20. September 2015

Ein Interview mit der US-amerikanischen Punkband NO AGE über den Sound in Bahnhofshallen, Performances mit Peitschen und die Zusammenarbeit mit DOUG AITKEN.

Von Megan Steinman

Der Sänger und Schlagzeuger Dean Spunt und der Gitarrist Randy Randall bringen die Skatekultur und den kreativen Bastler-Ethos Südkaliforniens mit ihrer experimentellen Kunstpop- und Punkband No Age auf die Bühne. Das Duo trat bereits in verschiedenen Arbeiten von Doug Aitken auf, unter anderem in "Black Mirror" (2001), "SONG 1" (2012) und "Station to Station" (2013). Hier spricht No Age mit dem SCHIRN MAGAZIN über Aitkens visuelle Environments und den Prozess des live Kunst-Machens.

Megan Stein­man: Könnt ihr beschrei­ben, wie sich eure Klang­er­leb­nisse – oder euer Denken über das Erzeu­gen von Klän­gen – verän­dern oder unter­schei­den, wenn ihr in einer Gale­rie, bei The Smell, auf einem Schlepp­kahn, in einem Museum, einem Auto­kino, auf einem Bahn­hof und natür­lich in einer Konzert­halle auftre­tet?

Randy: Der Klang ist irgend­wie schlecht! Es ist schwie­rig, eine Rock­band in einem riesi­gen, mit Granit gefüll­ten Bahn­hof gut klin­gen zu lassen.
Dean: Wir haben das recht schnell auf der "Station to Station"-Tour gelernt. Das erste Konzert, das wir spiel­ten, fand in New York statt, und der Veran­stal­tungs­ort war ziem­lich höhlen­ar­tig. Wir versuch­ten, schnel­lere Stücke mit mehre­ren Teilen zu spie­len, was über­haupt nicht funk­tio­nierte. Wir muss­ten alles auf das Notwen­digste redu­zie­ren und sehr mini­mal werden; hier und da eine Note hinwer­fen, sodass sie den Raum auch wirk­lich füllte und nicht einfach nur matschig klang.

Kann ein Raum ein Lied in bloßen Klang verwandeln oder Musik zu Lärm werden lassen?

Dean: Während "Station to Station" passten wir uns stets an die jeweilige Veranstaltung an, abhängig davon, wer dort spielte und wo wir auftraten. Wir spielten zum Beispiel ein 20-minütiges improvisiertes Set auf der Bühne, dann spielte Randy akustisch und ich Schlagzeug mit jemand anderem. Im Anschluss marschierten wir wieder mit irgendwem oder machten irgendeine Art von Performance mit Liz Glynn. Es war toll, auf diese Art zu experimentieren. Wir spielten mit einer Ecke des Raumes und gingen dann auf die andere Seite und probierten aus, was wir dort zustande bringen könnten.

Ihr hattet eine großartige Ecke in Barstow. Dort habe ich gesehen, wie ihr unter einer Installation von Stephen Shore gespielt habt, während sich um euch herum ein unglaublich toller Sonnenuntergang ereignete.

Dean: Ja, das war fantastisch. Wir sind ganz gut im Finden von Ecken!
Randy: Ich glaube, dass das der Grund ist, warum wir einander als verwandte Geister erkannt haben. Wir hatten ähnliche Vorstellungen davon, den Moment zu leben. Wir haben beide einen Bastler-Hintergrund. Es gab keine theoretische Dekonstruktion der vierten Wand, es gab keine Bühne. Wir stehen buchstäblich auf dem Boden, in einem Zimmer, machen Live-Musik mit Leuten, die mir die Gitarre aus der Hand stoßen und auf meine Pedale steigen und den Verstärker kaputt machen, während wir spielen. Wir haben unsere Begeisterung für die Musik durch Leute in Kellern und Kunstgalerien und Lagerhallen entdeckt. Diese gemeinschaftlichen Ausdrucksformen von Freude. Ein Haufen schwitzender Körper, die gemeinsam eine Masse bilden. Als wir dann in Richtung Bühne weiterdachten, bzw. einer eher theoretischen Idee davon, dachten wir „Oh ja, das haben wir drauf!“. Alle flippen gemeinsam im gleichen Raum aus. So soll es sein. Das ist es, was die Musik spannend macht.
Dean: Wir sind es gewohnt, dass ein Typ mit einem Stück Glas und einem Mikrofon auftritt oder dass jemand mit einem Saxophon malt. Mit dieser Art von Ideen, bei denen es nicht nur um Rockmusik geht, treten wir schon seit langer Zeit auf.

Wir hatten ähnli­che Vorstel­lun­gen davon, den Moment zu leben.

Randy Randall
In der Zwischenzeit seid ihr etliche Male mit Doug aufgetreten. Wie ist es, wenn man seine eigene Kunst im Rahmen der Kunst eines Anderen macht? Was passiert, wenn eure Werke einander überschneiden?

