07. August 2019

Ein junges Theater-Team aus Frankfurt nimmt es mit dem aktuellen Rechtsruck in der Gesellschaft auf – ohne moralisch zu werden. Im Kunstverein Lola Montez sucht ihr erstes Stück die Auseinandersetzung.

Von Sylvia Meilin Weber

Sie wirken wie aus einem Gemälde Francis Bacons entstiegen. Fratzenhaft, surreal. Aber: Bei Händels Oratorium „Jephtha“ hat man fast den Eindruck als sei ihre Welt noch in Ordnung. Da tanzen die beiden Schauspieler grazil Barock. Bis die Musik umschlägt. Bass und Schlagzeug dröhnen in den Ohren und scheinen in die Darsteller hineinzufahren. Bewegungen mutieren. Aus den jungen Höflingen werden Zombies, roboterhafte Marionetten.

„Merkel muss weg! Der Aufstand gegen die Etablierten wird kommen – wir arbeiten daran. In Buchenwald, Auschwitz und Sachsenhausen ist noch Platz“, skandieren sie. „Okay, danke, bis hierhin ist das schon mal sehr gut“, ruft Joël-Conrad Hieronymus vom Bühnenrand. Er ist der Regisseur des Stücks „Dear_______3319 Analysis“, das gerade auf der Probebühne vom Schauspiel Frankfurt einstudiert wird.

Sie wollen als junge Künstler etwas zum Diskurs beitragen

Es ist eine Mischung aus Performance, Musik- und Sprechtheater. Joël-Conrad Hieronymus entwickelte die Arbeit gemeinsam mit Anna Sünkel, zuständig für die Kostüme, Max Mahlert, Musiker und Komponist, und der Bühnenbildnerin Denise Schneider. Als Darsteller engagierten sie Nora Solcher und John Sander, die beide an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) in Frankfurt Schauspiel studieren. Hieronymus, Sünkel, Mahlert und Schneider verstehen sich als demokratisches Team. Es ist ihr erstes eigenes Stück. Kennengelernt haben sie sich am Schauspiel Frankfurt, wo sie früher alle gearbeitet haben oder noch immer arbeiten. Dort entstand auch die Idee, gemeinsam zu inszenieren. Das Thema stand schnell fest: der Rechtsruck in der deutschen Gesellschaft.

Skizze für Dear_______3319 Analy­sis, Courtesy of the artists

„Wir wollen als junge Künstler etwas zum Diskurs beitragen. Unser Ziel ist es, den Anfängen zu wehren“, sagt Hieronymus. Als roter Faden zieht sich Händels Oratorium durch die Inszenierung, das von moralischen Grundwerten erzählt – und den Gewissenskonflikten ihnen zu genügen. Kostüm und Bühnenbild sind von Francis Bacon inspiriert. Besonderen Fokus legt das Regieteam neben der Musik, die ständig ins szenische Geschehen eingreift, auf sprachliche Vergleiche.

Eine Rede von Joseph Goebbels, die nach wenigen Kürzungen am Text kaum von den Reden Björn Höckes und anderer AfD-Politiker zu unterscheiden ist, trifft im Stück auf Facebook-Kommentare, Dramenfragmente von Heiner Müller und Texte eines Blogger-Kollektivs. „Wir sprechen jeden Zuschauer direkt an, machen aber keine Moralkiste daraus“, erklärt Hieronymus. Die Freistelle im Titel des Stücks lädt dazu ein, den eigenen Namen einzutragen, die Zahl spielt auf das Jahr der Machtübernahme Hitlers (1933) und die Gegenwart (2019) an. „Wir zeigen die Parallelen auf. Wir befinden uns mitten in einem Prozess und stehen vor einem Wendepunkt“, so Hieronymus.

Wir spre­chen jeden Zuschauer direkt an, machen aber keine Moral­kiste daraus.

Joël-Conrad Hier­ony­mus
Modell für Dear_______3319 Analy­sis, Courtesy of the artists

Das hat das Team gerade hautnah erlebt: „Wir haben in den letzten Tagen Plakate für das Stück in der Stadt aufgehängt und wurden dabei oft von AfD-Anhängern angesprochen. Die lassen aber nicht mit sich diskutieren, weil sie sich total verschließen“, erzählt Sünkel. Dabei will das Team die Auseinandersetzung. Sie haben zur Premiere des Stücks sogar die Politikerin Erika Steinbach eingeladen, die immer wieder mit rechten Tweets Schlagzeilen macht. „Da kam aber leider gar keine Rückmeldung“, sagt Hieronymus. Umso gespannter darf man auf die Reaktion der Zuschauer sein. 

Stills aus dem Trailer für Dear_______3319 Analy­sis, Courtesy of the artists
Stills aus dem Trailer für Dear_______3319 Analy­sis, Courtesy of the artists