19. Juli 2016

Ein Werk, das Peter Halleys Arbeit wie kaum ein zweites beeinflusst hat, wurde vom Künstler, Kunsttheoretiker und -Lehrer Josef Albers geschrieben: „Interaction of Color“. Von seinem radikalen Potential hat das Buch trotz Op-Art-Inflation wenig verloren.

Von Katharina Cichosch

Schon in der Einleitung seines 1963 von der Yale University Press verlegten Buchs „Interaction of Color“ schreibt Josef Albers:

„In visual perception a color is almost never seen as it really is – as it physically is. This fact makes color the most relative medium in art.“

Josef Albers via fontblog.de

Albers, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits 75 Jahre alt ist, kratzt mit diesen Worten an dem, was lange Zeit schon als äußerst liberale Einsicht galt: Man sieht eben nicht bloß, was man weiß, wie Goethe formulierte. Das Beispiel der Farbwahrnehmung zeigt: Man sieht mitunter gar nicht, was tatsächlich vorhanden ist – sogar wider besseres und vorhandenes Wissen! Und damit nicht genug: Es sei einem Menschen nahezu unmöglich, so Albers, sich an einen spezifischen Farbton zu erinnern. Und obwohl eine unfassbare Vielfalt an Farben existiert, gerät ein jeder auch hier schnell an seine Grenzen: Nur für einen Bruchteil, vielleicht 20 bis 30, findet man überhaupt einen Namen. 

Dagegen ist „#TheDress“ kalter Kaffee 

Was war geschehen? Über fünfzig Jahre, bevor das Internet-Phänomen „#TheDress“ auch dem größten Ungläubigen vor Augen führte, wie unzuverlässig es um die eigene Farbwahrnehmung bestellt ist, hatten Josef Albers und seine Studenten bereits umfangreiche Studien über die veränderbare Wirkung von Farben durchgeführt. Albers bezieht sich dabei unter anderem auf Kandinsky, der das Thema der Wahrnehmung als ultimativen Ausgangspunkt für eine jede Kunst bereits in Büchern wie „Punkt und Linie zu Fläche“ erforscht hatte und der, wie Albers, zu einem ähnlichen Fazit gelangt war: Es kommt in der Bildenden Kunst vielmehr auf das "wie" als auf das "was" an.

Josef Albers, Interaction of Color, Image via bukowskis.com

Albers schrieb seine Erkenntnisse leicht verständlich auf, unterteilte sie in einzelne Kapitel und ordnete jedem entsprechende Farbtafeln zu. Ockerfarbene und braungrüne Diagonalen auf rotem und weißem Grund, schräge Farbstreifen in unterschiedlichsten Schattierungen von Rot und Blau, deren Geheimnis sich erst lüftet, wenn man die zugehörige Übung verfolgt. Spätestens bei der subtraktiven Farbsynthese gelangt man schnell selbst zur Einsicht und an die eigenen Grenzen: Schlicht unmöglich, das zu sehen, was hier so offen zu Tage liegt! Selbst der Besserwissende, geschult durch Kunsttheorie und skeptisch geworden durch die in den 90er-Jahren so beliebten Bilder mit optischen Täuschungen, muss verzweifeln an den Experimenten, die Albers und seine Studenten hier gut nachvollziehbar aufstellen: Man weiß, dass dieses Hellgrau und dieses nahezu Schwarz dieselbe Farbe haben, man kann es sogar mit  einfachen Tricks überprüfen, aber all dies bringt schlicht überhaupt nichts, keine Übung und keine Meditation können bewerkstelligen, dass Wahrnehmung und Wahrheit kongruent werden. Gegen eine volle Lektüre dieses Standardwerks ist „#TheDress“, die zugegeben abendfüllende Diskussionen anregende Frage darüber, ob jenes abfotografierte Kleid nun Weiß und Gold oder Schwarz und Blau gestreift ist, fast schon kalter Kaffee.

Als Bauhaus-Koryphäe in die USA 

Josef Albers umfangreiches Schaffen in wenigen Sätzen unterzubringen, muss scheitern. Und vielleicht ist „Interaction of Color“ deshalb besser als jede Biographie: Hier sind die Herzstücke seines Werkes, die Praxis als wissenschaftliche Arbeit vor der Theoriebildung, die Begeisterung sowohl für analytische Fragestellungen als auch für ganz handfeste Experimente und nicht zuletzt Albers von vielen Schülern gepriesenes Talent sowohl als Lehrer wie auch als Künstler in einem Werk zusammengebracht.

