM: Woran arbeiten Sie gerade?

HE: Ich bereite gerade einen Film vor, den ich im Sommer auf Zypern in verschiedenen Locations drehen werde. Es werden Schauspieler dabei sein, das erste Mal. Vieles wird inszeniert sein, aber ich werde auch das integrieren, was einfach passiert.