18. Dezember 2019

100 Jahre Merce Cunningham! Er ist eine zentrale Figur der New Yorker Avantgarde. Der neue Film über den Choreographen versetzt den ganzen Kinosaal in Bewegung.

Von Jens Balkenborg

Alles in diesem Film ist Bewegung und Raum, Bewegung im Raum, und wir sind mittendrin. Gleich zu Beginn schleichen wir mit der Kamera durch einen Tunnel, künstliches Licht überall, während wir uns einem Tänzer nähern. Bildgewordene Immersion, ein Eintauchen in den Bildraum, in dem die Bewegung gefeiert wird.

Die Botschaft ist klar: Die in Moskau geborene Regisseurin Alla Kovgan will uns ihre Geschichte über den weltberühmten amerikanischen Tänzer und Choreografen Merce Cunningham, der am 16. April 1919 unter dem bürgerlichen Name Mercier Philip geboren wurde, nicht nur zeigen. Nein: Sie will uns teilhaben lassen.

„Cunningham“ betreibt eine sympathische Mythen­bil­dung

„Cunningham“ ist der erste Film, den die Nachlassverwaltung Cunningham Trust genehmigt hat. Er ist so etwas wie ein doppeltes Geschenk zum 100. Geburtstag. Einerseits für den 2009 verstorbenen Künstler selbst, dem hier ohne kritische Reflektion durch Außenstehende gehuldigt wird. Er betreibt ganz unverhohlen Mythenbildung, dies allerdings auf sympathische Art und Weise. Und dann ist der Film ein Geschenk für den geneigten Zuschauer. Denn hier werden, und das nicht zum Selbstzweck, alle Register an technischen Möglichkeiten gezogen, um die Welt des Tanzes in den Kinosaal zu bringen, oder genauer: den Kinosaal („Cunningham“ ist ein Film für das Kino!) zum Teil des Tanzraumes werden zu lassen. Wie bei Wim Wenders „Pina“ heiligt der Zweck die Mittel, das Genre Tanzfilm weiß die oft inflationär verwendete 3D-Technik sinnvoll für sich zu nutzen. 

Merce Cunningham, Porträt, Photo © Robert Rutledge

Deutlich wird das in „Cunningham“ zum Beispiel bei der Choreographie „RainForest“ (1968), einem der 14 ausgewählten Tänze, die, vorgetragen von 12 Mitgliedern der Cunningham-Company aus der letzten Generation, mittels 3D-Technik in Szene gesetzt werden. Filigran schleichen die Tänzerinnen und Tänzer in durchlöcherten Turnanzügen zwischen chrom-glänzenden, mit Helium gefüllten Ballons in Kissenform umher. Und wir sitzen mitten in diesem Wald aus Ballons, der durch mal zarte, mal stärkere Berührungen der Tänzer in Bewegung gerät.

Das Bühnenbild stammte ursprünglich von Andy Warhol

Das Bühnenbild dazu stammte ursprünglich von Andy Warhol. „Silver Clouds“ nannte der Künstler die Installation, die Cunningham und seine Gruppe für die Choreographie nutzen durften. Die Musik, beigesteuert von Pianist und Komponist David Tudor, erinnert an das Zwitschern und Klappern von Vögeln und Tieren. Solche Kooperationen mit Künstlern aus anderen Disziplinen haben wesentlich zum Erfolg und zur Bekanntheit der Cunningham Company beigetragen.

Merce Cunningham, RainForest, performance at State University New York at Buffalo College, 1968, Walker Art Center, Merce Cunningham Dance Company Collection, Image via walkerart.org

Neben Wahrhol und Tudor arbeitete der Choreograph auch oft mit dem Maler und Fotografen Robert Rauschenberg, dem Konzeptkünstler Bruce Naumann oder dem Komponisten John Cage zusammen. Mit Cage verband ihn unter anderem die Aleatorik. In ihren gemeinsamen Projekten erklärten sie den Zufall zum Organisationsprinzip, weshalb der Tanzavantgardist auch als „Meister des Zufalls“ gefeiert wurde. 

All das schwingt mit in Kovgans Film. „Cunningham“ ist dabei weder klassische Dokumentation noch Spielfilm, sondern ein hybrides Gesamtkunstwerk. Die Choreografien, eine jede wunderbar inszeniert, bringen uns in Wälder, nicht nur in künstlich glänzende, sondern auch in wahrhaftige; auf Hochhausdächern („TV Rerun“, 1972), in eine gewaltgeladene Dunkelheit, in der die Tänzer mit diebischer Physis im Schatten eines Such-Scheinwerfers tanzen. Oder, in „Summerspace“ (1958), in die perfekte Symbiose aus Bewegung und Musik inmitten eines sommerlich gepunkteten Dekors, in dem die Tänzerinnen und Tänzer mit ihren ebenfalls gepunkteten Anzügen beinahe zu verschwinden scheinen.

Merce Cunningham, TvRerun, 1972, Photo © Mko Malkhasyan
Merce Cunningham, Summerspace, 1958 Photo © Mko Malkshasyan

Zwischen den sich zeitlich in Richtung Gegenwart bewegenden Choreografien wird der Werdegang Cunninghams von 1944 bis 1972 erzählt. Cunningham als Tänzer in New York, die ersten Gehversuche mit der Company, ein völlig auf Motivation und Disziplin gebürstetes Leben im Zeichen des Tanzes. Es geht um die Philosophie des Neudenkers, der sich die filigrane Bein- und Fußtechnik des klassischen Balletts zu eigen gemacht hat und sie mit den Oberkörper-betonten Techniken des modernen Tanzes zusammendachte. In den ersten 30 Jahren seiner Karriere erhielt Cunningham wenig bis keine Unterstützung, weder von Stiftungen noch von Publikum und Presse. 

Der Film spannt diesen Bogen, zeigt, wie er und die Tanzgruppe eingequetscht, aber guter Dinge, im VW-Bus durch Nordamerika tourten und eine kleine Schneise der Verwirrung hinter sich ließen. Gelegentlich wurde die Company gefeiert, dann wieder mit Tomaten beschmissen. In den 1950er bis 60er-Jahren fühlte der Tänzer sich vereint in „Armut und Ideen“ mit der damals florierenden Kunstszene in New York. Erst gegen Ende erzählt der Film von den späten weltweiten Erfolgen.

Bewegung bestimmt die filmische Form

Kovgan inszeniert ihre Geschichte collagenartig, stellt dokumentarisches Foto- und Videomaterial vor- und hintereinander, lässt es überlappen und bringt uns so durch die Jahrzehnte. In „Cunningham“ bestimmt die Bewegung auch die filmische Form. Zusammengehalten wird alles von gesprochenen Texten, den Stimmen von Cunningham und damaligen Mitgliedern seiner Company sowie von einer Klangwelt des deutschen Komponisten Volker Bertelmann alias Hauschka und den alten Musikstücken von Cage, Tudor und weiteren. Nach und nach setzt sich so das Bild eines humorvollen, sympathischen Erneuerers mit teils schon guruhaften Zügen zusammen, das Bild eines Mannes, der in sich verschlossen war und kaum für keine Sekunde stillstehen konnte. Körperlich gelang ihm das vielleicht in den Tanzpausen, gedanklich scheinbar nie.

Merce Cunningham, Jennifer Goggans, Rashaun Mitchel, Photo © Shelby Dillon
Merce Cunningham, SecondHand, Photo © Martin Misere