20. Oktober 2015

Kann man Musik in Malerei übersetzen und umgekehrt? Viele Künstler von Toulouse-Lautrec über Matisse bis zu Yves Klein haben sich daran versucht.

Von Lisa Beisswanger

Wer nicht zu jung ist oder die Neunziger mit Scheuklappen durchlebt hat, dem könnte der Titel der aktuellen Daniel Richter Ausstellung in der Schirn folgenden Ohrwurm in den Kopf setzen:  „Hello, (you fool) I love you. C'mon join the joyride...“ – ob der Künstler wohl Roxette mag? Daniel Richter ist zwar in erster Linie Maler, aber es ist kein Geheimnis, dass die Musik für ihn immer auch eine große Rolle gespielt hat. Der Ausstellungstitel ist nur ein weiteres Indiz dafür. Wie seiner Biografie zu entnehmen ist, hat er seit seiner Jugend mit Punk und Pop zu tun, gestaltet dann und wann Plattencover, Konzertplakate oder auch Bühnenbilder für die Oper. Ja, er besitzt sogar ein eigenes Plattenlabel. Es war auch bereits öfter zu lesen, dass er im Atelier viel Musik hört und dass er dort, neben Zeitungsausschnitten, Fotos und anderem inspirierenden Material, auch eine ansehnliche Plattensammlung angehäuft hat.

INTER­ES­SAN­TER­WEISE GEHT ES MEIST UM  ZEIT­GE­NÖS­SI­SCHE, POPU­LÄRE MUSIK

Daniel Richter liebt also offenbar die Musik. Auch wenn er immer wieder betont, dass seine Sprache einzig die Malerei sei, haben beide Kunstformen für ihn viel miteinander zu tun "Die Malerei ist wie die Musik—präzise aber auch unklar. Die Qualität eines Bildes ist nichts, was du in eine Sprache übersetzen kannst. Wenn du es übersetzen könntest, bräuchtest du kein Bild dafür." (vice, 2015) Gut, möchte man sagen, Malerei kann vielleicht nicht ohne Verluste in Sprache übersetzt werden. Aber wie sieht es mit der Übersetzung von Musik in Malerei aus, wenn doch laut Richter diese beiden Kunstformen so viele Gemeinsamkeiten haben? Wird Richters Musikaffinität in seinen Bildern sichtbar? 

Historisch betrachtet wäre Richter keineswegs der erste Maler, der sich mit solchen Übersetzungsfragen auseinandersetzt. Im Gegenteil, es gibt eine ganze Reihe an Künstlern, deren Werk die Schnittstellen zwischen Musik und Malerei untersucht. Interessanterweise geht es dabei, wie bei Daniel Richter, meist um jeweils zeitgenössische, populäre Musik. Da wären zum Beispiel die Maler der Belle Epoque, deren Werke zuletzt in der Schirn Ausstellung Esprit Montmartre zu sehen waren. Furiose Varieté Abende inspirierten diese Künstler zu ihren Gemälden und man kann den Cancan förmlich hören, wenn man Toulouse Lautrecs Bilder aus dem Pariser Nachtleben betrachtet. Häufig rücken dort sogar die Musiker selbst ins Bild. Abstrakter in jedweder Hinsicht findet Musik ihren Ausdruck bei Wassily Kandinsky. Als Synästhetiker konnte er Musik buchstäblich "sehen". Mit seinem schon als wissenschaftlich zu bezeichnenden Interesse an Farbklängen, versuchte er Musik visuellen Ausdruck zu verleihen und damit die Seele der Betrachter in Schwingung zu versetzen. Bildtitel wie "Komposition" und "Improvisation“ könnten ein Hinweis darauf sein, dass er sich für  Jazz interessiert hat.

