08. September 2015

Autorin, Künstlerin und Stylistin: Die Translantics-Schauspielerin Ella Plevin im Porträt

Von Anna-Lena Werner

Einen typischen Arbeitstag gibt es im Leben von Ella Plevin nicht, denn die 27-jährige Britin hat verschiedene Berufe: Sie ist Autorin, Künstlerin und Stylistin. "Ich mag die Vielfalt meiner Arbeit," erklärt Ella und kokettiert mit ihrer Existenz als ein "Jack of all trades, master of none" – einem scheiternden Tausendsassa. In der von ihrer Freundin Britta Thie entworfenen Serie "Translantics" spielt sie Nora Bloom, eine schöne Absolventin der Frankfurter Städelschule. Noras Charakter, so beschreibt es Ella, ist das Klischee der ernsten Kunststudentin, die einerseits "too cool for school" sei, und sich andererseits einfach nur wünscht von anderen gemocht zu werden. 

Ella hat selbst eine Kunsthochschule besucht und schöpft viel Inspiration für die Rolle – in der sie nicht nach Skript, sondern nach Improvisation spielt – aus ihren eigenen, früheren Vorurteilen gegenüber Kunststudenten. Am Londoner Camberwell College of Art and Design verbringt sie vier Jahre und erhält 2010 einen Bachelor in Illustration – einem Design-Beruf, dem sie bis heute nicht nachgegangen ist. Obwohl Ella mittlerweile die Seiten gewechselt hat, und "es einfacherer wäre, habe ich mich mit der Bezeichnung als Künstlerin nie wohl gefühlt."

Aufgewachsen in West-London, zieht Ella mit ihrer Familie in den ländlichen Vorort Buckinghamshire als sie elf Jahre alt wird. Ihre Eltern, die beide beim Film arbeiten, wohnen noch immer dort. Doch Ella fühlt sich von der Natur und den provinziellen Strukturen erdrückt, und sehnt sich nach der Stimulation des Stadtlebens. Bei einem Trip nach Berlin gefällt ihr der entspannte Lebensstil so gut, dass sie kurz darauf in den Kiez Neukölln zieht. Zurückkehren nach London will sie auch auf lange Sicht nicht mehr. Im Stadtteil Hackney hat Ella letztens ein Graffiti abfotografiert, auf dem "Social housing, not social cleansing" steht – für sie ein emblematisches Zeichen dafür, dass die Gesellschaft in der britischen Hauptstadt mittlerweile von Ungleicheit und neoliberalen Werten geprägt ist.

In Berlin beginnt Ella zu schreiben. Sie veröffentlicht Artikel im Sleek Magazine; schreibt über Mode, aufstrebende Designer und "Me, myself and art" – eine Serie über Art Selfies. Auch andere Kunst- und Kulturmagazine, wie Dazed Digital und Novembre publizieren ihre Texte. In ihrer Berliner Anfangszeit geht Ella oft in die heute geschlossene Times Bar in Neukölln, die von den amerikanischen Künstlern Lindsay Lawson, Calla Henkel und Max Pitegoff ursprünglich als Ort für zeitgenössische Kunst gegründet wurde. Dort lernt sie viele Künstler kennen – zum Beispiel Britta Thie – mit denen sie sich vernetzt und manchmal künstlerische Kollaborationen eingeht. Dafür ist sie generell sehr offen, denn sie glaubt das "die Idee eines individuellen Künstlers nicht mehr realistisch" ist. Jeder würde heute irgendwie kollaborieren.

In der Times Bar dated sie auch ihren jetzigen Lebensgefährten, den amerikanische Künstler Daniel Keller, mit dem sie seither gemeinsam Kunst produziert. Gerade erst haben die beiden am Wysing Art Centre das Drehbuch iDRIVE verfasst. Die Geschichte spielt in einer nahen, "post-neomodernen Zukunft", und handelt von den Hauptfiguren Kai Zuckerberg, der fiktiven Tochter von Mark Zuckerberg und Priscilla Chan, und Dalston Kutcher, dem fiktiven Sohn von Ashton Kutcher und Mila Kunis, die auf der Rückbank eines selbst-fahrenden-Autos sitzen und über politische Systeme diskutieren:

"Kai: CAR! Display location status! It’s simple D, we don’t need to be physically anywhere to be our own state. It’s all virtual technicalities, and we’ll be the pioneers. We’re standing at the brink of an incredible opportunity. We can build a new society from the ground up; a society of two. We’ll be the first non geo-located state in the world. Wherever you go, there we are!
Dalston: Doesn’t that mean our bodies could, like ... be invaded? [Increasingly anxious]"

Utopische Gesellschaftstheorien nimmt Ella durchaus ernst und stellt die grundlegende Frage, mit welcher Zukunft wir angesichts all der geerbten Probleme rechnen müssen. Vorstellungen neuer Systeme, wie sie in "iDRIVE" am Beispiel des nicht lokalisierbaren Körpers als flexiblem Staat besprochen werden, testen Ella und Daniel auch in anderen gemeinsamen Arbeiten aus: Die Skulptur "Seastead Figures (Polypool)" zeigt eine Gruppe von drei Personen, die eine Geschichte des "Cli-Fi" – der Klima Fiktion – erzählen. Sie bilden eine utopische Gesellschaft des Seasteading: eine tatsächlich existierende Praxis, bei der mobile Lebensräume, etwa Plattformen, auf dem Meer etabliert werden. Missfällt den Bewohnern die Ideologie eines Ortes, so können sie ihn verlassen und sich einem anderen anschließen. Oder sie können eine eigene Plattform gründen, insofern sich diese außerhalb territorial eingenommener Gebiete befindet. Bei der Skulptur, aber auch bei "iDRIVE", geht es den Künstlern um das Herausarbeiten neuer Gesellschaftsmodelle: In einer sich verändernden Welt der Zukunft stellen Freiheit und Flexibilität, menschliche Beziehungen und ihr Austausch für Ella und Daniel wichtige Prämissen dar.

Während Kategorien wie Post-Internet und Science-Fiction in den kollaborativen Arbeiten als Handlungsrahmen dienen, nutzt Ella sie auch als Mittel post-digitaler Ästhetik in ihrer Arbeit als Stylistin, zum Beispiel für das von Metahaven inszenierte Musikvideo "Interference" von Holly Herndon. Neue Technologien sind für Ella etwas grundsätzlich Positives, wodurch Kommunikation und soziales Dasein potenziell vervielfacht und verbessert werden kann. Auch sie selbst kommuniziert viel – oft selbstironisch – über soziale Medien wie Instagram, tumblr und Facebook und veröffentlicht dort Bilder aus ihrem Leben. Die Einflüsse aus der Online- und Offlinewelt verschmelzen in Ellas verschiedenen Berufen sichtbar zu einer digitalen Kollage menschlicher Geschichten, die sie als Plots in Stylings, Texten und künstlerischen Arbeiten einflechtet: "Ich fühle mich zu Orten hingezogen, wo sich Geschichten überschneiden. Ich bin von narrativen Metaphern und Archetypen angetrieben – Geschichten und Charaktere aufzubauen und dabei herauszufinden, was sie motiviert und wie es zum Vorschein kommt."