Was wäre Hitchcocks „Psycho“ ohne die Streicher? Oder „Singing in the Rain“ ohne den Stepptanz? 9 Filme, in denen Sound und Musik die Hauptrolle spielen.

Nach dem Ende der Stummfilm-Ära prägen Sounds und Soundtrack unweigerlich den Film – mal mehr, mal weniger augenfällig. Doch es gibt Filme, in denen Ton und Musik eine ganz besondere Position einnehmen: Gewissermaßen eine der Hauptrollen, um die sich Drehbuch, Protagonisten oder vielleicht auch schlicht das Publikum drehen. 

Music For One Apartment And Six Drummers

Obwohl das Prinzip im Youtube-Zeitalter inzwischen hinlänglich bekannt ist und gern für alle nur erdenklichen Zwecke und Formate genutzt ist, hat dieser Kurzfilm seinen Charme nicht verloren: 2001 konnte man dabei zusehen, wie ein schwedisches Schlagzeuger-Kollektiv in eine Wohnung einbricht, deren Besitzer gerade mit dem Hund raus gegangen sind. Daraufhin fliegen die Gläser auf den Boden, werden Schranktüren geknallt, Pantoffeln über den Teppich geschlurft und Tabletten aus ihrem Blister gedrückt – all dies in präzise abgestimmtem Rhythmus und zum einzigen Zweck, den (vermeintlich) bestmöglichen Sound aus den Dingen herauszuholen.

Ola Simonsson und Johannes Stjärne Nilsson, Music for One Apartment and Six Drummers, Image via media-amazon.com

MUSIC FOR ONE APARTMENT AND SIX DRUMMERS

Kurzfilm von Ola Simonsson und Johannes Stjärne Nilsson

Berberian Sound Studio

Einen Film drehen, der hauptsächlich das zeigt, was sonst hinter der Kamera passiert, wollte Regisseur Peter Strickland mit seinem 2012 erschienenen „Berberian Sound Studio“. In diesem reist der britische Sound-Engineer Gilderoy (Toby Jones) für eine Auftragsarbeit nach Italien, um, wie er glaubt, einen Film über Pferde zu vertonen. Wie Gilderoy bald herausfindet, handelt es sich aber vielmehr um einen italienischen Giallo-Film – ein Konglomerat aus Thriller-, Horror- und Mystery-Elementen – der auf merkwürdige Weise ins echte Leben hineinzuragen scheint. Stricklands surrealer Horrorfilm besorgt das große Grauen fast ausschließlich über den Ton, nicht das Bild, und verweist gekonnt auf die oft missachtete Kunst der Soundinszenierung und deren fast unbegrenzte Möglichkeiten.

Junun

In seiner ersten Produktion für einen Digital-TV-Anbieter (MUBI) dokumentiert der Regisseur P. T. Anderson eine ungewöhnliche Plattenproduktion: Das „Junun“ betitelte Album ist eine Gemeinschaftsarbeit des israelischen Komponisten Shye Ben Tzur mit dem britischen Komponisten und „Radiohead“-Gitarristen Jonny Greenwood, „Radiohead“-Producer Nigel Goodrich und dem indischen Rajasthan Express-Orchester, aufgenommen, geprobt und gefilmt vor der Kulisse des Mehrangarh Fort, einer prächtigen Anlage aus dem 15. Jahrhundert. Zwischen dem dicken, sandsteinroten Gemäuer verlieren sich alle Beteiligten und schließlich auch das Publikum, derweil Gitarren gestimmt, Sitar und Gesangsstimmen geprobt und Anekdoten ausgetauscht werden.

Singin’ in the Rain

Es ist sicher keine ungewollte Ironie, dass jener Film, der 1952 ein regelrechtes Feuerwerk des damals beliebten Musical-Formats zündete, ausgerechnet vom Untergang der Stummfilm-Ära und somit vom Beginn des Tonfilms handelt. „Singin’ in the Rain“ ist zunächst eine leichtfüßige, gut erzählte Komödie über das Hollywood der 1920er Jahre, in der allerhand gesungen wird. So weit, so gewöhnlich. Grandios wird der Film durch seinen heimlichen Star: Den Stepptanz, den seine Hauptdarsteller, allen voran aber Gene Kelly aufs Parkett legen. Dessen Taps und Shuffles begleiten die besten Szenen des Musicals und dürfen auch bei „Good Morning“ nicht fehlen, dem Lied, bei dem die drei Protagonisten eine gesamte Songlänge lautstark über alles vom Treppenaufgang bis zur Couch steppen, das ihnen im Weg steht.

