22. Februar 2019

Von Kinderzombies, Pilzsammlern und Theaterdämonen. Unsere Lieblingsfilme der diesjährigen Berlinale.

Von Katharina Cichosch und Daniel Urban

Wenig ist in zersplitterten Zeiten so schwierig wie die Abgrenzung. Das ließ sich auch auf der diesjährigen Berlinale wieder feststellen: Warum beispielsweise die einen Filme als ausgewiesenes Kunstwerk in der outgesourcten Ausstellung „Antikino“ des „Forum Expanded“, andere überaus freie, experimentelle Werke hingegen im angedeuteten Gegenraum „Kino“ gezeigt wurden, erschloss sich allenfalls exemplarisch.

Wie hält es also die Berlinale mit dem Kunstfilm gegenüber der Filmkunst? Der Auftakt der „Antikino: The Siren’s Echochamber“ war durchaus vielversprechend. Über die düstere Rampe ging es bergab in den Ausstellungsschlund im neuen Kulturquartier silent green, während zu Kopf eine neue Videoarbeit von Monira Al-Qadiri flimmerte und schimmerte (es geht um Perlen und Öl, ergo um Vergangenheit und Gegenwart der Golfstaaten). Politisch ging es weiter: Über die Verhunzung keiner anderen Flagge freut sich das weltweite Kunst- und Kulturpublikum wohl so wie über die der US-amerikanischen. James Benning filmte die Stars and Stripes während eines aufkommenden Hurrikans, zu Beginn noch völlig intakt bei blauem Himmel, am Ende des immerhin zweistündigen Videos hoffnungslos zerfetzt in bräunlich eingefärbter Apokalypse.

Einige sehenswerte Arbeiten wie die von Clarissa Thieme folgten, im Ganzen schien die Ausstellung künstlerisch aber eher unbestimmt, vielleicht belanglos. Wo wurden einige der interessantesten Kunstfilme, vom Epilepsie-gefährlichen Experimentalstreifen bis zum nervtötenden „DADDA – Poodle House Saloon“ von Paul McCarthy, schließlich gezeigt? Im Kino. Wer sich selbst auf der Expanded-Ausstellung umsehen möchte, kann das in diesem Jahr erstmalig noch über die Filmfestspiele hinaus, bis zum 09.03.2019, tun. Allen anderen empfehlen wir hier einige neue Lieblingsfilme aus dem Programm.

„Ne croyez surtout pas que je hurle” von Frank Beauvais

Ein Film im und über den Ausnahmezustand: der politische wie auch gesellschaftliche, der seit den islamistischen Terroranschlägen über Frankreich liegt, und der persönliche des Filmemachers. Eine Liebesbeziehung hatte Frank Beauvais vor einigen Jahren in einen abgelegenen Ort im Elsass geführt. Jeglicher Perspektive im Leben beraubt, zieht er sich hier nach dem Scheitern der Beziehung ins Eremitendasein zurück: keine Arbeit, kein Auto, keine Aufgabe. Einzig seine unstillbare Filmbesessenheit rechtfertigt noch das morgendliche Aufstehen aus dem Bett - bis zu fünf Filme werden jeden Tag angeschaut. Nicht mehr Fenster zur Welt, sondern nur noch Spiegel der eigenen Miserere repräsentieren die unzähligen Filme, wie es an einer Stelle heißt. 

In „Ne croyez surtout pas que je hurle” collagiert Beauvais eine Art filmisches Tagebuch: Über eine endlos anmutende Abfolge von Filmausschnitten berichtet er aus dem Off von Depression, Einsamkeit und Isoliertheit, der schwierigen Beziehung zum Vater, der filmischen Leidenschaft und Sammelwut, dem persönlichen und gesellschaftlichen Ausnahmezustand und, natürlich, Politik und Revolution. Die Quellen der einzelnen Sequenzen, von Jon Favreaus „Elf“ bis zu Josef Sternbergs „An American Tragedy“, sind aufgrund ihrer kurzen Länge nicht wiederzuerkennen. Beauvais formt aus ihnen vielmehr eine eigene Geschichte, ein eigenes Leben, einen letzten Rettungsversuch.

