03. April 2019

Die neue Ausstellung im Gropius Bau verbindet Kunst und Handwerk. Und zeigt, warum die Berliner Kunstszene noch viel mehr zu bieten hat als 100 Jahre Bauhaus.

Von Carina Bukuts

Thomas Bernhard verabscheute die Hansestadt Bremen „vom ersten Moment an“, Wien bezeichnete er als „stumpfsinnige Niedertracht“ und Frankfurt galt für ihn als „luftleerer Raum“. Es gibt wenig europäische Großstädte, über die der österreichische Autor kein schlechtes Wort verlor und die keinen Eingang in seine berüchtigten „Städtebeschimpfungen“ fanden. Eine der Ausnahmen bildete jedoch Berlin. 

Obgleich man meinen könnte, dass gerade diese Stadt Mitte des 20. Jahrhunderts polarisierte, war sie doch bis 1989 in zwei geteilt. Auf der einen Seite florierte der Konsumkapitalismus, auf der anderen die Ideologie des Sozialismus. 2019, dreißig Jahre nach dem Mauerfall, schaut das gesamte Land aber scheinbar lieber auf ein anderes Jubiläum: 100 Jahre Bauhaus.

Über Geschichte nachdenken soll mehr als bloße Erinnerung sein

Unweit der ehemaligen Grenze zwischen DDR und BRD am Potsdamer Platz gibt es jedoch eine Ausstellung, die, ohne es explizit zu erwähnen, beide Jubiläen geschickt ins Kalkül zieht und zugleich einen zeitgenössischen Blick auf die Hauptstadt freilegt: „And Berlin Will Always Need You“ reflektiert die Geschichte des Gropius Bau als ehemaliges Kunstgewerbemuseum und hat hierfür 17 in Berlin lebende Künstlerinnen und Künstler eingeladen, die in ihren Arbeiten die Schnittstelle von Kunst und Handwerk verhandeln. Das Herzstück der Ausstellung bildet Chiharu Shiotas Installation „Beyond Memory“, die an der Decke des Lichthofs fast zu schweben scheint.

Chiharu Shiota, Beyond Time, 2018, Courtesy: Yorkshire Sculpture Park, die Künstlerin & VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Aus 780 km weißer Wolle hat die Künstlerin Netzstrukturen gespannt, in denen sich Reproduktionen von historischen Dokumenten, Grundrissen und Ansichten vom Gropius Bau verfangen haben. Wie der Titel der Arbeit bereits vorwegnimmt, soll an diesem Ort nicht nur erinnert, sondern auch weitergedacht werden. Die Reflexion über Geschichte soll dezidiert mehr als bloße Erinnerung sein, und zu einer tiefen Auseinandersetzung mit den Zusammenhängen und Strukturen führen.

In einer Sci-Fi-ähnli­chen Welt regnet es Knob­lauch und Zwie­beln

Dass handwerkliche Methoden mehr sind als nur nützliche Fertigkeiten, sondern auch essentiell für die Weitergabe von Wissen, stellen die Arbeiten von Olaf Holzapfel unter Beweis. Auf einer Reise nach Buenos Aires, stieß der Künstler auf die Webarbeiten der indigenen Wichi und fertigte in Zusammenarbeit mit ihnen eine Serie von Textbildern aus Kaktusfasern an. Die sogenannten „Chaguarbilder“ zeigen bunte gerasterte Strukturen und beruhen auf computergenerierten Zeichnungen von Buenos Aires, die Holzapfel vorher anfertigte. 