Dean: Doug ist auf gewisse Weise sehr spezifisch, geht aber gleichzeitig sehr locker mit seinen Ideen um. Er möchte ein Endresultat erzielen das irgendwie auf Chaos basiert. Er will, dass sich alle Teile gemeinsam bewegen, auf eine Art und Weise, die er nicht wirklich vorhersehen kann, die aber dennoch seiner Vision entspricht. Wir agieren also als Beschleuniger inmitten anderer Akteure. Wir versuchen, zu improvisieren und Lärm zu machen, ohne aber dabei das Projekt zu übernehmen.

Eurem Schaffen werden Grenzen gesetzt. Aber das, was ihr innerhalb dieser Grenzen macht, kann äußerst interessant sein.

Dean: Absolut. Es ist schön, mit der Kunstauffassung anderer Leute zusammenzuarbeiten. Wir sind allein schon dadurch begrenzt, dass wir nur zwei Personen sind und versuchen, sehr laute und aufregende Rockmusik zu produzieren. Man muss sich einen Schub geben, um gut rüberzukommen. Wir haben lediglich vier Hände und vier Füße. Oft denken wir darüber nach, was wir anderes machen könnten, wenn wir eine weitere Person mit einem zusätzlichen Satz Finger hätten.
Randy: Und wir haben das auch bereits gemacht. Bei der "Black Mirror"-Performance hat Austin [einer von Doug Aitkens Technikern] in der Tonkabine Samples mit uns abgespielt. Das waren Klänge, die ein Stück so vervollständigten, wie wir es aufgenommen hatten, die wir aber bei einem Live-Auftritt nicht komplett ausführen konnten.

Manche Theoretiker behaupten, dass Performances einmalige Ereignisse seien, die man nie ein zweites Mal erleben könne. Was bedeutet es für eure Musik und Performances wenn diese mittels anderer Formate verbreitet werden wie Magazine, Bücher oder Videos?

Dean: Wir gehen die Dinge immer auf ähnliche Weise an, unabhängig davon, was zum Schluss dabei herauskommt. Wir beide entwickeln einfach gemeinsam Ideen und lassen diese gegeneinander antreten, bis dabei etwas herauskommt. Das muss allerdings kein Lied oder Set sein.

Es kann also auch ein Bild sein?

Dean: Ja, so würde ich in jedem Fall gerne denken.
Randy: Ich denke, das fällt auf unseren Kreativprozess zurück. Egal ob wir Stücke schreiben oder an Alben arbeiten, es gibt keinen vorher festgelegten Plan, an den wir uns halten. Wenn wir an einem Stück arbeiten, fühlen wir, wenn etwas Spannendes passiert und wenn uns etwas aus welchem Grund auch immer gut gefällt. Das trifft sowohl auf den Ton zu, als auch auf die Performance oder die visuellen Elemente. Es muss einfach auf Resonanz stoßen. Man muss die Schnittstelle finden, an der die Kunst zu stimulieren beginnt.

Doug erzählt oft von den Live-Veranstaltungen, die ihr mit ihm zusammen als Happenings erschaffen habt: Partituren oder gewisse Anweisungen, die eine Reihe von Handlungen definieren.

Dean: Das verwenden wir in unserer Kunst ständig, egal ob wir eine Tonaufnahme oder eine Live-Performance machen. Du hast eine vage Vorstellung oder eine Setliste. Aber dann passiert etwas Unerwartetes und du greifst das einfach auf. Das macht einen Auftritt in der Regel für alle interessanter.

Wart ihr schon auf eine solche Weise schöpferisch tätig, bevor ihr angefangen habt, mit Doug zusammenzuarbeiten?

Dean/Randy: Ja.

MS: Das heißt, solange es keine Klone von euch gibt, habt ihr zumindest eure Samples.

Randy/Dean (in gesampeltem Einklang): Ganz genau.

MS: Denkt ihr, es gibt so etwas wie eine „Doug Aitken-Bühne“? Gewohnte Visuals, Räume oder Motive, die ihr mittlerweile wiedererkennt und auf die ihr in euren Kollaborationen reagiert?

Randy: Also, es wird auf jeden Fall immer einen Peitscher geben!

Dean: Es wird Peitschenhiebe geben!

Randy: Es ist immer eine visuelle, bauchgefühlsmäßige, greifbare Leidenschaft zu spüren. Doug will, dass die Dinge mit einem hohen Maß an Leidenschaft angegangen werden. Das spürt man und es wird manchmal etwas frenetisch. Es ist definitiv eine „Bühne der gesteigerten Realität“.

MS: Könnt ihr über die Rolle des Performers in einem Doug Aitken Happening sprechen? Seid ihr Teilnehmer, Performer oder ein Hybrid aus beidem?