Bilder von musi­ka­li­scher Subkultur

Das wiederum ist eindeutig bei Henri Matisse, der eine ganze Serie seiner Scherenschnitte Jazz genannt hat. Auch er bezieht sich damit hauptsächlich auf den offenen, improvisierten Charakter dieser damals neuen Musik. In der Nachkriegszeit dann begeisterte sich eine neue Malergeneration für den Jazz. Die Abstrakten Expressionisten, allen voran Jackson Pollock, waren vor allem von den Rhythmen fasziniert. Sie versuchten ihren Pinselduktus mit der Musik zu synchronisieren. Ähnliche Ansätze finden sich bei den Malern des Informel in Europa. Stakkato, Pausen, Klanggebilde wurden in abstrakte Malerei überführt. Eine solche wechselseitige Synchronisierung von Musik und Malerei strebte auch Yves Klein an, der in den 1960er Jahren eine aus nur einem Ton bestehende Symphonie komponierte, analog zu seiner monochromen Malerei. Beide sind Ausdruck seiner lebenslangen Faszination mit der der Leere und dem Nichts. Abschließend seien noch die Maler der 1980er-Jahre in Deutschland erwähnt, deren expressive Malerei im Zusammenhang mit der aufflammenden Punkbewegung steht. Man denke nur an Helmut Middendorffs dynamische Darstellungen von Punkmusikern auf der Bühne oder die Gemälde tanzender Besucher des legendären Clubs SO36 in Berlin. Mit diesen Bildern von musikalischer Subkultur schließt sich der imaginäre Kreis zur oben erwähnten Malerei der Belle Epoque. 

Die Malerei ist wie die Musik—präzise aber auch unklar.

Daniel Richter

Zurück zu Daniel Richter. In seinen Werken findet man eine bunte Mischung aus unterschiedlichen malerischen Referenzen zur (populären) Musik. Zum einen ganz explizit wie bei Toulouse-Lautrec oder Middendorff, in Form von Musiker- und Konzertdarstellungen. Solche finden sich zum Beispiel in Werken wie "Punktum" (2003), einer geisterhaft wie exzessiven Konzertszene, oder "Die Idealisten" (2008), das drei anonyme Superhelden in Rockstarposen vor einer merkwürdig ausgestorbenen Stadtlandschaft zeigt. Von einer Auseinandersetzung mit Popmusik als Massenphänomen und darin repräsentierten Machtstrukturen, können die Soldatengestalten auf Werken wie "Reflect" (2008), gedeutet werden, die Gitarren statt Gewehren tragen, oder Massenszenen wie "Les Paul Dictatorship" (2008), in denen ebenfalls mit Gitarren „bewaffnete“ Einzelpersonen einer Menschenmasse gegenüberstehen.

Sucht man nun nach weniger expliziten musikalischen Referenzen – analog zu Kandinskys Farbklängen – oder gar einem von Musik bestimmtem Pinselduktus wie bei den Abstrakten Expressionisten, stellt man schnell fest, dass Richters Malerei sich gegen eine solche „Verwissenschaftlichung“ sperrt. Dennoch zeugen sein anarchisches Spiel mit Referenzen, die düsteren wie grellen Farben und die oft klecksende, schlierende Maltechnik von einem genialen Dilettantismus, der durchaus einer Punk-und New Wave-Haltung entspricht. Für Richters neueste Werkserie gilt auch dies nur bedingt. Es finden sich dort keine expliziten musikalischen Referenzen mehr, weder in den Titeln noch in den Bildsujets. Im Vergleich zu früheren Werken könnte man ihnen sicher eine fröhlichere „Stimmung“ bescheinigen und ihre offene, spielerische Form legt es nahe, von „Farbklängen“ und „Improvisationen“ zu sprechen. Wir wollen aber nicht überinterpretieren, denn Malerei lässt sich nicht einfach entpacken und auf ihre Zutaten zurückführen, seien sie musikalischer oder anderer Art. Malerei will erlebt werden.

Wer trotzdem einen direkten Zusammenhang dieser Gemälde mit Musik herstellen möchte, könnte den umgekehrten Weg gehen und einen kleinen Selbstversuch in der Ausstellung wagen. Nennen wir ihn Synästhesie für Anfänger. Dazu brauchen Sie nur Ihr Smartphone oder einen iPod und Kopfhörer. Wie betrachten sich die Bilder etwa mit Roxette auf den Ohren? Versuchen Sie es gerne auch einmal mit "Hello I love you" von den Doors, was eine weitere Referenz der Ausstellung ist. Wie dem auch sei, viel Freude beim audiovisuellen "Joyride".

DANIEL RICHTER. HELLO, I LOVE YOU, Exhibition view © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2015, Photo: Norbert Miguletz