01. August 2019

Im Frankfurter Bahnhofsviertel bietet die neue Initiative „SYNNIKA“ Raum für Ausstellungen, politische Diskussionen und Workshops. Nun ist dort ein chinesisches Künstler- und Aktivistenkollektiv zu Gast.

Von Eugen El

Dass man zusammen weniger allein ist, gilt nicht nur im Privatleben. Auch politisch lässt sich gemeinsam mehr bewirken, wie die Schülerbewegung „Fridays for Future“ beispielsweise gerade öffentlichkeitswirksam vorführt. In den Großstädten versuchen gemeinschaftliche Wohnprojekte urbane Anonymität und rapid steigende Mieten auszuhebeln. Auch in der Kunstwelt erfährt das Kollektiv eine Wiederbelebung. Ein prominentes Beispiel ist die Nominierung der indonesischen Künstlergruppe „Ruangrupa“ für die künstlerische Leitung der documenta 15 im Jahr 2022.

Im Frankfurter Bahnhofsviertel ist jetzt eine vielversprechende Melange dieser Ansätze zu sehen. An der Kreuzung von Nidda- und Karlstraße, wo sich das Viertel bisweilen von seiner rauen Seite zeigt, steht ein renovierter, in Rot- und Hellgrautönen angestrichener Bau. Das Gebäude, in dem vorher Pelzhändler anzutreffen waren, wurde von einer Projektgruppe aus 42 Personen zu einem selbstverwalteten, und – so die Gruppe – unverkäuflichen Wohnhaus mit dauerhaft bezahlbaren Mieten umgewandelt. Seiner Lage entsprechend wurde es „NIKA.Haus“ getauft.

Neben Kunst bietet SYNNIKA eine Plattform für politische Diskussionen 

2016 hatte sich die Gruppe erfolgreich auf eine Ausschreibung des Frankfurter Liegenschaftsfonds zur Umnutzung des ehemaligen Bürogebäudes beworben. In ihrem Konzept habe sie eine dreiteilige Vermietung des Erdgeschosses vorgeschlagen, sagt Jeronimo Voss, Absolvent der Frankfurter Städelschule, Künstler und „NIKA“-Bewohner. Untergebracht wurden dort die Sozialberatung des Fördervereins Roma e.V., ein Community Space verschiedener Stadtteilinitiativen sowie der gerade entstehende Verein „SYNNIKA“. Der Verein besteht aus Bewohnern des Hauses, neben Jeronimo Voss die Künstlerin Jessica Sehrt, Absolventin der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und Städelschule, und Gestalter Martin Stiehl sowie auswärtige Mitglieder. 

SJT, Buch Ruangrupa, Foto: Eugen El

SYNNIKA sei nicht hierarchisch aufgebaut, betont Stiehl: „Wir entscheiden als Gruppe und arbeiten als Gruppe zusammen.“ In ihren Räumen, deren Schaufenster zur Niddastraße zeigen, sollen Ausstellungen, aber auch Diskussionen, Filmabende und Workshops stattfinden. Martin Stiehl umreisst das Programm als „Parallelität von Kunst und politischen Veranstaltungen“.

Mitte Juni wurde der Raum mit einer Ausstellung von Claire Fontaine eröffnet. Als feministische Kollektiv-Künstlerin habe sie einen wichtigen Einfluss auf die strukturelle Unabhängigkeit der Gruppe gehabt, so Jeronimo Voss über die Auswahl. Schon 2008 habe die „Realism Working Group“, die SYNNIKA mit ins Leben gerufen hat, Claire Fontaine nach Frankfurt eingeladen und ein Interview mit ihr publiziert. Unter anderem leuchteten im „SYNNIKA“- Tag und Nacht die Schriftzüge „OK“ in roter und „NO“ in grüner Neonfarbe auf – die Erwartungen an die Bedeutung der jeweiligen Farben wurden so auf den Prüfstand gestellt.

 

Wir entscheiden als Gruppe und arbeiten als Gruppe zusammen.

Martin Stiehl
SYNNIKA, Ausstellungsansicht Claire Fontaine, Foto: SYNNIKA
SYNNIKA, Ausstellungsansicht Claire Fontaine, Foto: SYNNIKA

„SoengJoengToi“ (SJT) heißt das Kollektiv, das nun als Nächstes „SYNNIKA“ bespielt. Es ist in der südchinesischen Millionenstadt Guangzhou beheimatet. Vor zwei Jahren gegründet, setzt sich SJT aus 13 Projekten zusammen, die gemeinschaftlich eine Gebäudeetage nutzen. Dazu gehörten Künstler, Kuratoren, Designer und Aktivisten, aber auch kleine Händler, erzählt Kuratorin Li Xiaotian. SJT sei jedoch kein Co-Working-Space. Der von ihr mitbetreute Ausstellungsraum „HB Station“ ist Teil des vereinsähnlich organisierten Projekts. 

Wie orga­ni­siert man sich? Wie arbei­tet man in der Gruppe?

In den Räumen des SJT wiederum finden Filmscreenings und Ausstellungen, Workshops und Künstlergespräche statt. Es können aber nicht alle Themen verhandelt werden. So erlaubten es die chinesischen Behörden nicht, über Feminismus oder LGBTQ-Anliegen zu sprechen, sagt Li. Die nach Frankfurt angereisten SJT-Mitglieder haben unter anderem selbst verlegte Publikationen mitgebracht. Auf einem der schlicht gestalteten Bände prangt der Schriftzug „Ruangrupa“. So heißen die Kuratoren der nächsten Documenta. „Sie sind Freunde von uns“, bestätigt Li. Das indonesische Künstlerkollektiv besuchte SJT im Januar 2018 und hinterließ eine Art Manifest.

SJT, Artworks Books from Folded Room, Foto: SJT
SJT, Space Guang­zhou, Foto: SJT

Bei „SYNNIKA“ werden zudem künstlerische und dokumentarische Filme von SJT-Mitgliedern gezeigt. Ein Workshop wird sich den aktuellen Protesten in Hongkong und der allgemeinen Lage in Südchina widmen. Ein Vortrag des Stadtforschers Sebastian Schipper über die Gentrifizierung in Frankfurt steht auch auf dem Programm. Von ihrem Zusammentreffen erhoffen sich „SYNNIKA“ und SJT vor allem einen Erfahrungsaustausch. Wie organisiert man sich? Wie arbeitet man in der Gruppe? Wie kommt man miteinander aus? – Diese Fragen bewegen, bei allen Unterschieden, beide Initiativen. Sie glauben an die Kraft des gemeinsamen Agierens.

SJT Projects, opening Day, Foto: Zhangchao