01. Oktober 2015

Auf dem Weg zum unbekanntesten bekannten Künstler der Welt: Matthias Ulrich besucht Ulay in Slowenien und entdeckt in dessen Archiven genug Material für mehrere Ausstellungen.

Von Matthias Ulrich

Die Frage, die mir unwillkürlich durch den Kopf geht: Wer sind die Menschen, die Anfang August von Frankfurt nach Ljubljana fliegen? Und wenn, was ist ihr Reisegrund? Wir Kunstleute erkennen einander an oberflächlichen Codes, an Kleidung, den bis zum Feuilleton eingeschrumpften Tageszeitungen, Stofftaschen in allen Größen und Farben, eventuell originale Bücher von Susan Sonntag, J.G. Ballard oder Philipp K. Dick usw. Geschäftsleute, die in die slowenische Hauptstadt reisen, sind mehrheitlich Männer, deren Anzugsjacke zu tief über die Hüfte hängt, während sie über der Brust spannt. Beim weißen Hemd sind sich die Steuerklassen wieder einig, und auch dass darunter ein weißes T-Shirt getragen wird, um den Schweiß und die schwierig zu entfernenden Achselflecken mit der ersten Stoffschicht zu blockieren. Ein Trick, wenn es denn einer ist.

Getränke und verpackte Sandwiches gibt es in diesem Lufthansa-Flug, der von Adria-Airways durchgeführt wird, nur gegen Geld. Manche Passagiere, die bereits den Klapptisch in eine horizontale Stellung gebracht haben, bewegen ihn wie nebensächlich und in Zeitlupe zurück. Hier und da auch zweimal, um wirklich jeden Verdacht von sich zu weisen, begleitet von leisen Pfeiftönen, sodass der Klapptisch zu einem naiven Akkordeon mutiert oder einer Hängebrücke, jedenfalls nur so lange, bis der rollende Kiosk angekommen ist und ein geschlossener Klapptisch signalisiert: Ich will nichts, die Strecke ist doch viel zu kurz dafür. Wow, Berge, die östlichen Alpen, gleich sind wir da.

Peinlich: ich stehe eine halbe Stunde in der Schlange für den Weiterflug an, was mir bei der freundlichen Frage der Zollbeamtin, wohin die Reise geht, und ich Ljubljana sage, obwohl ich da ja schon bin, direkt klar wird. Und wie das so ist, wenn die Schlange hinter einem brutal angewachsen ist, weil es nur eine Zollbeamtin gibt, an der alle vorbei müssen, und man an dieser Schlange dann rekursiv vorbeilaufen muss, die irgendwie sogar zittert, weil jedes Segment der Schlange plötzlich in Panik gerät ob meiner Zurückweisung. Egal, am schlangenfreien Ausgang erwartet mich der Jonathan Monk-Witz, den ich machen musste, als Ulay meinte, ich würde von seinem Fahrer abgeholt werden. Und dann steht da also ein sportlich-beige gekleideter Mann mit einer glänzend-blauen Brille in die Haare geschoben und hält ein Schild mit dem Namen: Santa Claus.

Die Sonderfahrt von Ulays Fahrer schlägt bei mir mit 35 Euro zu Buche, sodass er, mit Namen Martin, nun auch zu meinem Fahrer geworden ist. Am Hotel angekommen, fragt Martin deswegen auch gleich nach meinem Rückflug und steckt mir seine Visitenkarte zu, auf der er seine Branche als "Luxury Taxi" bezeichnet. In den folgenden drei Tagen lebe und arbeite ich mehr oder weniger von morgens bis abends in der Wohnung von Lena und Ulay. Auf dem Weg von und zu meinem Hotel erfrische ich mich auf dem Prešerenplatz mit einer Gratisdusche – ein temporäres Kunstwerk, das von den zahlreichen jungen Touristen offenbar sehr geschätzt wird.

In Ulays Zweitwohnsitz inspiziere ich die raumfüllend gestapelten Archivboxen und -kassetten mit Arbeiten der letzten 40 Jahre des unbekanntesten bekannten Künstlers, der in der heutigen Rezeption des gemeinsamen Werks mit Marina Abramovic mitunter sogar unterschlagen wird. Die Unkenntnis oder Verdrängung ist jedenfalls so groß, dass die zeitgenössische Kunstgeschichte den Ausstellungstitel "The Artist is Present" bis heute nicht mit Ulays Ausstellung im Jahr 1974 in der Amsterdamer Seriaal gallery in Verbindung gebracht hat - das sei hiermit getan!

In Ulays Archiv, besser gesagt: Archiven - denn eines befindet sich in Amsterdam und das andere in Ljubljana - lauern nicht eine Ausstellung, sondern einige - alleine seine Arbeiten über China etwa, wo er in Abständen immer wieder einige Monate gelebt hat, eröffnen tiefe Einblicke in das Land und die Beziehung des Künstlers zur Fotografie, aber noch mehr zu den Menschen, die für Ulay stets vor jeder künstlerischen, ästhetischen Konzeption stehen. Ulays Geschichten und Anekdoten dazu stehen weitab von den üblichen künstlerischen Standpunkten und Ideen. Seine Projekte sind allesamt Resultate eines Bedürfnisses nach Erkenntnis und Wahrhaftigkeit, nach einer persönlichen Verwicklung, die es ihm teilweise erschwert oder schier unmöglich macht, darüber zu sprechen, ohne die dazugehörige Intensität zu vernachlässigen, die seine Arbeiten offensichtlich in sich tragen. Seine Selbstironie bricht schließlich den Damm, der zwischen ihm und seinem Werk liegt. Es ist so simpel wie das: wenn du einen Berg hinabfahren willst, musst du ihn zuerst hinauffahren.

Mein Fahrer bringt mich zurück zum Flughafen.