20. März 2017

Wie lässt sich das Phänomen René Magritte erfassen? In den gesammelten Schriften des Künstlers tummelt sich ein Panoptikum aus Träumen, Gesprächen, biographischen Anekdoten und künstlerischen Traktaten, die viel über ihn verraten.

Von Julia Schmitz

Politische Pamphlete, Manifeste zur Kunst, autobiographische Notizen, Zitate aus Briefen, Drehbücher, Interviewfragen und Antworten, Gedankenfetzen und Konversationspartikel: die gesammelten Schriften von René Magritte ziehen sich über einen Zeitraum von über 40 Jahren und sind mindestens so facettenreich wie seine Malereien - und genauso rätselhaft.

Sie lösen Verwirrung aus, regen zum Nachdenken an, sind irritierend, provozierend, abstoßend, inspirierend und verwunderlich zugleich: „Er war stolz, sein Butterbrot zu essen“, lautet der erste Satz eines Dossiers, welches Magritte zu schreiben versuchte, aber womöglich nie vollendete; „René Magritte befragt die lebendigen Steine“ ist ein Flugblatt von 1958 betitelt und unter dem Titel „Nicht gedachte Gedanken“ steht in bester Magritte'scher Manier: „Ich habe dies niemals gedacht.“

Ein gründliches Misstrauen gegenüber der Kunst

Ein Leben lang beschäftigte sich Magritte mit der Frage, welche Mission ein Künstler verfolgen sollte und welche Freiheiten er sich bei der Kreation seiner Werke herausnehmen kann. Er, der zeitweise lieber wieder als Werbegrafiker arbeitete, als seine Kunst der Gunst irgendeines Mäzens zu unterwerfen, sah sich auch im Rückblick nicht als Teil der Kunstszene: „Was die Künstler selbst betrifft, so verzichteten die meisten leichthin auf ihre Freiheit und stellten ihre Kunst in den Dienst von irgendwem oder irgendwas. Ihre Sorgen und ihre Ambitionen sind im allgemeinen dieselben wie die des erstbesten Karrieristen. So erwarb ich mir ein gründliches Mißtrauen gegenüber der Kunst und den Künstlern, ob sie nun offiziell anerkannt waren oder danach trachteten, es zu sein, und ich fühlte, daß ich mit dieser Zunft nichts gemein hatte.“

Brief mit Illustration von René Magritte an den Autoren Louis Scrutenaire

Magritte ging es nicht darum, irgendwem zu gefallen, er verfolgte ein höheres Ziel mit seinen Malereien: er wollte vertraute und alltägliche Gegenstände wie einen Stuhl, einen Apfel oder eine Pfeife „aufheulen lassen“, die natürliche Ordnung der Dinge  hinterfragen und durcheinanderwirbeln. Die surrealistische Bewegung bot sich wie eine Art großer Spielplatz für derlei Experimente an, denn „der Surrealismus fordert für das wache Leben eine Freiheit, die der, die wir beim Träumen haben, ähnlich ist“, liest man in seinen Notizen. „Surrealistische Spiele“ ist denn auch ein Text betitelt; kurze Sätze, die wie Regieanweisungen klingen und an den geheimnisvollen Kurzfilm „Der andalusische Hund“ von Luis Bunuel erinnern.

Die Psychoanalyse und das Mysterium der Welt

Doch bei aller Zugehörigkeit zu den surrealistischen Kreisen wird auch in seinen Schriften deutlich, dass Magritte die Forderungen und Mittel vor allem der Pariser Gruppe um André Breton bezweifelte, allen voran die sooft gerühmte Psychoanalyse: „Die Kunst, wie ich sie auffasse, sträubt sich gegen die Psychoanalyse […] Ich achte darauf, nur Bilder zu malen, die das Mysterium der Welt evozieren. […] Kein Vernünftiger glaubt, daß die Psychoanalyse das Mysterium der Welt erklären könnte.“

Brief von René Magritte von 1944, Image via sothebys.com

Magritte, der Zweifler: Zweifler an der Symbolkraft und Interpretierbarkeit gewöhnlicher Gegenstände und an der unveränderbaren Verbindung von Dingen und ihrer Bezeichnung, Zweifler an den eingefahrenen Denk- und Sehmustern des Menschen. In seinen Schriften wird deutlich, dass diese Zweifel der Antrieb für ihn waren, seine Bilder zu malen; immer mit dem Ziel, die Betrachter aus ihrem Schlaf der Gewohnheit zu wecken und ihnen bewusst zu machen: Hinter jedem Gegenstand befindet sich ein anderen Gegenstand – ob sichtbar oder nicht.