Eine Mutter-Tochter-Komödie, Klassiker des Independentfilms und der Wilde Westen einmal ganz ruhig erzählt. Ausgewählte Highlights von herausragenden Filmemacherinnen.

1. Chantal Akerman, Saute ma ville (1968)

Neuerfinderin des Kinos und der Formen, -, Grenzüberschreiterin zwischen Kunst und Film: Wenn die Bedeutung Chantal Akermans erklärt werden soll, sind Superlative schnell zur Hand. In Deutschland kam und kommt die Belgierin hingegen kaum vor. Akermans Œuvre umfasst mehrere Dutzend Filme, darunter der dreieinhalbstündige und in vielen Filmkanons genannte  „Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles“.

Als persönliche Empfehlung soll hier aber ihr Debüt „Saute ma ville“ stehen: Zwölf Minuten lang verfolgt dieser Film seine Protagonistin, gespielt von Akerman selbst, wie diese ebenso gewalt- wie lustvoll Dosen öffnet, Spaghetti zubereitet, Wein ins Glas kippt, die Katze aus dem Fenster wirft, putzt, auf- und umräumt, derweil auf der Tonebene permanent gesummt, geschnalzt und laut geatmet wird. Wenn man zwischendurch unwillkürlich lachen muss, bleibt ungewiss, ob dies nun Übersprungshandlung oder Zeichen der grandiosen Unterhaltung sein soll, oder ob Akermans vom ersten Augenblick an unheilvolle Darstellung der neurotisch am eigenen Haushalt sich abarbeitenden Frau, ja der sogenannten weiblichen Hysterie par excellence, einfach schon übergeschwappt ist.

Chantal Akerman, Jeanne Diel­man, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxel­les (Filmstill), Courtesy of the artist, Image via harvardfilmarchive.org

2. Leontine Sagan, Mädchen in Uniform (1931)

Noch heute werden Filme, in denen Frauen Frauen lieben, gerne als bahnbrechendes Novum gepriesen. Bereits 1931 veröffentlichte die österreichisch-ungarische Filmemacherin Leontine Sagan „Mädchen in Uniform“, eine Verfilmung des Stücks „Gestern und Heute“ von Christa Winsloe, die noch heute in vielerlei Hinsicht bahnbrechend ist: Manuela von Meinhardis, die junge Protagonistin, muss in ein Mädcheninternat, wo das strenge Fräulein von Nordeck zur Nidden den Schülerinnen das Leben schwer macht.

Vor diesem Hintergrund erzählt Sagan in ihrem ausschließlich weiblich besetzten Film oft nur in Andeutungen die Geschichte einer lesbischen Liebe, die zwar in einem Kuss aus heutiger Perspektive vergleichsweise unschuldig daherkommt, die dafür aber aus anderem Grunde heute immer noch oder wieder genügend Sprengstoff bereithalten würde – es handelt sich nämlich um die Liebe zwischen einer 14-jährigen und einer erwachsenen Frau. Nebenbei verhandelt Sagans Film die Lust an der Bestrafung, insbesondere im institutionellen Kontext eines Internats, und fragt auch nach den sexuellen Anteilen jener körperlichen Züchtigung. „Mädchen in Uniform“ war in Europa durchaus erfolgreich, wurde unter den Nazis verbannt und geriet dann mehrere Jahrzehnte in Vergessenheit. In den USA wurde das Aufführungsverbot erst 1977 auch durch den persönlichen Einsatz von Präsidentengattin Eleanor Roosevelt aufgehoben. In der BBC-Liste der 100 besten Filme weiblicher Filmemacherinnen tauchte die Jüdin Sagan überhaupt nicht auf, wie der Kritiker Daniel Kothenschulte bemerkte – dafür aber, gleich zweifach, Leni Riefenstahl.

