23. Oktober 2019

Mit ihrer Performance im Frankfurter TOR Art Space decken die Künstlerinnen Diskriminierung und Ausbeutung in der Kreativbranche auf.

Von Charlotte Voillequin

Diskriminierung und sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz sind auch in den Künsten keine Seltenheit. Besonders in Tanz und Performance, wo der eigene Körper als wichtigstes Medium für den eigenen künstlerischen Ausdruck fungiert, wird diskriminierendes Verhalten oft ignoriert oder sogar als branchenübliche Methode gerechtfertigt.

Als Tänzerin und Choreografin beobachtet die in Frankfurt arbeitende Frances Chiaverini schon lange die ausbeutenden Umstände, unter denen professionelle Tänzerinnen und Tänzer beschäftigt sind. Den eigenen Körper als Werkzeug einzusetzen, um seiner künstlerischen Vision Ausdruck zu verleihen, wird laut Chiaverini auch im professionellen Kontext oft mit einer Objektivierung und Sexualisierung von Körpern verwechselt – insbesondere des weiblichen Körpers.

WWYW möchte diskri­mi­nie­rende Mecha­nis­men der Bran­che aufde­cken

Gemeinsam mit der Autorin Robyn Doty gründete sie daher vor zwei Jahren die Online Plattform Whistle While you Work (WWYW). Sie gibt Künstlerinnen und Künstlern, besonders aus dem Tanz- und Performancebereich, die Möglichkeit, ihre Erfahrungen mit Diskriminierung und sexuellen Übergriffen am Arbeitsplatz zu dokumentieren. Betroffene können sich hierüber nicht nur austauschen und ihre Erfahrungen teilen, sondern sich auch über mögliche rechtliche Schritte informieren und Hilfe suchen. So möchte WWYW Sichtbarkeit schaffen und diskriminierende Mechanismen der Branche aufdecken. Für die Gründerinnen bildet die Plattform gleichzeitig ein Fundament für Fragestellungen, die sie in Kunstperformances, Workshops und Ausstellungen ästhetisch behandeln wollen. 

It‘s my house and I live here., Ausstellungsplakat, Courtesy of the artists

„It‘s my house and I live here.“ (2019) ist Teil des WWYW Projektes und stellt besonders die Rückaneignung des eignen Körpers in den Vordergrund. Dafür löst sie die traditionellen Strukturen, unter denen Tanz heute aufgeführt wird, auf, indem sie die Tanzkunst als kollaboratives Projekt neu denkt und dafür den Ausstellungsraum nutzt. 

Die Tänzerin bestimmt selbstständig und intuitiv über den Einsatz ihres Körpers

Denn die Problematik der unausgeglichenen Machtverhältnisse werde besonders im klassischen Theaterraum zwischen anleitenden Choreographinnen und ausführenden Tänzerinnen deutlich, so Chiaverini. Es entstehe eine Diskrepanz zwischen dem männlich konnotierten Genius und dem weiblich konnotierten musischen Körper. Bei „It’s my house and I live here.“ agiert die Tänzerin nicht als lediglich ausführender Körper, sondern bestimmt selbstständig und intuitiv, wie sie ihren Körper einsetzen kann, um ihren ganz eigenen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Die Bestimmung über den eigenen Körper wieder zu gewinnen sowie die Erforschung der eigenen persönlichen Grenzen im Raum stellen wichtige Aspekte der Performance dar, die ihre Form in der Improvisation von Bewegung und Licht finden soll. Die Performance findet an drei aufeinanderfolgenden Tagen statt, am zweiten Tag wird es im Anschluss an die Show ein Offenes Forum zum Thema „Pay Me in Equity: A conversation about credit“ stattfinden.

On the Sofa #MeToo, Bibliothek im August, HAU2 © Tanz im August HAU Hebbel am Ufer, Photo: Camille Blake
Julia Eichten, It‘s my house and I live here., Courtesy of the artists