15. Februar 2018

Partys, Tanzwut und die Krise als Urzustand der Unterhaltungsindustrie: Oliver M. Piecha erzählt im Gespräch mit dem SCHIRN MAG wie sich im Frankfurt der 1920er Jahre ein sehr eigenes Vergnügungs- und Nachtleben entwickelte.

Von Katharina Cichosch

Fast 20 Jahre ist es her, dass Oliver M. Piecha für seine damalige Magisterarbeit über das Frankfurt der Weimarer Republik recherchierte: Viele Quellen waren dem Krieg zum Opfer gefallen, Etliches nur fragmentarisch erhalten geblieben. Also hielt er sich an das, was er bekommen konnte: Etwa die legendäre „Frankfurter Zeitung“, von der er jede verfügbare Ausgabe zwischen 1919 und 1933 durcharbeitete, vor allem das Feuilleton. Im Interview erklärt er die Ergebnisse seiner Arbeit, die er 2005 in einem Buch festgehalten hat: Partys im „Roaring Frankfurt“, die Krise als Urzustand der Unterhaltungsindustrie – und was in der Provinz der Weimarer Republik ankam.

Ihr Prolog klingt wie ein Abgesang auf das Bild, das wir alle gern vom Berlin der Weimarer Republik kultivieren: „Die zwanziger Jahre sind zum Mythos versteinert, irgendwie schimmert alles golden, selbst der Schund.“ Und dann stellt sich in irgendeiner Anekdote genau dieses Klischee wieder als gar nicht so falsch heraus.

Es ist ja auch real! Der Mythos der 20er Jahre hat eine reale Grundlage, er strahlte weit über die Stadt hinaus. Aber man vergisst eben gern: Was kam jenseits des Kurfürstendamms in Deutschland an? Berlin lieferte den Mythos, der Rest musste es bezahlen. Ein bisschen wie heute (lacht).

Und was kam in Deutschland, also hier in Frankfurt, an – real oder als Vorstellung?

Auch hier grassierte die sogenannte „Tanzwut“ der Zeit direkt nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, überall eröffneten Tanzdielen, eine Frühform der Disko, ein paar Jahre später ging man in mondäne Tanzkabaretts.

In dieser Zeit ist die moderne Kulturindustrie entstanden - um einmal, auf gut Frankfurterisch, Adorno zu zitieren - die bis heute von Aufs und Abs, von Krise und Größe bestimmt ist. Nehmen wir das Schumann- Theater vis-à-vis vom Hauptbahnhof: Dessen mehrere Tausend Plätze mussten Sie erst einmal füllen! Die Unterhaltung des Betriebs war mit irrsinnigen Kosten verbunden, auch deshalb wurde viel ausprobiert. Der Sehnsucht nach Größe, nach Geltung standen ganz reale Fixkosten und die Sorge gegenüber, am Unterhaltungsbedürfnis der Massen schlicht vorbei zu rauschen. Triumph und Krise wechselten sich permanent ab, und in der Provinz, als die man sich in Frankfurt behandelt fühlte, sah vieles dann noch deutlich weniger aufregend aus, als es von Berlin aus angekündigt war. Letztlich ging es dabei aber auch immer um die Ökonomie des Nachtlebens.

Dazu passt eine Anekdote in Ihrem Buch über den Schriftsteller Siegfried Kracauer: Die Ursprünge seiner berühmten Kapitalismuskritik kann man auf einen Besuch im Schumanntheater bei den „Tiller Girls“ zurückführen.

Vieles von dem, was Kracauer in seinem heute berühmten Essay „Das Ornament der Masse“ ausführte, fand sich in Ansätzen schon in einem kleinen Text im Stadtblatt der „Frankfurter Zeitung“ über eine Tanzrevue mit den Tiller Girls. Dort sind es scheinbar beiläufige Beobachtungen, die er in eine eher banale Revue-Kritik einstreut: Was die Girls leisten, wie trainiert ihre Beine sind, Präzision nach der Stoppuhr… Ich denke, er hatte tatsächlich Spaß an der Show und baute das kleine Feuilleton dann eben zur großen Kapitalismuskritik aus. Das ist doch sehr Frankfurterisch, diese Verbindung von Intellekt und Amüsement.

