19. Oktober 2019

Wie klingt das Internet? Das war einst die Frage des 3hd Festivals von Creamcake, einer queerfeministischen Plattform für Parties, Performances und digitale Kunstprojekte. Seitdem hat sich Einiges verändert.

Von Philipp Hindahl

Im Interview erzählen Daniela Seitz und Anja Weigl, zwei der Gründerinnen und Veranstalterinnen von Creamcake, wie sich der Fokus von 3hd auf soziale Aspekte verlagert hat, über Genderfragen in Musik und Kunst bis hin zu Allianzen von Aktivismus und Kommerz. Das Festival untersucht nun, wie die Erzählungen der Gegenwart lauten — im Club, in der Ausstellung oder im Diskurs.

Das 3hd-Festival ist jetzt im fünften Jahr. Was ist in der Zeit passiert?

Daniela: Alles ist in permanenter Veränderung: Die Arbeitsweise hat sich geändert, der künstlerische und der politische Kontext auch. Unser Fokus hat sich verschoben, über die Ausgangsfrage hinaus, was der Sound des Internet ist. Wir begreifen das jetzt eher interdisziplinär.

Inwiefern?

Anja: Wir setzen uns mehr mit der sozialen Komponente auseinander als andere Festivals.

Daniela: 3hd ist nicht mehr nur ein Musikfestival. Dieses Jahr wird das noch stärker aufgelöst — es trägt den Titel „Fluid Wor(l)ds“, und wir befassen uns mit dem Geschichtenerzählen und immer mit dem Jetzt. Das kann aber auch anstrengend sein, stets das Neue und den Zeitgeist darstellen zu müssen.

Francesca Landi, Fluid Wor(l)ds, 2019, Courtesy of the artist

Das stimmt, ein halbes Jahrzehnt ist in der digitalen Welt eine halbe Ewigkeit. Wo sucht ihr denn die Veränderung in der digital-affinen Kunst und Musik?

Daniela: Kommt drauf an, was man betrachten will. Gender, Technologie, Kunst, in diesen Bereichen haben wir oft einen Anhaltspunkt gefunden, um zu beschreiben, was neu ist. Der Internet-Mindstate hat es ermöglicht, Grenzen und normative Strukturen auszuschalten. Imaginär zumindest.

Keine normativen Strukturen mehr dank Internet — klingt kompliziert und ein bisschen utopisch.

Daniela: Man kann generell diese Machtstrukturen nicht ausschließen. Dem müssen wir uns immer stellen. Bilden wir in unserer Organisation etwas nach, was wir eigentlich nicht gut finden?

Naja, wie kommt ihr dem zuvor?

Daniela: Wir haben bei 3hd schon immer einen Nachwuchs-Schwerpunkt mit sehr vielen Künstlerinnen und Künstlern, die gerade aus dem Studium kommen. Die entdecken wir oft online und geben ihnen die Möglichkeit professionell, aber mit leichten, unkomplizierten Strukturen zu arbeiten.

Die großen Institutionen entdecken gerade auch mit ein wenig Verzögerung das Digitale. Braucht man dann noch ein eigenes Digitalfestival?

Daniela: So sehen wir uns gar nicht. Wir sind zwar aus der Online-Kultur entstanden, die aber eher eine Do-It-Yourself-Struktur hatte und hat. Das ist das Schöne am Underground: Es fängt eine heranwachsende Generation von Künstlern mit neuen Ideen einfach an, etwas zu machen. Das entwickelt sich und wird adaptiert, gelegentlich auch vom Mainstream, das heißt von marktwirtschaftlich orientierten Unternehmen. Creamcake hingegen ist ein queeres und feministisches Kollektiv mit Arbeitsweisen, die es anderswo nicht gibt.

Ich hatte das Gefühl, dass es früher viel um Dissidenz bei euch ging. Habt ihr euch davon abgewandt?

Daniela: Abgewandt… naja. Wir geben diesmal nicht so sehr eine Haltung mit dem Titel „Fluid Wor(l)ds“ vor. Wir wollten die politische Komponente ein wenig nach hinten stellen und die Arbeiten hingegen in den Vordergrund bringen. Denn in den letzten Jahren wurde alles und nichts politisch, das kann man in der derzeitigen Onlinekultur beobachten. Nimm ein Beispiel wie den Pride Month. Auf einmal ist Identitätspolitik kommerziell überall eingebettet.

Francesa Landi, Creamcake, E-Work. Transcending Realities, 2019, Courtesy of the artists

Man kann ein seltsames Gefühl dabei bekommen: Aktivismus lässt sich ganz leicht von großen Konzernen zu Werbezwecken benutzen. Eine Fast-Food-Kette feiert den Pride Month und wirbt mit dem Kampf für die Rechte der LGBTQ-Community, die Klimademonstrationen von Fridays for Future sind voll mit Werbung vom Bioladen.