Leonie Sagan, Mädchen in Uniform (Filmstill), 1931, Image via uni-paderborn.de

3. Lizzie Borden, Born in Flames (1983)

„Born in Flames“ ist der bekannteste Film der Wahl-New Yorkerin Lina Elizabeth Borden, die ihren Namen gerichtlich in Lizzie Borden, der in den USA weithin bekannten Elternmörderin,  ändern ließ. Sowohl inhaltlich als auch formal könnte man den Klassiker des Independent-Kinos im besten Sinne (Borden hatte insgesamt 30.000 US-Dollar Budget, der Filmdreh dauerte insgesamt fünf Jahre)als work-in-progress beschreiben: In die Pseudo-Dokumentation mischen sich zunehmend Science-Fiction-Elemente, und neben dem Alltag weißer Feministinnen treten Sujets wie Rassismus, Homophobie und Klassismus in einem sozialistischen Amerika der Zukunft in den Fokus. Drei Jahre später legte Borden mit „Working Girls“ nach, einem Film über Prostituierte der New Yorker Oberschicht, der nicht allen als feministisches Manifest gefiel – blitzt doch immer wieder Bordens Überzeugung durch, dass Prostitution eine „ökonomische Entscheidung“ wie andere sei.

Lizzie Borden, Born in Flames (Filmstill), 1983, Courtesy of the artist
Lizzie Borden, Born in Flames (Filmstill), 1983, Courtesy of the artist
4. Elaine May, Mikey and Nicky (1976)

Größtenteils unbeachtet und nur für sehr kurze Zeit kam 1976 mit „Mikey & Nicky“ Elaine Mays dritter Spielfilm ins Kino. In dem meisterlich inszenierten, kammerspielartigen Filmdrama folgen wir den beiden Protagonisten bei einer nächtlichen Tour de force: Nicky (John Cassavettes) wendet sich mit einem verzweifelten Hilferuf an seinen alten Jugendfreund Mikey (Peter Falk), der ihm bei der Flucht vor der Mafia helfen soll. Doch ist Mikey wirklich ein vertrauenswürdiger Freund oder nicht eher der auf ihn angesetzte Auftragsmörder der Mafia?

In tragisch-komischen Szenen wirren die beiden durch das nächtliche Philadelphia, verhandeln ihre Freundschaft und durchleben die Konsequenzen ihrer Lebensentscheidungen. Elaine May, die neben ihrer Arbeit als Drehbuchautorin, Schauspielerin und Regisseurin bereits als Teil des erfolgreiche Komödianten-Duos mit Mike Nichols Aufsehen erregt hatte, gelingt in diesem vergessenen Glanzstück eine beeindruckende Studie über Verrat und Freundschaft, in der die ganz selbstverständlich zur Schau getragene Misogynie der Protagonisten immer wieder selbst zum Thema wird. Das Filmstudio Paramount bewarb den Film erst gar nicht, hatte Elaine May ihrer Meinung nach deutlich zu lange für den Filmschnitt gebraucht und besiegelte so sein Schicksal als zu Unrecht vergessenes Filmwerk des New Hollywood.

Elaine May, Mikey and Nicky (Filmstill), 1976, Courtesy of the artist, Image via amazonaws.com

5. Kelly Reichardt, Meek’s Cutoff (2010)

Wie das Leben im sogenannten Wilden Westen jenseits der berühmt-berüchtigten Gunslinger, der amerikanischen Revolverhelden, aussah, ist vermutlich selten eindringlicher dargestellt worden als in Kelly Reichardts Western „Meek’s Cutoff“ (dt. „Auf dem Weg nach Oregon“). Der Film ist angelehnt an tatsächliche Ereignisse: 1845 leitete der Trapper Stephen Hall Meek eine Siedlergruppe entlang des Oregon-Trails Richtung Westen. Der Versuch die Route abzukürzen scheiterte: die Gruppe verlor die Orientierung, etliche Menschen starben.

In beeindruckenden Bildern hält Reichardt die endlosen Weiten der Landschaft fest, zeigt den mühsamen und beschwerlichen Alltag der Siedler, deren Leben durch die äußeren Umstände sowie die sich zuspitzenden internen Zerwürfnisse innerhalb der Gruppe allzeit bedroht scheint. Den Blick lenkt Reichardt verstärkt auf die Frauen innerhalb der Gemeinschaft – insbesondere auf die Figur der Emily Tetherow (Michelle Williams) – und beschreibt so nicht nur einen Gegenentwurf zur romantisch-verklärten Western-Mythologie, sondern erlaubt einen sensiblen Einblick in die Geschlechterverhältnisse des amerikanischen 19. Jahrhunderts.