Karl Hofer, Tiller Girls, vor 1927, VG Bild-Kunst

In Ihrem Buch beschreiben Sie diesen ständigen Zwischenzustand einer kleinen Großstadt, die natürlich nicht mit Berlin mithalten, aber trotzdem ein sehr eigenes Vergnügungs- und Nachtleben entwickeln konnte. Wo spielte sich das „Roaring Frankfurt“ ab?

Absolut prägend war natürlich das Schumanntheater. Man trat damals aus dem Hauptbahnhof heraus und sah es vor sich stehen: Mächtig, zur Abendstunde festlich angestrahlt, auf einem Banner mit der aktuellen Attraktion werbend. Das Schumann war mit erst 5.000, dann 3.000 Plätzen eines der ganz großen unter den größten Revue-Theatern, europaweit. Die prächtige Jugendstilfassade stand übrigens bis in die 1960er Jahre – ein echtes städtebauliches Verbrechen, diese für ein Parkhaus abzureißen. Aber vielleicht kann man das ja auch wieder einmal aufbauen…

Dann gab es zum Beispiel das „Gross-Frankfurt“ am Eschenheimer Turm, dessen Name ja schon von Frankfurts Anspruch zur Expansion kündete: Ein moderner Vergnügungskomplex mit mehreren Angeboten unter einem Dach – Varieté, Kabarett, Kino, diversen Gasstätten mit Tanzmöglichkeiten und einer Bar. Eine künstliche Welt im kleinen Maßstab, ein wenig wie im berühmtem „Haus Vaterland“ am Potsdamer Platz in Berlin. Wie dort hat man auch in Frankfurt gerne Gaststätten dekoriert, etwa als pittoreske Altstadt – obwohl man ja die echte noch hatte – aber auch Alpenpanoramen waren zeitweise sehr en vogue.

Frankfurt Schumanntheater am Hauptbahnhof, 1910, via Wikicommons
Gross-Frankfurt, 1933

Ein wichtiges Thema sind außerdem die ganz großen Feste: Rauschende Karnevalsbälle, bürgerliche Großveranstaltungen, die allerdings auch künstlerisch wirklich arriviert daher kamen. Für die „Timbuktu“-Mottoparties beispielsweise bemalten Städel-Schüler und ihre Lehrer unzählige Quadratmeter Leinwand für die Dschungeldekoration, die Größen der Frankfurter Bühnen standen hinter der Bar. Man muss sich das so vorstellen: Die Kunst, die man heute im Museum hängen sieht, diese expressionistischen Ansichten – all das war hier real. Da sprang man vielleicht im aufwendig gestylten expressionistischen Kostüm durch eine wilde Szenerie, und aus dem Opernorchester war plötzlich eine Jazz-Kapelle geworden, von Paul Hindemith dirigiert. Der wohnte ja in Sachsenhausen. Das war dann doch die Unterhaltungskultur der Moderne auf sehr hohem Niveau, wie man sie sich heute gern vorstellt, wiederum sehr Frankfurterisch, gell.

Eine These aus „Roaring Frankfurt“: Frankfurt war kein „Laboratorium der Moderne“, hier wurde die Moderne in den Zwanziger Jahren längst praktiziert. Können Sie noch einmal erklären, was Frankfurt für Sie zu einer dezidiert westlichen Großstadt machte?

Frankfurt war eher weltoffen und sehr pragmatisch geprägt. Man fühlte sich am Main vom preußischen Berlin aus eher gegängelt und vernachlässigt. Das war ja ein Preußen, das im Osten bis zur damaligen russischen Grenze reichte, und dem mit seiner noch halbfeudalen Sozialstruktur und dem tonangebenden Militär dieses seltsame Frankfurt mit seinen internationalen Handelsverbindungen und den demokratischen Traditionen der Revolution von 1848 auch nie recht geheuer war.

