13. April 2017

Die Berliner Musiker Perera Elsewhere, Air Max '97 und Ziúr sind live bei SCHIRN AT NIGHT am 22. April zu erleben. Einen Vorgeschmack gibt ihr Interview auf dem SCHIRN MAGAZIN.

Von Julia Schmitz

SCHIRN MAG: Wie seid ihr Musiker geworden bzw. wann habt ihr angefangen, Musik zu machen? 

Ziúr: Das ist nichts, was ich bewusst entschieden habe, es ist einfach passiert. Irgendwie war ich schon immer Musiker, das Interesse an Musik hat in frühen Jahren einfach übernommen. Ich mache und organisiere Musik seit langem. Als ich jung war, habe ich viel gesungen, hatte aber nie den Drang, ein Instrument zu lernen – bis ich mit 17 einer Punkband beigetreten bin. Da hab ich festgestellt, dass ich tatsächlich Talent habe! Ich hatte schon immer eine Gitarre und nahm Schlagzeug-Unterricht als Kind, wollte es aber nie wirklich lernen – ich kann bis heute keine Noten lesen und finde es auch nicht wichtig. Ich kann also alles spielen, aber nicht wirklich – zumindest kann ich mit allen Instrumenten einen Ton erzeugen. Mir geht es mehr um Rhythmus und Wiederholung. 

Air Max '97: Mir geht es ähnlich wie Ziúr! Meine erste Erfahrung mit Musik hatte ich mit Experimental noise. Als Kind habe ich nie ein Instrument gelernt, bis heute habe ich das nicht getan, aber ich versuchte damals, mir das Gitarre spielen beizubringen. Darin war ich ziemlich schlecht und generell sehr befangen in meinen ersten Versuchen, Musik zu machen. Als ich mit dem Studium an der Kunsthochschule begann, zog ich in ein Haus mit Künstlern, sie hatten kollektive Studios und eine Galerie und machten jede Woche gemeinsam Musik. Sie fragten mich, ob ich mitmachen wollte, doch ich antwortete, dass ich zu schlecht sei – ich sollte trotzdem dazukommen, sagten sie. Das war total befreiend für mich! Ich merkte, dass ich tatsächlich etwas beitragen konnte. Diese experimentelle und eher intuitive Beziehung zur Musik trage ich noch immer in mir. Auch wenn ich diese Art von Musik nicht mehr mache, sondern Sound zum Tanzen, habe ich mir seitdem einige Fähigkeiten angeeignet. Auf jeden Fall mache ich erst seit kurzem Musik. 

Perera Elsewhere: Durch pures Glück! Als ich ein Kind war sagte mir meine Mutter, ich solle Klavier spielen, aber das habe ich aufgegeben. Dann habe ich etwas Gitarre, indische Violine und Trompete gelernt und aufgegeben. Nie hatte ich meine eigenen Sachen gemacht. Als ich 2000 nach Berlin zog, gab es hier diese große DIY-Kultur, die mich ermutigte, mein eigenes Ding durchzuziehen, ohne besonders gut darin zu sein.

Ziúr, Foto Claudia Kent

SM: Alle eure Künstlernamen sind eher ausgefallen. Gibt es Anekdoten dazu? 

Air Max '97: Dazu gibt es keine tiefgründige Geschichte, ich hab den Namen eher aus Spaß gewählt. Aber ich habe mich schon immer für Sneakers interessiert und halte es für eine Art rebellische oder ikonoklastische Geste, den Namen eines Konsumproduktes zu nehmen und ihn in einem völlig anderen Kontext zu verwenden. Es ist interessant, denn dieser Name verfolgt mich sehr! Ich weiß jetzt, dass viele Menschen richtig viel Zeit in diese Sneakers investieren und die Idee dahinter auch auf meine Musik projizieren. Manche denken auch, '97 sei mein Geburtsjahr, aber das stimmt nicht! 

Ziúr: Mein Künstlername lässt ganz viel Platz für eigene Interpretationen, denke ich. Ich habe ihn nicht gewählt, er hat mich gefunden. 

Perera Elsewhere: Mein Name bedeutet, dass Perera – das ist mein Nachname – nicht abwesend ist, aber auch nicht dort, wo sie eigentlich sein sollte. Für mich beinhaltet er die Freiheit verschiedener Bereiche, sowohl musikalisch, als auch politisch oder geistig. Viele nicht-englischsprachige Menschen haben allerdings ein Problem, den Namen auszusprechen. Jedenfalls suchte ich nach einem Namen, den man nicht abkürzen und verniedlichen konnte.

Air Max '97, Foto JT De Mallory

SM: Wie würdet ihr eure Musik jemandem beschreiben, der sie nicht kennt? 