Kelly Reichardt, Meek’s Cutoff (Filmstill), 2010, Courtesy Oscilloscope Laboratories, Image via nyt.com

6. Yang Mingming, Rou qing shi (2018)

Humor, sagt man, sei der am schwierigsten zu übersetzende Anteil am Film. Auf „Rou qing shi“ ( engl. „Girls Always Happy“) der jungen chinesischen Filmemacherin Yang Mingming, die sich neben der Regie auch um Drehbuch und Schnitt kümmerte, trifft dies nun offenbar überhaupt nicht zu: So viel grandiose Situationskomik entwickelt sich in diesem beinahe schon Kammerspiel zwischen einer jungen Frau und ihrer neurotischen Mutter, die vor allem durch ausufernde Vorwürfe und Vorhaltungen brilliert. Was andere Filmemacherinnen und Filmemacher vielleicht in ordentlicher Tristesse erzählen würden, das wird bei Mingming zu einer Art asiatischer Arthouse-Komödie, die vorm Mikrokosmos einer traditionellen Pekinger Hutong-Behausung auch die Zerfallsprodukte des traditionellen Chinas in Szene setzt.

Yang Mingming degradiert ihre Figuren glücklicherweise nicht zu eloquenten Sprücheklopfer in bissigen Schlagabtäuschen oder Figuren, über die sich Zuschauer schenkelklopfend lustig machen dürfen - beliebtes Setting unzähliger Komödien -, sondern stattet sie neben sehr bissigem Humor auch mit der nötigen emotionalen Tiefe aus. „Rou qing shi“ ist so nicht zuletzt auch dies: ein aufrichtiger, ziemlich treffender Film über das komische Ding, das man gemeinhin Mutter-Tochter-Beziehung nennt.

Yang Mingming, Girls Always Happy, Courtesy of the artist, Image via acsta.net

7. Shirley Clarke, The Connection (1961)

Nach nur zwei Aufführungen in New York war schon Schluss: Die Polizei nahm den Filmvorführer von Shirley Clarkes Spielfilmdebut „The Connection“, der zuvor bereits in Cannes seine Premiere gefeiert hatte, fest und machte das Lichtspielhaus dicht. Was war passiert? Das State Department of Education hatte dem Film die Vorführlizenz verweigert: mehr als 50-mal das sei Wort „shit“ im Film zu hören, eine Vorführung deshalb unverantwortlich. Doch noch einmal einen Schritt zurück: Clarkes Film, basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von Jack Gelber, ist ein in Echtzeit ablaufendes Kammerspiel, in dem ein Dokumentarfilmer in einer heruntergekommenen Wohnung gemeinsam mit Junkies auf deren Dealer, ihre „Connection“, wartet und im Laufe der Handlung immer mehr zum Subjekt seines eigenen Films wird.

Die Experimentalfilmerin Clarke musste nach dem Aufführungsverbot ihres Films bis vor den höchsten Gerichtshof des Staates New York ziehen, der ihr in letzter Instanz schließlich das Recht zusprach, den Film öffentlich zu zeigen. Denn: Da das Wort „shit“ als Synonym für Drogen und nicht als Schimpfwort genutzt würde, sei der Film zwar vulgär, aber eben nicht obszön. Zu spät allerdings für „The Connection“ – der Film konnte an das zuvor entfachte Interesse der Kinogänger zeitlich nicht mehr anschließen und floppte im Folgenden an den Kinokassen. (Überaus sehenswert ist unter anderem auch Shirley Clarkes Debüt, der Experimentalfilmpionier „Bridges-Go-Round“ aus dem Jahr 1958).