Frankfurt galt in der Weimarer Zeit als „republikanisch“ gesonnen, dafür steht zum Beispiel auch die berühmte „Frankfurter Zeitung“. Alle wichtigen überregionalen Zeitungen befanden sich in damals in Berlin – außer der „Frankfurter“. Und dieses große liberale Blatt war die im Ausland meistbeachtete deutsche Zeitung, sie war das intellektuelle Reservoir der Stadt. Auch architektonisch war Frankfurt unglaublich modern: Der großflächige Siedlungsbau, das Neue Frankfurt –selbst den Frankfurter Wappenadler gab es in modernem Design. Oder das Waldstadion – Wahnsinn, wie modern das bis heute wirkt! Licht und Luft und Freibad, das war die andere Seite der Weimarer Kultur neben Kabarett, Kokain im Bahnhofsviertel und Tanzkapellen.

Luftaufnahme des Frankfurter Hauptbahnhofs, um 1930, Image via: 4.bp.blogspot.com

Hitler mochte Frankfurt natürlich auch nicht. In „Mein Kampf“ spricht er explizit von der Stadt der Juden, der Stadt der Rothschilds und der „Frankfurter Zeitung“. Und als die Nationalsozialisten für jede Stadt einen „Titel“ suchten, da nannten sie Frankfurt schließlich „Stadt des Deutschen Handwerks“, was schon etwas weit hergeholt war. Damals stand am Rande des Westends bereits der gewaltige I.G.-Farben-Bau und es gab schon Diskussionen, ob man die Altstadt nicht praktischerweise abreißen könnte, zum Beispiel für Parkplätze. Die Nationalsozialisten hatten wieder das Problem, dass sie mit Frankfurt ideologisch nicht so recht etwas anfangen konnten.

Dieses durchaus auch abwertend gemeinte Klischee lebt ja bis heute fort: Frankfurt, Stadt der Banken und Börse… wobei sich Handel und Geistesleben ja zumindest damals gegenseitig bedingten.

Frankfurt wurde ja 1866 de facto von Preußen erobert. Vorher war die Stadt unabhängig, eine freie Reichsstadt, mit wichtigen Handelsbeziehungen ins Ausland. Es war hier sicher nicht „demokratisch“ in unserem heutigen Sinn, aber eben doch demokratischer als anderswo. Im Grunde genommen konnte Frankfurt nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Westbindung der alten Bundesrepublik sehr gut an Traditionen anknüpfen: endlich war man Berlin, da weit hinten im Osten, und die Preußen los.

Frankfurt war vom Großbürgertum geprägt, nicht vom Adel oder Militär. Aber daneben, und vielleicht auch deshalb, war hier eben auch früh der pragmatische Intellekt zu Hause. Diese angesprochene Verknüpfung aus Geld und Geist, die gab es gerade im privaten Rahmen. Wie spannend wäre es, eine Kulturgeschichte des Frankfurter Westends mit seinen illustren, privaten Partys und vielen Begegnungen nachzuzeichnen – wo ein damals noch kaum bekannter, etwas verquerer marxistischer Intellektueller wie Adorno auftauchen müsste, aber auch die umtriebige Salondame Lilly von Schnitzler, deren Mann bei der I.G. Farben war, oder ein Max Beckmann.

Lilly von Schnitzler, Image via: 
frankfurterfrauenzimmer.de

Für Ihre Arbeit haben Sie anderthalb Jahrzehnte Tageszeitungen studiert, sich quasi im permanenten Verlauf befunden. Und dann hört der plötzlich auf. Gab es Aha-Momente? Eine Art Rückschau, aus der sich dann ein neues Bild zusammensetzt?

Was mir sehr innerlich geblieben ist: Einmal die Berichterstattung aus direkter Nachkriegs- und Inflationszeit – das berüchtigte Bahnhofsviertel, der Drogenhandel, all das, worüber man sich heute eigentlich noch genauso empört und beschwert. Aber eben auch: Die extrem große, heute kaum nachempfindbare Not. Interessant war für mich auch die vergleichsweise kurze Zeit zwischen 1924 und 1928: In der Rückschau spricht man immer von den „stabilen Jahren“, aber aus der Binnenperspektive haben die Menschen sie immer noch als extrem krisenhaft wahrgenommen. Diese Stabilität war sehr relativ. Das sieht man dann sofort mit Einbruch der Weltwirtschaftskrise 1929, es ist damals einfach zu wenig Substanz dagewesen, die hatte die Inflationszeit schon weggenommen, dann begann eine unaufhaltsame Erosion.

Oliver Piecha, Foto: Joachim Sobek