Dean: In Dougs Performances im Speziellen sind wir, denke ich, sowohl Performer als auch Teilnehmer, denn meistens wissen wir nicht wirklich, was dabei zum Schluss herauskommt und das Publikum weiß es erst recht nicht. Ich habe das Gefühl, dass wir in Barstow einfach zum Sonnenuntergang und zur Energie, die dort gebündelt war, gespielt haben. In diesem Sinn performen wir nicht bloß ein Stück, denn wir erleben es ja zugleich. Es kann aber auch sehr schnell etwas schief gehen. Und dann wirst du zum Performer und musst dir überlegen, wie du den Zug wieder „ins rechte Gleis bringst“.

MS: Indem du deine Fähigkeiten abrufst.

Dean: Ja, und das nicht nur auf unserer Seite. Man sieht im Normalfall nicht einfach eine Gitarre, ein Schlagzeug, einen Peitscher und einen Stepptänzer gemeinsam auftreten. Die Kollaboration zwischen uns allen haben wir bislang noch kaum ausgearbeitet. Aber jede Person besitzt derart hohe technische Fähigkeiten, dass – solange wir uns auf unsere eigenen Bereiche beschränken – normalerweise alles funktioniert! Mir würde es nicht auffallen, wenn ein Stepptänzer einen Fehler gemacht hat, und es würde niemandem sonst auffallen. Glaube ich zumindest …

Randy: Im Hip-Hop gibt es das Prinzip, dass man von vielen verschiedenen Liedern sampeln kann, um daraus eine eigenständige Komposition zu erschaffen. Doug nutzt quasi Leute und Performer als Live-Samples: die Hintergrundmusik ist No Age, der Peitscher wird darübergelegt, der Stepptänzer dort und die Auktionatoren hier. Das sind zwar Dougs Kompositionen, aber jede davon beinhaltet uns, die wir wir selbst sind, oder den Peitscher, der der Peitscher ist. Wir müssen dabei nicht wissen, wie Dougs Endresultat aussehen wird. Seine Anweisung lautet meist: „Macht ihr euer Ding, und ich werde es dann mit allem anderen, was sonst so passiert, zusammen- oder gegenüberstellen, vergleichen oder komplimentieren“, und das beinhaltet den Raum, den Aufbau, die Bühne, die anderen Anwesenden oder das Licht.
Dean: Aber komm keinen Schritt näher – oder du kriegst einen Peitschenhieb ins Gesicht!

Gibt es etwas, das wir über Doug Aitken wissen sollten?

Randy: Doug ist ein Surfer. Ich denke, dass das seiner Kunst entspricht. Ein großer Aspekt des Surfens ist das Warten und das Lesen der Umwelt. Dann, wenn der Zeitpunkt stimmt, positionierst du dich so, dass du die Welle reiten kannst. Und dann gleitest du auf der Oberfläche und setzt deinen Willen durch, obwohl du in Wahrheit von diesem massiven Bewegungsmoment getragen wirst. Ich will damit nicht sagen, dass Doug auf die Wellen anderer aufspringt. Er steht vielmehr in Verbindung mit einer Kultur und einer Gemeinschaft und einer Zeit und einem Ort. Wir machen all diese Dinge zusammen und ich denke, dass sogar Doug zustimmen würde, dass seine Happenings sehr dezentral angelegt sind. Wie man sich denken kann, läuft er erst hochnervös herum um sicherzugehen, dass nichts schief läuft. Aber sobald das Happening läuft, lehnt er sich zurück und sieht zu. Er geht herum und nimmt daran teil. Er liebt es, selbst Teil des Publikums zu sein. Er inszeniert nicht, kritisiert und korrigiert nicht, verschönert nicht und macht keinen Wirbel um jeden einzelnen Performer. Er weiß, was er geschaffen hat. Er weiß, dass er seinen Ozean bevölkert hat und das Ding nun laufen wird, wie eine Gezeitenwelle oder ein Tsunami. Er hat dieses verrückte surf break geschaffen, für all die Leute am Strand und an der Küste. Und dort ist es, wo Doug steht: Er orchestriert das alles und schleudert es dir entgegen.

Ich liebe dieses Bild. Es erfordert ganz schön viel Mut, sich einem großen Ozean auszusetzen.

Randy: Ja, wir sind nur ein paar Seesterne auf dem Meeresgrund … und das ist es, was Spaß an der Sache macht. Ich muss mir keine Sorgen machen, wenn eine Saite gerissen ist, oder wenn wir ein Stück zu schnell gespielt haben. Sobald wir fertig sind, werden riesige Rauchbomben gezündet. Habt also viel Spaß!

Gerade hatte ich ein Bild im Kopf von zwei Seesternen am Grund des Ozeans, einer mit Gitarre, der andere mit Schlagzeug.

Dean: Neues Plattencover!