Filme von Jan Švankmajer

Der tschechische Künstler und Regisseur gilt als Urgestein des Animationsfilms – und animieren ist bei Jan Švankmajer im ursprünglichen Sinne wörtlich zu nehmen: Er belebt Obst und Gemüse, Küchen und Schränke, Knetgesichter und allerlei kuriose Wesen und Objekte so eindringlich, als seien sie mit einem Geist beseelt worden. Das Ergebnis sind Filme vom Ultrakurz- bis zum Langspielformat, die eines gemeinsam haben: Ihre Wirkung beruht zu einem guten Teil auf dem gekonnten Einsatz von Geräuschen, Tönen und Musikschnipseln, die erst die Illusion von Bewegung und Beseeltheit der Dinge erschaffen.

Psycho

Ein jeder, auch wenn er Hitchcocks „Psycho“ niemals gesehen hat, kennt wohl Bernard Herrmanns Filmmusik mit seinen atonal kreischenden Stakkato-Cluster-Geigen aus dem 1960 erschienenen Meisterwerk. Herrmann wollte zunächst gar nicht am Film mitwirken, konnte Hitchcock produktionsbedingt doch nur einen Bruchteil seiner üblichen Gage zahlen. Aus der Not des geringen Budgets macht er dann eine Tugend: Er komponierte lediglich für ein Streicher-Ensemble statt für ein ganzes Orchester.

Und er widersetzte sich – typisch Herrmann – glücklicherweise gleich mehreren Anweisungen Hitchcocks: Dieser wollte nämlich einen zeitgemäßen, jazzigen Soundtrack haben und die Mordszene sollte explizit nicht mit Musik unterlegt werden. Dass der Film auch heute noch so gut funktioniert, liegt nicht zu geringem Anteil an Herrmanns Musik – Hitchcock selbst sah die Wirkung seines Filmes zu einem Drittel in der Musik begründet und verdoppelte das Budget des Komponisten schließlich doch noch. Die Mordszene unter der Dusche mit Bernard Hermanns Musik ist mittlerweile ein Allgemeinplatz der Popkultur.

2001: A Space Odyssey

Der Fluch eines jeden Filmmusikkomponisten, die sogenannte „Temp Love“ – die Liebe des Regisseurs für eigentlich nur vorläufig im Filmschnitt verwendete Musik – fand in gewisser Weise in Kubricks Meisterwerk seinen Anfang. Der Regisseur hatte ursprünglich für seinen Film rund um eine Jupiter-Expedition, nachdem dort ein mysteriöser, die menschliche Evolution beeinflussender Monolith entdeckt wurde, den Komponisten Alex North für die Filmmusik beauftragt. North arbeitete unter großem Zeitdruck, während Kubrick bereits, wie heute üblich, bereits sogenannte „Temp Tracks“ (vorläufige Stücke zur Unterlegung im Filmschnitt) klassischer Komponisten nutzte.

Der Eklat: Kubrick verliebte sich so sehr in die Kombination aus den Stücken von Richard Strauss, Johann Strauss und György Ligeti mit seinen Filmaufnahmen, dass er diese schließlich auch im finalen Schnitt nutzte. Tragischerweise erfuhr Alex North erst bei einer Studiovorführung kurz vor Veröffentlichung, dass seine Musik aus dem kompletten Film entfernt wurde. Heutzutage schlagen sich Komponisten in aller Welt mit dem Problem der „Temp Love“ des Regisseurs herum, auch wenn dies der grandiosen Wirkung von Kubricks Nutzung der klassischen Musik im Film natürlich keinen Abbruch tut.

2001: A Space Odyssey, Space Station, Image via wikimedia.org

2001: A SPACE ODYSSEY

Filmausschnitt

Weitere:

Natürlich darf Francis Ford Coppolas „The Conversation“ (der erst kürzlich im DOUBLE FEATURE zu sehen war) in einer Auflistung über Ton im Film nicht fehlen, handelt der Film doch zu großen Teilen von Tonmontage und -bearbeitung, hier im Gewand eines Thrillers rund um den Überwachungsspezialisten Harry Caul (Gene Hackman). Der Film versteht es, die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die feinen Nuancen im Ton, sei es nun Sprache oder auch die Musik von David Shire zu ziehen. Auch Fritz Langs erster Tonfilm „M“ sollte nicht unerwähnt bleiben, setzte Lang hier doch nicht wie viele andere auf einen naturalistischen Einsatz von Ton, während das Bild noch der Stummfilm-Ästhetik verhaftet war, sondern nutzte meisterhaft Soundeffekte, wie das markante Pfeifen des Mörders von Edvard Grieg „In der Halle des Bergkönigs“ neben nahezu stummfilmhaften Sequenzen.

Fritz Lang, M, 1931, Image via cloudfront.net