20. August 2014

Kuratorin Ingrid Pfeiffer reist zur Vorbereitung ihrer Ausstellung STURM-FRAUEN ins Münchner Hinterland und entdeckt eine neue Qualität im Werk der bekannten Künstlerin Gabriele Münter.

Von Ingrid Pfeiffer

Ein kleiner Ort am Staffelsee, etwa eine Stunde mit dem Zug von München entfernt, zieht bis heute Besucherscharen an -- sogar bei schlechtem Wetter. Vor über 100 Jahren kaufte die Künstlerin Gabriele Münter ein einfaches Haus mit Giebeldach und Wendeltreppe, um dort mit ihrem Lebensgefährten Wassily Kandinsky von 1908-1914 zu leben. Der Ort wurde zum Wahrzeichen des "Blauen Reiters", und bis heute pilgern viele Kunstfreunde zum „Russenhaus" mit seinem idyllischen Blumengarten und Blick auf das Tal, die Kirche, den See und die dahinter aufragenden Berge. Die spartanische Einrichtung des Hauses lässt ahnen, dass Murnau damals ein zwar idyllischer, doch keinesfalls luxuriöser Ort zum Malen und Leben war.

Der Blaue Reiter in romantischem Ambiente

Wenn man heute aber berühmte Werke von Münter und Kandinsky sucht, sollte man zusätzlich das Schloßmuseum besuchen, in dem sowohl lokale Geschichte als auch hochkarätige Ausstellungen -- im Moment Kandinsky und Jawlensky in Murnau -- gezeigt werden. Dort wird seit Jahren in einem romantischen Ambiente, aber auch in inhaltlich verdienstvoller Weise der Künstlerkreis rund um Münter und den "Blauen Reiter" wissenschaftlich aufgearbeitet und professionell präsentiert.

Es gab bereits 1992/93 eine Gabriele Münter-Retrospektive in der Schirn, und ich habe sie noch als Studentin besucht. Ich weiß noch, dass ich nicht sehr beeindruckt war: Ihre Sujets -- Stillleben, Landschaften, ein paar Porträts und Interieurs, dazu die zumeist flächige Malweise und die leuchtenden Farben -- kamen mir damals brav vor. Ob es an der Präsentation lag? Wenige Jahre vorher hatte es in der Schirn eine große Kandinsky-Ausstellung gegeben, deren Besucherzahlen bis heute zu den Rekorden der Schirn zählen. Der „übergroße" Kandinsky schwebte damals und schwebt bis heute über Münter, ein klassisches Phänomen bei Künstlerpaaren, und in diesem Fall noch extremer als bei anderen.

Die wichtige Rolle der Frauen

Mehr als 20 Jahre später und um viele Erfahrungen und Ausstellungen reicher schaue ich mir Münter wieder an: Sie soll in meiner nächsten Ausstellung im Herbst 2015 einen eigenen Raum bekommen, neben fast 20 weiteren Künstlerinnen, bekannten und unbekannten. Die Ausstellung heißt STURM-FRAUEN und wird zeigen, was für eine große Rolle die zahlreichen Künstlerinnen in der Berliner Galerie und Zeitschrift "DER STURM" zwischen 1910 und 1932 gespielt haben.

Ich denke oft, dass es die unbekannten Künstlerinnen fast leichter haben werden, denn das Publikum wird mit großer Überraschung ihre Qualität wahrnehmen, unbeeinflusst von Erwartungen und (Vor-) Urteilen. Jemand wie Münter hat es da doch schwerer, vor allem bei der Fachwelt. Jeder wird denken: Münter kenne ich! Auch meine Erwartungen waren nicht sehr groß, als ich jetzt wegen Leihgaben nach Murnau und München reiste, denn ich hatte ein festes Bild im Kopf, hatte mich darauf eingestellt, wenig Überraschendes und Neues zu sehen. Doch Münter ist der klassische Fall einer Künstlerin, die selbst allzu lange ihr Licht unter den Scheffel gestellt hat, die für den Nachruhm von Kandinsky weitaus mehr getan hat als für ihren eigenen und deren Werk sich leider auch noch schwer abbilden lässt. Entweder wirken die Bilder zwar leuchtend und dekorativ, aber dadurch flach und spannungslos oder man erkennt bei den dunklen, geheimnisvollen Stillleben gar keine Details.

Steht man aber davor, so wie jetzt in Murnau oder im neu gestalteten wunderschönen Lenbachhaus in München, so entfalten die Gemälde eine Wucht und Kraft, die man Münter kaum zugetraut hätte. Das Werk ist vielfältig und malerisch ein Genuss, dazu noch voller Tiefe. Ich denke, der Münter-Raum wird eine besonders spannende Abteilung in meiner Ausstellung, und ich freue mich jetzt schon darauf.