Perera Elsewhere: Wenn ich Musik mache denke ich nicht darüber nach, wie man sie nennen könnte. Aber im Internet kursiert der Hashtag „doom folk“ zu meiner Musik. Da ich auch denke, dass wir alle verdammt sind, passt das. Es wäre auch sehr langweilig, es als „avantgarde-experimentell-elektro-akustik-Musik“ zu betiteln, aber manche tun das vielleicht. Manche Menschen sind überrascht, dass ich eher ruhige Musik mache, weil ich noch eine andere Band namens „Jahcoozi“ habe, deren Musik sehr laut ist und bei der ich über die Bühne renne. Die Texte sind auch eher politisch. Die meiste Club-Musik, die ich heute auflege, hat kaum Text. 

Air Max '97: Laute, emotionale Musik für die Tanzfläche. Als Zuhörer suche ich immer nach dem Moment, in dem mich die Musik aus mir selbst herausholt, mich von innen nach außen stülpt. Darauf arbeite ich wahrscheinlich immer hin. Mich inspirieren viele verschiedene Dinge, aber das kann ich nicht konkretisieren. Ich gebe mir Mühe, meine eigene Geschichte zu erzählen. 

Ziúr: Die eigenen Sachen zu beschreiben ist echt schwer und ich mag es auch nicht. Meine Musik ist wie eine andere Sprache, eine Art des Ausdrucks, den ich nicht in Worte übersetzen kann und will. Musik ist für mich nicht linear, sie geht gleichzeitig in alle Richtungen. Zumindest nutze ich sie so. Um das zu erreichen, werfe ich so viel wie möglich zusammen. Außerdem bin ich schnell gelangweilt und versuche, neue Wege zu finden, um es für mich interessant zu machen. Es ist ein Prozess, der sich stets verwandelt und hoffentlich niemals aufhört. Wenn es keinen Raum für Steigerung gibt, höre ich auf. 

Perera Elsewhere: Es ist total wichtig, die Leute nicht zu langweilen. Niemand hier am Tisch macht desinteressierten tech house!

SM: Was habt ihr für eine Beziehung zu zeitgenössischer Kunst? 

Perera Elsewhere: Ich habe kürzlich eine Ausstellung der „Guerilla Girls“ in London gesehen; die gibt es ja schon seit etlichen Jahren, sie machen ihre Sachen in Museen und Galerien, um auf den Mangel an Vielfalt aufmerksam zu machen. Dieses Thema wird gerade zu Mainstream, was ich sehr interessant finde. Bei Musik kann ich mir so viel merken, aber bei Kunst ist es anders: Ich muss mir die Namen nicht merken oder in Unterhaltungen fallen lassen. Als wir mit Jahcoozi angefangen haben, sagten uns Leute, „das ist so DADA“ - ich musste es erst im Lexikon nachschlagen, weil ich keine Ahnung hatte, was das ist. 

Ziúr: Ich gehe gerne zu Eröffnungen und schaue mir die schicken Menschen an, die sich über die Frikadellen am Büffet streiten! Air Max '97 und ich haben uns bei einer Ausstellung von Ryan Trecartin kennengelernt, einem großartigen Videokünstler aus den USA, der wilde Videos mit einem Überfluss von Sprache macht. Aber bei Kunst ist es für mich ein Problem, dass du den Hintergrund kennen musst, um sie zu verstehen. Wenn es mich interessiert, recherchiere ich dazu. Aber die meiste Zeit gefällt mir etwas oder eben nicht. 

Air Max '97: Ich war selbst lange im Kunstkontext unterwegs, aber sehr ängstlich – meine Beziehung zu mir selbst als Musiker ist definitiv gesünder. Aber Kunst ist großartig!

Perera Elsewhere

SM: Woran arbeitet ihr gerade? 

Air Max '97: Ende April kommt auf meinem eigenen Label DECISIONS ein neues Album heraus, es ist eine 5-track-EP namens „Vessel“. Ich spiele ein paar Shows in Europa und Kuala Lumpur in diesem Jahr und suche nach Kooperationen mit verschiedenen Sängern, um ein paar instrumentale Produktionen zu machen. 

Perera Elsewhere: Ich habe gerade die Arbeit an meinem Album beendet, das im Juni veröffentlicht wird, es wird auch ein paar Singles geben. Hauptsächlich werde ich reisen und mein Album promoten, denn das hat drei Jahre in Anspruch genommen. 

Ziúr: Ich arbeite gerade auch an einem neuen Album! Ich werde im Mai in Europa und Mexiko City spielen, vielleicht auch noch an anderen Orten in Südamerika. Außerdem arbeite ich an einer Performance mit einem Künstler aus London und schreibe die Musik für ein Tanzstück, das Ende des Jahres in den  Sophiensælen aufgeführt wird. Mein Jahr ist voll, würde ich sagen! 

SM: Danke für eure Zeit!