03. Mai 2019

Die New Yorker Künstlerin Dawn Kasper ist eine Nomadin. Nun richtet sie ihr Atelier im Portikus ein. Und sucht in ihren Arbeiten vor allem den Austausch mit dem Publikum.

Von Eugen El

Manchmal macht Not wirklich erfinderisch. Als Dawn Kasper im Jahr 2008 ihren Job verlor, konnte sich die amerikanische Künstlerin mit einem Mal kein Atelier mehr leisten. Anstatt die künstlerische Arbeit einzuschränken oder gar aufzugeben, entschloss sie sich zu einem Langzeitprojekt, dem „Nomadic Studio Practice Experiment“. Seit mehr als zehn Jahren richtet Kasper ihren Arbeitsplatz in unterschiedlichen Kunstinstitutionen ein, um dort öffentlich Bilder zu produzieren, zu musizieren, performen oder einfach nur vor Ort zu sein.

Einen prominenten Auftritt hatte die 1977 geborene Künstlerin auf der Venedig-Biennale 2017. Kaspers nomadisches Atelier war in der von Christine Macel kuratierten Hauptausstellung in den Giardini untergebracht. Noch heute denkt Dawn Kasper gern an die Biennale zurück. So berichtet sie von Besuchern, die mehrmals am Tag vorbeikamen, um zu sehen, was sie gerade macht. Kaspers jüngstes Performance-Experiment findet im Frankfurter Portikus statt. Zwei Monate lang wird sie dort zu den regulären Öffnungszeiten arbeiten.

Es geht in erster Linie um den Austausch mit den Besuchern

Dabei zeigt sie keine konventionelle Ausstellung abgeschlossener Werke. Kasper erklärt den sonst hinter verschlossenen Türen ablaufenden Produktionsprozess zum Kunstwerk. Auch bietet sie den Besucherinnen und Besuchern mehrere Möglichkeiten zur Interaktion an. Dialog und Austausch seien ihr wichtig, betont die Künstlerin: „It‘s about having an exchange.“ Musik ist dabei ein wesentlicher Baustein. Von der Decke hängen auf langen, farbigen Schnüren unzählige kleine Glocken herab. Kasper hat sie über Jahre gesammelt. Schon das bloße Durchschreiten dieser Installation erzeugt eine Klanglandschaft. 

Dawn kasper, The Sun, The Moon, The Stars, 2017, Ausstellungsansicht 57th Venice Biennale © Dawn Kasper

Die Künstlerin hat zudem weitere Musikinstrumente, etwa Gitarren und Synthesizer, mitgebracht. Im Raum stehen zehn mobile Stellwände, einige sind mit Fotografien von Sonnenaufgängen und -untergängen versehen. „Ich werde damit interagieren“, sagt Kasper. Außerdem möchte sie an zwei großformatigen, abstrakten Gipsskulpturen arbeiten. „Wolf“ und „The Head on Fire“ heißen die beiden Plastiken, die der Ausstellung ihren Titel leihen. Eine Leseecke mit Sofa, Sessel und Teppich lädt zum Verweilen ein. Abends sollen mehrere Glühbirnen für angemessene Lichtstimmung sorgen. Dabei handelt es sich nicht bloß um Mobiliar. Die Objekte sind Teil der Gesamtinstallation.

Kasper spricht von „kontrol­lier­tem Chaos“

Wie die Besucher auf diese offene Versuchsanordnung eingehen, schreibt die Künstlerin nicht vor. Kasper sieht sie als ein Angebot. „Es hängt von der Stimmung der Leute ab“, sagt sie über den möglichen Verlauf ihrer Arbeit. Kasper erinnert sich an ihre Performance im New Yorker Whitney Museum im Jahr 2012: Eine Dame habe sich dort für drei Stunden zum Lesen hingesetzt. Andere Besucher hätten bloß Unverständnis gezeigt. Mit ihrer offenen, kommunikativen Art dürfte Dawn Kasper das Frankfurter Publikum bestimmt für sich einnehmen. 

Dawn Kasper, Fire (light and sound), 2014 © Dawn Kasper

Dawn Kasper Studio Systems, 2016, Ausstellungsansicht © Dawn Kasper

Während der Eröffnungsperformance wird sie einen eigenen Bewegungsablauf, eine Art Routine, festlegen. Das soll Struktur und Stabilität in ihre täglichen Abläufe bringen. Kasper spricht von „kontrolliertem Chaos“. Sie vergleicht die Szenerie mit einem Job mit geregelten Arbeitszeiten, zu dem man tagein, tagaus geht. Gleichwohl erwarte jeden Besucher eine andere Erfahrung, sagt sie. Etwas Besonderes hat sich Dawn Kasper für den Eröffnungstag vorgenommen. Auf der Maininsel, die das Portikus-Gebäude beherbergt, wird sie einen Ahornbaum pflanzen.

An mehreren Abenden wird Kasper die Ausstellung mit zusätzlichen Angeboten bespielen. Zur „Nacht der Museen“ am 11. Mai verrät sie lediglich: „Ich werde auf jeden Fall hier sein, und es wird laute Musik geben.“ Es folgen sechs Freitagabende mit Künstlerfreunden. Am 24. Mai kommt der Maler James Krone mit mehreren Arbeiten im Gepäck, die er eigens für den Portikus anfertigt. Kasper wird dazu Musik machen. Am 31. Mai improvisiert sie live zu einem Film des New Yorker Regisseurs Jeff Preiss.

Eine Woche darauf wird sie zusammen mit der Harfenistin Zeena Parkins musizieren und freut sich darauf besonders. Am 14. Juni zeigt sie mit dem Chicagoer Galeristen Marc LeBlanc mehrere Experimentalfilme, über die sich beide anschließend austauschen. Auch die Künstlerin Mariechen Danz und der Filmemacher Andrew Lampert zählen zu Kaspers Gästen. Für zwei Monate verwandelt sie den Portikus in eine für jedermann zugängliche Mischung aus Wohnzimmer, Atelier und Ausstellung. So lässt die Künstlerin die Grenzen zwischen Kunst und Leben, Öffentlichem und Privatem nahtlos ineinander übergehen.

Dawn Kasper, The Key, 2016, © Dawn Kasper, Foto: t-space studio

Dawn Kasper, Cluster, Ausstellungsansicht 2016, Image via davidlewisgallery.com