04. Februar 2016

Austausch, Information, Verbreitung: Zu Zeiten der Wochenschrift DER STURM waren Zeitschriften das Medium schlechthin. Ein Rückblick auf dem SCHIRN MAGAZIN

Von Katharina Cichosch

Tatsächlich hätte es ohne diese Zeitschrift keine Galerie und, zumindest in diesem Sinne, auch keine STURM-FRAUEN gegeben: Die erste Ausgabe von „Der Sturm – Wochenschrift für Kultur und die Künste“ erschien unter Herwarth Waldens Federführung 1910: Eine schlichte, aber formschöne Typografie, ein bisschen Erklärung, manchmal etwas mehr Text, vor allem aber: Ein großer Druck, Abbild eines Kunstwerks befreundeter oder in der Ausgabe besprochener Künstler. Sie war von Anfang an beides, oder vielmehr alles, wie typisch für die Anfänge der Kunstzeitschrift: Literarische und poetische Texte von Koryphäen wie Arthur Rimbaud erschienen hier neben Drucken von Kunstwerken; kritischer Austausch, politische Äußerungen gegen das wilhelminische Establishment und dessen Kriegspläne und natürlich auch Werbung für die eigenen Arbeiten hatten ihren jeweils eigenen Anteil am Blatt. Das Medium bot die Möglichkeit zur Knüpfung loser Netzwerke, lange bevor dieser Begriff zunehmend zur überpräsenten Losung nicht nur der digitalen Bohème gereichte, von Berlin nach Zagreb, von Wien nach Amsterdam.

Vom Kunstkritiker und Schriftsteller zum Galeristen

Aus diesen losen Freund- und Bekanntschaften erwuchs gar nicht selten dann auch Konkretes. Zwei Jahre nach seiner ersten Ausgabe feierte „Der Sturm“ auch schon seine hundertste, und das sollte gefeiert werden: Zum Jubiläum präsentierte Walden eine Ausstellung mit Werken unter anderem von Oskar Kokoschka, Edvard Munch und bis dato noch unbekannteren französischen Künstlern – die Zusammenstellung übernahm er von befreundeten Kuratoren, doch nach dem großen Zulauf sollten bald eigene Ausstellungen realisiert und kuratiert werden, wodurch Walden schließlich vom Kunstkritiker und Schriftsteller zum Galeristen wurde. Der Rest ist Geschichte: Nicht nur verhalf Herwarth Walden etlichen unbekannten Künstlern, sondern auch überdurchschnittlich vielen weiblichen Künstlerinnen zu einiger Bekanntheit. Die Zeitschrift existierte noch insgesamt weitere zwanzig Jahre lang, bis 1932, in der Zwischenzeit wurden neben der STURM-Galerie auch Bühne, Buchhandlung und eine Akademie unter selben Namen realisiert.

Von Amsterdam bis Zagreb: Mittel und Ausdruck der Selbstermächtigung

Erst mit der Entwicklung des Buchdrucks und hieraus folgend der zunehmenden Verfügbarmachung von Büchern, von geschriebenen Ideen und Gedanken, konnte so etwas wie die öffentliche Auseinandersetzung mit einem Phänomen wie der Bildenden Kunst überhaupt entstehen. Im Wandel ihrer rund 200-jährigen Geschichte hat die Kunstzeitschrift dabei unterschiedlichste Funktionen eingenommen, oft gleichzeitig: Sie war Mittel und Ausdruck der Selbstermächtigung von Künstlern, bot eine zumindest ideelle Unabhängigkeit vom Markt und von Institutionen, wie sie heute in der Form wohl nicht mehr denkbar ist, sie war Ideengeber und -Schaffer, Plattform für allerlei Albernheiten, für Spiel und Experimente, aber auch für Revolutionäres. Allein die Titel der unterschiedlichen Publikationen führen diese chamäleonartige Vielschichtigkeit vor Augen: Etwa zur selben Entstehungszeit von „Der Sturm“ fanden sich allein in Berlin ähnlich energische Titel wie „Der Gegner“ oder „Die Aktion“, in Zagreb kursierten die Ausgaben von „Zenit“, in denen zum Beispiel Vjera Billers Arbeiten präsentiert wurde, in Großbritannien veröffentlichte man „Blast“.

Manch eine Zeitschrift erschien bloß ein einziges Mal

Andere waren da durchaus bescheidener, nannten ihre Zeitschriften nüchtern „Het Overzicht“, der Überblick, programmatisch „Futuristy“, „Die Form“ oder „De Stijl“. Von den großartig albernen Titeln der Dada- und Satire-Publikationen, von Onomatopoetischem über reinen Nonsense bis zu Titeln wie „Der Blutige Ernst“ (mitherausgegeben von George Grosz), die heute einer Hamburger Punkband zu Ehren gereichen könnte (wieso hat sich noch niemand nach ihr benannt?), einmal ganz zu schweigen: Gerade die Kunstzeitschriften der frühen Generationen boten eine nie dagewesene Freiheit, nicht nur alles schreiben und drucken, sondern auch alles veröffentlichen zu können – in einem technischen Sinne, politische Zensur und kleinere Querelen außen vorgelassen. Und diese Kommunikation funktionierte in zwei Richtungen: Was heute in teuren Seminaren gern als Nonplusultra der Kommunikation propagiert wird, war zur Zeit von Walden, Grosz oder Francis Picabia mit seinem dadaistschen Manifest selbstverständlich: Kunstzeitschriften waren Austauschplattform der Avantgarde, boten immanent die Möglichkeit zur Reaktion und Aktion – in einer Folgeausgabe oder schlicht in einer eigenen Publikation. Manch eine Zeitschrift erschien bloß ein einziges Mal, andere, wie nicht zuletzt eben auch „Der Sturm“, über viele Jahrzehnte und Hunderte Ausgaben hinweg.

Extract from Dutch magazine De Stijl, with 'klankbeelden' by Theo van Doesburg, via Wikipedia

Kein Medium unter vielen

Wer heute eine beliebige aktuelle Publikation in die Hand nimmt, der kann sich nur noch schwer vorstellen, welche revolutionäre Kraft einst von diesem Stapel gedruckten Papieres ausging. Nicht einmal, weil die Kunstzeitschrift heute trotz ihres Anspruchs, Kritik und Auseinandersetzung zu bieten, natürlich (und kaum verwerflich) auch wirtschaftlich tragbar sein muss. Sondern vielmehr, weil ihre Geschichte eben nicht rückwärts denkbar ist: Als Zeitschriften wie „Der Sturm“ erstmals in größerem Stile verkauft wurden (und das in gut fünfstelliger Auflage), war eben dieses Medium in seinem Charakter zwingend. Es bot keine Alternative unter vielen, sondern war das Medium schlechthin. Für Austausch, Informationsgewinnung, für die Verbreitung und Diskussion von Ideen und Inhalte zu Dada, Futurismus und Surrealismus, Kunst und Literatur, Aktion und Reflektion, ätzender Satire und Gegenentwürfen zum lähmenden Geist der Jahrhundertwende, um nur einige zu nennen. Diese Eigenschaft des quasi Unabdingbaren können auch ästhetisch und ideell offenere Publikationen, Künstlerbücher oder gedruckte Manifeste heute allein aus diesem Grund nur schwer erreichen.