23. Mai 2019

Und sind ziemlich fresh. Die Gründer vom Kunstverein Mañana Bold setzen auf Neuanfang – gleich an drei Orten.

Von Eugel El

Ein Mainachmittag in Offenbach, wenige Tage vor der Eröffnung des Festivals „Kunstansichten“: In einem kleinen, verglasten Bau auf dem Gelände einer Schreinerei wird die erste Ausstellung des Kunstvereins „Mañana Bold“ aufgebaut. Ein Objekt wird installiert, der Raum für eine Videoprojektion vorbereitet und nochmal die Fenster geputzt. Zehn Künstler, Kunsthistoriker und Designer aus dem Umfeld der Hochschule für Gestaltung Offenbach (HfG) und der Frankfurter Städelschule haben den Verein gegründet.

„Mañana Bold“ setzt sich aus dem spanischen Wort für „Morgen“ und dem (etwa in der Typografie gebräuchlichen) englischen Begriff für „fett“ zusammen. Das klingt nach einem Fantasienamen, einer Schrifttype oder auch einfach nach einem echt „fetten Aufbruch“. Der Name ist also Programm: Die Gründer möchten in Offenbach einen jungen Kunstverein etablieren, der nicht einfach nur seine Mitglieder ausstellt und ausschließlich regional agiert. 

Fürs Erste ist „Mañana Bold“ ein nomadisches Projekt. Die Eröffnungsausstellung, die im Rahmen der diesjährigen „Kunstansichten“ zu sehen ist, findet zeitgleich an drei Orten statt. Neben dem eingangs erwähnten Bau werden zwei Vitrinen und Schaukästen in der Innenstadt bespielt. Dass der Kunstverein (noch) keinen festen Raum hat, sieht eine der Gründerinnen, Ellen Wagner, nicht als Nachteil. Das Nomadische ermögliche sogar eine gewisse konzeptionelle Flexibilität, erklärt sie: „Wir entwickeln zusammen Ideen und bringen sie mit Räumen zusammen.“

Dominik Keggenhoff baut seine Installation im Offenbacher Rathaus auf, Foto: Eugen El

Die allesamt als Schaufenster angelegten Präsentationsorte sind nicht zufällig gewählt. Die Ausstellung kreise, so die Organisatoren, um Fragen nach der Bedeutung des öffentlichen Zeigens von Kunst, des Nach-Außen-Tretens mit persönlich aufgeladenen Werken. Auch der Titel der ersten Ausstellung, „Looking forward to the cruise“ verheißt Zeiten des Aufbruchs. Er ist dem 2002 entstandenen Video „Winner“ von Harry Dodge und Stanya Kahn entliehen, das auf dem Schreinereigelände gezeigt wird. Die fiktive Protagonistin des 15-minütigen Videos hat beim Gewinnspiel eines kalifornischen Radiosenders eine Kreuzfahrt gewonnen. 

Harry Dodge & Stanya Kahn: Winner, 2002, Still, Courtesy of the artists

Nun muss sie sich in einem Videointerview bei dem Sender bedanken und sagen, dass sie sich auf die Kreuzfahrt freue. Stattdessen nutzt sie den Videodreh als Werbeplattform in eigener Sache. Die Protagonistin holt etliche selbst produzierte Skulpturen aus dem Kofferraum ihres Autos hervor, macht zwischendurch Klimmzüge, bietet dem Kameramann schließlich eine Zusammenarbeit an.

Im gleichen, kabinenartigen Raum sind zudem mehrere Arbeiten von Julia Carolin Kothe zu sehen. Die junge Absolventin der Kunsthochschule Mainz kombiniert Anordnungen aus industriell-funktionalen und organischen Skulpturen mit Textfragmenten. Sie setzt harte, aber auch fragile Materialien ein. Über ihre Arbeit schreibt die Künstlerin: „Ausgangspunkte sind Situationen oder Objekte, die unseren Körper unmittelbar betreffen: Mobiliar, Geräte, Kleidung oder Schmuck, die wir benutzen oder direkt an unseren Körpern tragen sowie Architektur und Raum, in denen wir uns bewegen und orientieren.“

Julia Carolin Kothe: When a Room grows Legs, 2018, Courtesy of the artist

Die Wahrnehmung des eigenen Körpers steht im Fokus der multimedialen Installation von Dominik Keggenhoff. Er bespielt einen Schaukasten im Foyer des Offenbacher Rathauses, das in den Siebzigern im Geist des Betonbrutalismus erbaute wurde. Zu sehen sind unter anderem mit Modelliermasse bearbeitete, monochrom bemalte 3D-Drucke: Eine unheimlich wirkende Büste sowie ein Torso, der einen ehrlichen Blick auf den männlichen Körper jenseits von Fitness-Idealen gewährt. Flankiert sind die Objekte von LED-Modulen, die kryptische Zeichenfolgen ausgeben.

Bisweilen wie flüchtige Skizzen wirken die Blätter von Michael Franz. Der in Berlin lebende Künstler zeigt sie in Schaukästen vor dem Klingspor Museum. In ihrer Lakonie lassen die Arbeiten an Dan Perjovschis oftmals humoristische Zeichnungen denken. Einige Arbeiten von Michael Franz haben die Machtverhältnisse im Kunstbetrieb zum Thema. Hier und da lassen sich bekannte Gesichter und Szenerien erblicken. Und diese Suche nach dem eigenen Platz in der Kunstwelt verbindet Franz mit den Gründern von „Mañana Bold“. Voller Motivation brechen sie zu neuen Ufern auf.

Dominik Keggenhoff, Laube #2: Errungenschaften, 2019. Courtesy of the artist, Foto: Ellen Wagner
Michael Franz, Ohne Titel, 2019, Courtesy: Michael Franz