Shirley Clarke, The Connection (Filmstill), 1961, Image via www.projectshirley.com

8. Angela Schanelec, Mein langsames Leben (2001)

Über Filme zu schreiben, könnte man angelehnt an ein bekanntes Zitat von Elvis Costello sagen, ist, wie zu Architektur zu tanzen. Auf die Filme von Angela Schanelec mag dies vielleicht noch mehr zutreffen als auf manch andere. „Mein langsames Leben“ eröffnet mit zwei Freundinnen in einem Café: Valerie, zurückhaltend und ruhig, und Sophie, eher lebensfroh und aufgeweckt. Sophie, erfahren wir, wird für ein halbes Jahr nach Rom gehen, der Film bleibt im Folgenden aber bei Valerie und schildert ihren Sommer in Berlin.

Was im Film tatsächlich passiert, ist hingegen schwer in Worte zu fassen, widerstrebt es doch einerseits den Sehgewohnten, die sich im Laufe der Geschichte des Kinos beim Zuschauer geformt haben, wenngleich es andererseits zugleich ganz konkret an die eigenen, alltäglichen Erlebnisse anknüpft. Wie sehen Normalität, der Alltag aus und wie ist es um dessen Darstellbarkeit bestellt? Zuletzt könnte „Mein langsames Leben“ aber schlechthin als Frage nach der Möglichkeit von Intersubjektivität überhaupt verstanden werden.

Angela Schanelec, Mein langsames Leben (Filmtstill), 2001, Image via www.filmmuseum.at

9. Mary Harron, American Psycho (2000)

Über die Handlung dieser Bret Easton Ellis-Verfilmung vom bizarren Doppelleben des Investment-Bankers Patrik Bateman im New York der 1980er Jahre muss nicht mehr viel gesagt werden, ist diese doch mittlerweile zu einem kulturellen Gemeingut geworden und die unzähligen Bateman-mit-Axt-Memes fluten seit Jahren das Internet. Nachdem sich zunächst David Cronenberg für das Projekt interessiert hatte, wurde schließlich Mary Harron, die mit ihrem Spielfilm-Debüt „I Shot Andy Warhol“ über die Warhol-Attentäterin Valeria Solanas auf sich aufmerksam gemacht hatte, verpflichtet.

Noch bevor die Produktion an „American Psycho“ begann, kam es zu unzähligen Problemen: Zunächst fand sich kein Verleiher für den tabureichen Film, dann war das Produktionsstudio nicht mit Harrons Darsteller-Wahl einverstanden (die Produktionsfirma wollte den damals noch recht unbekannten Christian Bale durch Leonardo DiCaprio ersetzten). Als die Produktion schließlich anlief, kam es zu diversen lautstarken Protesten: seitens der Feminist Majority Foundation, die dem Werk Misogynie vorwarf, und durch diverse Anti-Gewalt-Kampagnen, die „American Psycho“ Gewaltverherrlichung unterstellten. Ungeachtet dessen arbeitete Harron mit der Drehbuchautorin Guinevere Turner weiter am Skript und kreierte schließlich jene düster-groteske Satire, die heute als einer der Kult-Filme der 2000er Jahre gilt.

Mary Harron, American Psycho, 2000, Image via szene-hamburg.com

10. Wer außerdem nicht fehlen darf

Auch mit diesem Absatz wird die Liste selbstredend nicht vollständig, aber die Bandbreite an Filmpositionen nochmals größer. Empfehlens- und nennenswert zum Beispiel: Die Experimentalfilmerin Maya Deren (die in der SCHIRN zu sehen ist), die erste Filmemacherin der Welt Alice Guy-Blanché, die bei über 40 Filmen Regie führte, darunter 1912 den heute verschollenen ersten Film mit einem ausschließlich afroamerikanischen Cast, Film Noir-Regisseurinnen wie Muriel Box, die sowjetische Filmemacherin Larisa Shepitko mit ihrem Weltkriegs-Drama „The Ascent“, der Vogueing-Szene-Doku-Klassiker „Paris is Burning“ von Jennie Livingston, „Boys don’t cry“ von Kimberley Peirce, „Virgin Suicides“ von Sophia Coppola oder die 2017 mehrfach preisgekrönte Hexen-Groteske „I am not a witch“ von Rungano Nyoni.

Maya Deren, The Witch’s Cradle (Filmstill), 1943, Image via WikiCommons