Daniela: Man muss die Codes lesen — wenn man Teil davon ist, weiß man, was das bedeutet.

Anja: Wir möchten eher inspirieren und Alternativen aufzeigen.

Daniela: Auf dieses seltsame Gefühl reagieren wir. Aber klar, es geht um Geld, und am Ende sind wir Teil davon. Man muss aber aufpassen, dass man nicht das Gleiche macht wie diejenigen, die man kritisiert.

Wie kommt ihr eigentlich zu euren Themenschwerpunkten?

Daniela: Bei „Fluid Wor(l)ds“ wussten wir schon, dass es um Narration geht. Wir wollten stärker mit Texten und Geschichten arbeiten. 2015 war der Festivaltitel „The Labor of Sound in a World of Debt“, das war eher Kritik am Spätkapitalismus, es war aber zugleich noch sehr euphorisch. Im Jahr darauf hieß es „Whatever You Thought, Think Again“. Das war im Jahr von Brexit und Trump — ein Katastrophenjahr!

Ich stelle es mir schwer vor, den Zeitgeist von einem ganzen Jahr zu antizipieren.

Daniela: Wir haben jetzt den Fokus auf Eskapismus gelegt, denn eine Überforderung durch die permanente digitale Kommunikation ist im Alltag spürbar. Das fluide Wesen von Geschlecht, Arbeitsstruktur oder Alltag hat einen Einfluss auf unser Leben.

Eskapismus — wohin geht denn die Flucht?

Daniela: Wir haben uns gefragt, was der Club, Rave und Euphorie im kollektiven Zusammensein bewirken kann. Was machen die Körper, die da stundenlang tanzen? Und dann waren wir ziemlich viel raven. Aber dieser Moment, den man mit Mitte zwanzig hatte — tanzen, Leute kennenlernen, Andersartigkeit zu akzeptieren — das hat uns beeinflusst. Das ist ja mittlerweile stärker kapitalisiert durch Codes, mit denen wir nicht mehr klarkommen.

Clubs haben eine lange Tradition als temporäre Utopie.

Anja: Ja, aber ich finde auch interessant, dass sich der Eskapismus verändert. Das muss ja nicht raven sein. Wir haben im Club angefangen, denn da werden Traumwelten gebaut.

Das Festival findet an drei Orten statt: dem Theater Hebbel am Ufer, dem Club Trauma Bar und Kino und im ehemaligen Postscheckamt. Letzteres ist ja auch ein interessanter Ort für eine Kunstschau. Die Ausstellung dort heißt “(Un)Real Estate”. Was ist das denn, Unreale Immobilien?

Daniela: Na, das ist ja ein Wortspiel. Das Gebäude ist verkauft worden, dann gab es einen Streit darum, und das Berliner Bauamt hat sich dafür eingesetzt, dass keine Eigentumswohnungen daraus werden, wie ursprünglich geplant. Und nun hat die Kunst- und Kulturszene das aufgegriffen.

Immobilien in Berlin sind umkämpft. Wie kommt ihr an die Räume?

Anja: Manchmal muss man eben in alle Richtungen offen sein. Wir schauen, wo etwas stattfindet, was uns gefällt und wer hinter dem Raum steht. Wir lassen uns inspirieren und fragen: Was wollen wir?

Wo seid ihr in dem alten Postbank-Turm?

Daniela: Das letzte Konzert ist in der ehemaligen Kantine, ganz oben. Mit Blick über Berlin. Im Erdgeschoss, in der ehemaligen Postbank-Filiale ist die Ausstellung. Die verlassenen Büros dort sehen ein wenig aus wie in der Serie „Mad Men“. Dort findet auch der Escape Rave mit Michele Rizzos „HIGHER xtn“ statt, das wird kombiniert mit einem Ambient DJ Set von Malibu und einem Panel von Lou Drago über Eskapismus und Clubkultur. Diese Art der Reflexion ist Gegenprogramm und Ergänzung zur stark beschleunigten Tanzfläche.

Wie sieht eigentlich eure Community aus?

Anja: Sehr divers, verschiedene Geschlechter. Aber je nach Veranstaltungsort kommen auch Leute, die in der Lokalpresse davon erfahren haben.

Daniela: Es ist eine queerfeministische, kunstaffine Community, genau wie die Künstler.

Wie geht es in Zukunft mit dem Festival weiter?

Daniela: Wir haben in diesem Jahr einen DJ angefragt, den wir bei Soundcloud gefunden haben. Aber wir konnten ihn nicht einladen, weil er erst 16 ist. Das ist schon die postdigitale Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Das unterscheidet 3hd von vielen anderen Projekten — nach uns wird es mit diesen Leuten weitergehen.