KONTEXT

WILDNIS PREVIEW

Die weißen Flecken auf den Landkarten sind fast verschwunden, ein unberührter Naturzustand ist kaum noch existent. Zugleich kehrt die Faszination der Wildnis zurück in die Kunst, der die Schirn eine umfassende Themenausstellung widmet.

Von SCHIRN MAGAZIN

Die Suche nach letzten freien Plätzen, die Expedition als künstlerisches Medium, Visionen einer posthumanen Welt prägen die Werke vieler zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler ebenso wie die Neuverhandlung des Verhältnisses von Mensch und Tier. In der „Wildnis“ Ausstellung vom 1. November 2018 bis zum 3. Februar 2019 werden über 100 bedeutende und eindrucksvolle Kunstwerke von rund 35 internationalen Künstlerinnen und Künstlern präsentiert. Die Schau vereint Gemälde, Fotografien, Grafik, Video- und Soundarbeiten, Skulpturen sowie Installationen, die den Verbindungen zwischen Wildnis und Kunst von der Moderne bis zur Gegenwart nachgehen.

Mit Wildnis steht ein kulturelles Konzept zur Diskussion, das seit jeher auch als Projektionsfläche für das Andere und das Fremde, für Gegenbilder und Sehnsuchtsfantasien jenseits der Grenzen einer selbsternannten Zivilisation dient. Im heutigen „Zeitalter des Menschen“ erscheint die Utopie eines von Kultur und menschlichem Einfluss fernen Naturzustands überholt. Die Auseinandersetzung mit tradierten Bildern und Fiktionen von Wildnis aber erweist sich als lebendiger denn je. 

Wildnis als kulturelles Konzept im Wandel der Zeit

Wildnis bezeichnet im traditionellen Wortsinn Örtlichkeiten und Instanzen, die sich dem menschlichen Zugriff verwehren und in denen die Natur sich selbst überlassen ist. Dabei hat sich Wildnis als kulturelles Konzept in der abendländischen Geschichte schon immer vor allem als Gegenmodell konstituiert – in Abgrenzung zur Domäne des Kultivierten, des Domestizierten oder der Zivilisation schlechthin. 

Briton Rivière, Beyond Man's Footsteps, exhibited 1894 © Tate, London 2017

Thomas Struth, Paradise 21, Yuquehy/Brazil, 2001 © Thomas Struth
GUN, Event to Change the Image of Snow, 1970, documentary photograph of performance art. Photo by Hanaga Mitsutoshi
Gerhard Richter, Tiger, 1965 © Gerhard Richter 2018 (0127)

Erst im Zuge des 18. Jahrhunderts wandelte sich die westliche Wildnis-Konzeption von der schreckenerregenden, bedrohlichen Gegenwelt außerhalb menschlicher Kontrolle zunehmend zu einer positiven Utopie, die nun umgekehrt einer zur Bedrohung werdenden Zivilisation entgegentrat. Wildnis entwickelte sich als Inbegriff des Erhabenen zu einer ästhetischen Kategorie, die bis heute wirksam ist. So abstrakt und vieldeutig der Begriff zunächst erscheint, so unmittelbar ruft er doch konkrete Bilder und Assoziationen hervor, die im kollektiven Bewusstsein verankert sind und das Erbe der Romantik fortschreiben.

Georgia O'Keeffe, From the Plains II, 1954

Heute verweist die künstlerische Auseinandersetzung mit Bildern und Motiven einer im Verschwinden begriffenen Wildnis stets auch auf eine kunsthistorische Tradition. Vor diesem Hintergrund widmet sich die Ausstellung dem Thema der Wildnis nicht in erster Linie ikonografisch, sondern fragt vielmehr nach der Beziehung von Wildnis und Kunst im 20. und 21. Jahrhundert, um sie aus aktueller Perspektive zu beleuchten. So entfaltet sie einen thematisch angelegten Dialog zwischen zeitgenössischen und historischen Werken. 

„Innere Wildnis“ als avantgardistische Kunstpraxis

Ein weiterer Teil der Ausstellung geht der Frage der „inneren Wildnis“ nach. Die Vorstellung einer unbekannten, vergessenen „Wildnis im Menschen“ wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zum Thema in der Kunst. Künstlerinnen und Künstler verschiedener avantgardistischer Bewegungen hinterfragten den Fortschrittsglauben der europäischen Zivilisation und verbanden das von Jean-Jacques Rousseau formulierte Ideal einer verborgenen oder verschütteten menschlichen Wildnis mit der Vision eines von erstarrten kulturellen Konventionen und rationaler Kontrolle befreiten Kunstschaffens. Die Wildnis als Widerpart der sogenannten Zivilisation entwickelte sich zum künstlerischen Konzept, ihre Darstellung wurde gleichsam zur Metapher – für innere Zustände, für eine auf Kontrollverlust, Trieb und Zufall begründete Kunst oder die Position des Künstlers selbst. 

Ana Mendieta, Bird Transformation, 1972 © The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC. Courtesy Galerie Lelong & Co.), Foto: Poul Buchard / Brøndum & Co.

IAN CHENG

Something thinking of you

Die Schwerpunkte der Ausstellung bilden die durch die Romantik popularisierte Ästhetik des Erhabenen, die Erkundung von Wildnis als künstlerischem Erfahrungsraum, die metaphorische Dimension von Wildnis als schöpferischem Prinzip und die Erschaffung neuer, artifizieller Formen der Wildnis mit den Mitteln der Kunst.

Asger Jorn, Eine Cobra-Gruppe, 1964 © VG Bild-Kunst, Foto: Thomas Weiss, Ravensburg