#TheDress, Image via wired.com

Josef Albers, Interaction of Color, Image via pinterest.com

Geboren und aufgewachsen ist Josef Albers im ländlichen Westfalen, 1888 in Bottrop. Nach seiner Ausbildung arbeitet er als Lehrer, bevor ihn Museumsbesuche mit der modernen Malerei anstecken. Die Bilder von Künstlern wie Paul Cézanne sollen seine Laufbahn bestimmen: Nach dem Studium unter anderem an der Kunstgewerbeschule Essen sowie an der Kunstakademie in München führt Albers Weg nach Weimar, wo er am berühmten Bauhaus erst studiert und später mit Kollegen und als stellvertretender Direktor selbst zu einer der Koryphäen der Kunstschule wird. Lehre und künstlerisches Arbeiten sind für Josef Albers von Beginn an untrennbar miteinander verknüpft. 

Farben denken? Vom revolutionären Gehalt Josef Albers 

Auch nach seiner Emigration in die USA, um den zunehmenden Repressionen der Nazis zu entgehen, macht er sich schnell einen Namen als herausragender Lehrmeister für die, die später selbst zu Größen werden sollen: Robert Rauschenberg war einst Schüler von Josef Albers, ebenso wie Cy Twombly und etliche weitere. Albers arbeitete nach dem Prinzip Austausch: Seine Schüler und Studenten waren ihm ebenso ebenbürtige Partner in der Erforschung der Farben wie Künstlerkollegen und Kunsttheoretiker. Unter seinen Kunstwerken ist wohl „Homage to the square“ aus dem Jahr 1959 das bekannteste – auch diese Zusammenstellung farbiger, ineinander verschachtelter Quadrate eine Einladung an den Betrachter, die Interaktion der jeweiligen Farben in einer stets gleichbleibenden Form mit eigenen Augen selbst zu entdecken.

Josef Albers, Homage to the Square: Glow, 1966, Image via dwell.com

Gut fünfundzwanzig Jahre, bevor Peter Halley Albers „Interaction of Color“ zum ersten Mal in den Händen hielt, erhielt das Werk äußerst gemischte Rezensionen: Zwar verkaufte sich das Buch bereits kurz nach Erscheinen sehr gut, die intellektuelle Öffentlichkeit aber nahm Anstoß an Josef Albers Ansätzen. Manch ein Kritiker schmähte das Buch als rein pädagogisches Machwerk, das keinerlei Relevanz für den aktuellen Kunstdiskurs besäße; selbst einer Verführung zum schlechten Geschmack sah man die junge Künstlergeneration durch Albers Buch ausgesetzt, wenn alles, so die Quintessenz der Rezensenten, nun also relativ sei. Wie so oft, wenn der Widerstand groß ist, offenbart er manchmal mehr über die Angreifer selbst als über das Objekt ihrer Kritik: Vielleicht ahnten seine Kritiker, dass es Josef Albers um sehr viel ging. Ein Wissenschaftler der University of Nevada in Las Vegas fasste zusammen, was den Kern von Josef Albers Schaffen, seinem Forschungsinteresse und seiner Analyse ausmacht:

In einer Zeit, in der eine erhöhte menschliche Sensibilität so ein offensichtliches Bedürfnis in allen Bereichen, in denen der Mensch involviert ist, darstellt, können Empfindsamkeit und ein Bewusstsein für Farbe eine Hauptwaffe gegen die Kräfte von Gefühllosigkeit und Brutalisierung bilden.

Josef Albers, Interaction of Color, Image via blogs.datalogics.com

Derart große Hoffnungen klingen heute leicht pathetisch, sind aber nicht ungewöhnlich für die Zeit kurz vor dem "Summer of Love", das danebengegangene Versprechen einer besseren Welt. Und trotzdem kann man sie durchaus gegen die enttäuschende Realität verteidigen: Äquivalent eines Philosophiestudiums, das entgegen heute gängiger Praxis erst dann überhaupt einen Mehrwert böte, wenn ein einziger eigener Gedanke zustande kommt, lässt sich „Interaction of Color“ als Initialzündung verstehen, selbst zu denken, Farben zu denken. Wenn deren als sicher geglaubte Eigenschaften erst einmal fallen, dann fallen auch alle anderen wie ein Kartenhaus in sich zusammen: Geometrie, ergo Form, und von hier ausgehend etliche weitere.

Der Verlust aller Gewissheiten wäre Albers zu Folge kein Drama an sich, sondern nötige Katharsis, um von hier aus tiefer in die Materie einzusteigen und so überhaupt erst zu wahren Erkenntnissen zu gelangen. Denn die Farbstudien sollten ja gerade nicht Zerstörung um der Zerstörung willen anrichten, sondern im Gegenteil erst ein feines Gespür für die visuelle Empfindung ermöglichen – Voraussetzung für jeden bildenden Künstler, so Albers Überzeugung, der „Interaction of Color“ nicht zuletzt als Grundlage für einen erst noch zu schaffenden Farbkreis betrachtete. Das unterscheidet ihn von seinen Kritikern, die in der konsequenten Analyse primär eine Bedrohung sehen oder die ihr revolutionäres Potential allein für die ganz praktische, künstlerische Arbeit schlicht verleugnen.

Josef Albers, Homage to the Square: Gained, 1959, Image via funnybunnymusic.tumblr.com