28. September 2019

Sie sind ein unverzichtbarer Teil des Ökosystems und dennoch weltweit bedroht. Eine Pariser Ausstellung rückt Bäume in den Fokus von Kunst und Wissenschaft.

Von Eugen El

Der Ort könnte nicht geeigneter sein. Eine majestätische, 1823 gepflanzter Zeder steht direkt vor dem Eingang der Pariser Fondation Cartier. Das Zentrum für zeitgenössische Kunst ist in einem vom französischen Architekten Jean Nouvel entworfenen Gebäude untergebracht. Zwischen dem Boulevard Raspail und dem luftig wirkenden Bau aus dem Jahr 1994 erstreckt sich ein Garten mit 24 Baumarten. Er wurde vom Künstler Lothar Baumgarten angelegt. Eine Glasfassade trennt die urbane Oase von der Straße, Öffnungen in der Fassade ermöglichen den Bäumen natürliches Wachstum.

In dieser Kulisse zeigt die Fondation Cartier eine Ausstellung, die sich ausschließlich Bäumen widmet. Für die beteiligten Künstler und Wissenschaftler sind Bäume Gegenstand von Inspiration und Faszination, Rechercheobjekt und Datenquelle, künstlerisches Material oder Bildmotiv. Die Schau blickt auf einen der ältesten lebenden Organismen der Erde. Der erste bekannte fossile Wald wird auf etwa 385 Millionen Jahre vor unserer Zeit datiert. Heute ist der Baumbestand vielfältig bedroht. Zwei Hitzesommer in Folge haben dem Wald in Deutschland enorm zugesetzt. Massive Brände im brasilianischen Amazonasgebiet lösen wiederholt weltweite Besorgnis aus.

Die Zeich­nun­gen wirken wie einfühl­same Porträts

Zu den Bewohnern des weitläufigen Gebiets zählt die indigene Gemeinschaft der Yanomami. Im großzügigen, hellen Eingangssaal der Ausstellung kommt sie mittels Bunt- und Filzstiftzeichnungen zu Wort. Die Yanomami-Künstler Kalepi, Joseca und Ehuana Yaira stellen die sie umgebenden Bäume in einnehmender Klarheit dar. Die Zeichnungen wirken wie einfühlsame Porträts. Auch die Gran Chaco-Region in Paraguay leidet derzeit unter Abholzung. In ihren Schwarzweißzeichnungen halten indigene paraguayische Künstler Flora und Fauna der dortigen Wälder fest. Marcos Ortiz etwa verdichtet Bäume zu feinen, netzwerkartigen Landschaften.

Fondation Cartier pour l'art contemporain, Paris 2019, Photo © Luc Boegly
Joseca, Rio kosi, 2018 © Joseca
Joseca, Manaka si, 2019 © Joseca

Im gleichen Saal lässt der brasilianische Künstler Luiz Zerbini die strenge Geometrie der Moderne auf üppig wucherndes Pflanzenwerk treffen. Seine mit architektonischen Rastern und Strukturen unterlegten Bildräume werden von etlichen Bäumen, Pflanzen und Tieren bevölkert. Zerbinis gegenständliche Gemälde gleichen Wimmelbildern. Bei näherem Hinsehen sind dort auch Alltagsgegenstände wie Glühbirnen, Flip Flops oder Stromkabel zu erkennen. Wenn man so will, wächst in den Gemälden zusammen, was auf den ersten Blick nicht zusammenzugehören scheint. Auch im etwas beengten und dunklen Untergeschoss sind Arbeiten von Künstlern und Wissenschaftlern zu sehen, die Bäume in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten stellen.

Mittels schlichter Grafiken und Karten demonstriert das New Yorker Architekturbüro Diller Scofidio + Renfro das Ausmaß der Abholzung in Brasilien, Kamerun und Indonesien zwischen 2008 und 2015. Parallel werden Daten zum Verschwinden seltener Sprachen eingeblendet. Nüchtern und eindringlich zeigen Diller Scofidio + Renfro die fortschreitende Zerstörung natürlicher und kultureller Lebensgrundlagen. Bisweilen kurios sind hingegen die Szenerien, die der peruanische Fotograf Sebastián Mejia in Santiago de Chile festgehalten hat. Die Schwarzweißfotografien zeigen Bäume, die sich in der zugebauten und asphaltierten Metropole verzweifelt zu behaupten versuchen. Da ragt eine Palme aus einem Einfamilienhaus, andere wachsen inmitten einer Tankstelle oder eines Parkplatzes. Mejias Bilder illustrieren den oft zum Scheitern verurteilten Versuch, Bäumen einen angemessenen Platz in der Großstadt einzuräumen.

Luiz Zerbini, Lago Quadrado, 2010, Installationsansicht, Photo: Thibaut Voisin
Sebastián Mejía, Série Quasi Oasis, 17, Santiago du Chili, 2012 © Sebastián Mejía

Der Garten der Fondation Cartier scheint dieses Dilemma mit Bravour zu meistern. Dort setzt sich die Ausstellung fort. Auf einer Eiche und einer benachbarten Kastanie haben der Botaniker Stefano Mancuso und der Künstler Thijs Biersteker mehrere Sensoren installiert. Die live gesammelten Daten und Werte, die das Wachstum der Bäume beeinflussen, werden auf Screens in digitale Jahresringgrafiken umgesetzt. Dazu zählen unter anderem Lufttemperatur, -druck und -feuchtigkeit, CO2- und Lärmwerte. Die Grafiken machen den Gesundheitszustand des jeweiligen Baums visuell nachvollziehbar.

Agnès Varda beschreibt die Instal­la­tion als poeti­sche Synthese aller Bäume

Einige Schritte weiter erblickt man die auf einem Baumstumpf thronende Bronzeskulptur einer Katze. Der Stamm stand einst im Garten der im März 2019 verstorbenen französischen Filmemacherin und Künstlerin Agnès Varda. Die Skulptur stellt ihre Katze Nini dar. Nicht nur zu ihrem Haustier pflegte Varda eine persönliche Beziehung. Im Flyer der Ausstellungbeschreibt sie die Installation als poetische Synthese aller Bäume, „die in unseren Leben eine Rolle spielen: Der Kirschbaum im Garten, die Trauerweide auf dem Weg zum Markt, eine gigantische Zeder, unter der ich gerne saß und die Bäume hier und dort, die wir oft im Vorbeigehen grüßen.“

Agnès Varda, Nini sur son arbre, Photo © Edouard Caupeil