Olaf Holzapfel, Chaguarbild - (Paths of Buenos Aires), 2012- 2018, Foto: Jens Ziehe, Courtesy: Olaf Holzapfel, Galerie Daniel Marzona Berlin, Galerie Gebr. Lehmann Dresden

Im Gropiusbau stehen diese im Dialog mit geometrischen „Strohbildern“, die zuletzt auch prominent auf der Documenta 14 zu sehen waren und je nach Sonnenstand ihre Farbigkeit verändern. Auch in den Arbeiten der Städelschule Professorin Haegue Yang kommt Stroh zum Einsatz – wenn auch nur in artifizieller Form. „The Intermediates“, eine Serie aus handgefertigten Objekten aus künstlichem Stroh, scheinen die Bewohner einer fremden, Sci-Fi-ähnlichen Welt zu sein, in der es Knoblauch und Zwiebeln regnet, alles in Flammen steht und Operationsgeräte grüne Massen unter die Lupe nehmen. Dieses Spektakel spielt sich zumindest auf der Wandtapete „Incubation and Exhaustion“ ab, aus der die „Intermediates“ gerade entsprungen zu sein scheinen, während aus den Lautsprechern Vogelstimmen erklingen.

Olaf Holzapfel, Installationsansicht, Hochschule der Bildenden Künste Athen (ASFA), documenta 14, Foto: Stathis Mamalakis, Image via www.documenta14.de

Wer mit den Arbeiten der südkoreanischen Künstlerin vertraut ist, weiß jedoch, dass der erste Blick trügen kann. Bewusst arbeitet sie mit banalen Materialien und an der Grenze des Kitsch, um neue Formensprachen zu entwickeln. Wie der Titel bereits verrät, handelt es sich bei den „Intermediates“ um Zwischenwesen, die traditionelle Kunsthandwerkstechniken mit industriellen Produktionsmethoden verknüpfen.

Nevin Aladağs Teppiche spiegeln Kultur als eine Aneignung und Verschmelzung von unterschiedlichen Traditionen. Für ihre Werkgruppe „Social Fabric“ zerschnitt die Künstlerin verschiedene Teppichmuster und kombinierte sie zu Hybridbildern aus unterschiedlichen Textilien, Formen und Farben. Günstige, maschinell gefertigte Synthetik trifft auf mühsame, handgefertigte Wolle, dunkelblau gestreifter Büroboden auf florale Ornamente aus dem Mittleren Osten. Alles erscheint gleichberechtigt nebeneinander.

Nevin Aladağ, Social Fabric, 2019, Courtesy: die Künstlerin, Wentrup, Berlin & VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Indem Aladağ die Teppiche wie Gemälde an die Wand hängt, löst sie die Textilien aus ihrem vorherigen Bedeutungszusammenhang und nutzt sie als Instrument, um grundlegende Fragen an unsere Gesellschaft zu adressieren: Der Gebrauch von Textil wird zur Metapher, um über soziale Gewebe nachzudenken und darüber ob Diversität (in Deutschland) tatsächlich so gut akzeptiert und integriert wird wie seitens der Politik gerne behauptet.

Ihre ersten erotischen Collagen werden noch zensiert

Als Dorothy Iannone in den 70er Jahren ihre ersten erotischen Collagen und Gemälde produzierte, stieß sie damit nicht unmittelbar auf Zuspruch und musste stets gegen Zensur ankämpfen. Lange zeigte der Berliner Museumsbetrieb sich ratlos mit der explizit dargestellten Geschlechtlichkeit. Umso schöner ist es daher, dass der Gropius Bau ihr gleich einen riesigen Raum gewidmet hat, in dem man Einblick in die unterschiedlichen Aktivitäten – von einem illustrierten Künstlerbuch bis hin zu einem selbstaufgenommenen Album – der heute 85-jährigen Künstlerin gewinnt. 

Dorothy Iannone, Vive la Difference, 1979, Foto: Monika Frei-Herrmann

Von einem Lied, das Iannone ihrer Freundin Mary Harding widmete, in der die Künstlerin ihre Liebe zur Hauptstadt bekundet, haben sich die Kuratorinnen auch den Ausstellungstitel geliehen. „And Berlin Will Always Need You“ ist mehr als eine Reflektion über die Vergangenheit einer Institution oder die Bestandsaufnahme der Berliner Kunstszene, sondern ein anhaltender Appell an alle Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt. Berlin braucht nicht nur Grenzüberschreitungen in der Kunst, sondern vor allem auch Menschen, die nach wie vor in der Lage sind, Mauern einzureißen.

Antje Majewski, Les Cache Sexes, 2017, Courtesy: die Künstlerin & VG Bild-Kunst, Bonn 2019