Frank Beauvais, Ne croyez surtout pas que je hurle, 2019, Image via www.berlinale.de

„The Plagiarists“ von Peter Parlow

Peter Parlows zweiter Spielfilm „The Plagiarists“ lässt sich vielleicht am besten als reflexiv-kryptische Satire beschreiben. Auf dem Nachhauseweg nach Philadelphia haben Anna und Tyler, die gerade ihre Freundin Alison besucht haben, eine Autopanne. Der Anwohner Clip wird Zeuge der misslichen Lage und bietet hilfsbereit Unterstützung an: das Paar könne sich bei ihm aufwärmen, notfalls auch übernachten. Auch mit der Autoreparatur könne er sicher kostengünstig weiterhelfen. Während sich Tyler dankbar auf die Hilfe einlässt, ist Anna zunächst skeptisch: Ist der Afroamerikaner vertrauenswürdig? Und wer ist der blonde Junge, der offenbar bei ihm wohnt? Was sich zunächst wie ein typisches Indie-Drama anläuft, entpuppt sich bald als cleverer Meta-Film über Authentizität, Film, Literatur und Identität. Gedreht auf älteren Sony-Betacam-Kameras, die in „The Plagiarists“ selbst eine wichtige Rolle einnehmen, reflektiert Parlow kunsttheoretische Fragen sowie Indie-Lo-Fi-Film-Ästhetik, derer er sich selbst beinahe schamlos, aber eben nicht unkritisch, bedient.

Peter Parlow, The Plagiarists, 2019, Photo description: Eamon Monaghan © Automatic Moving Co
„Nos défaites“ von Jean-Gabriel Périot

Wie verhält sich das Kino zu aktuellen politischen Gemengelagen und gesellschaftlichen Umständen – und was hat es darüber zu sagen? Jean-Gabriel Périot konfrontiert in „Nos défaites“ 16- bis 17-jährige Schüler einer Filmklasse (der gleichen Schule, die Claire Simon in ihrem beeindruckenden Film „Premières solitudes“ aufgesucht hatte) mit verschiedenen Filmen der 1960er Jahre und lässt die Jugendlichen Szenen aus Jean-Luc Godards „La Chinoise“, Alain Tanners „La Salamandre“ sowie Dokumentarfilmen unabhängiger Filmemacher nachspielen. Gegengeschnitten werden die Ausschnitte mit Interviews, die Périot mit den Schülern führt: Was stellen die inszenierten Szenen dar? Was bedeuten Begrifflichkeiten wie Gewerkschaft, Streik, Arbeiterkampf oder Revolution? Sind gewaltvolle Umstürze gerechtfertigt?

Die jungen Protagonisten antworten aufrichtig, manchmal naiv, aber stets charmant und interessiert. Das Thematisierte gewinnt in einem Prolog an Relevanz, als die Jugendlichen ein halbes Jahr später in Folge des in Frankreich viel beachteten Mantes-la-Jolie-Vorfalls selbst politisiert werden. Das Vokabular, mit dem man einst in den politischen Filmen konfrontiert wurde, füllt das eigene Leben nun selbst mit Bedeutung. Das im Titel angesprochene Scheitern meint so vielleicht am ehesten ein Bewusstsein um den Widerspruch zwischen politischer Theorie und Praxis, Anspruch und Alltag oder auch Agitation und Poesie.

Jean-Gabriel Périot, Nos défaites, FRA 2019 © Envie de Tempête Productions
„Demons“ von Daniel Hui

Da bemüht sich die Berlinale schon so intensiv um mehr Frauen auf dem Filmfestival, und dann treten sie in den meisten Rollen immer noch bloß als Opfer auf. So zumindest eine Kritik in der „taz“. Nun, zumindest in „Demons“ lässt der gebürtige singapurische Regisseur Daniel Hui seine Hauptdarstellerin (Yang Yanxuan Vicki) als ebenbürtig teuflisch Handelnde auf einen manipulativen Theaterregisseur (Glen Goei) los. Aus der anfangs noch recht klassisch erzählten Geschichte im Duktus eines Independent-Films über die Abhängigkeiten im Kunst- und Kulturbetrieb wird bald ein wildes Gemenge aus Lo-Fi-Satire, Experimentalfilm und Horrorkino, das einige der sympathischsten, albernsten und vielleicht gerade deshalb doch furchterregendsten Geister aller Zeiten auf die Leinwand bringt.

Daniel Hui, Demons, SGP 2018, Photo description: Yang Yanxuan Vicki, Glen Goei © 13 Little Pictures

DEMONS

Trailer zu Daniel Huis Film

„Olanda“ von Bernd Schoch

Auf dem TV-Bildschirm, erklärte Regisseur Bernd Schoch, würde sein Film nicht funktionieren. Tatsächlich braucht es schon die große Leinwand, das Kino als Ort, an dem auch hier wieder Filmkunst möglich wird. Und die muss, wie „Olanda“ neben zahlreichen weiteren Dokumentationen auf dieser Berlinale belegte, nicht unbedingt fiktional sein. Schochs streng dokumentarische, aber in kunstvoll-ruhiger Kameraarbeit eingefangene Erzählung über Pilzsammler in den rumänischen Karpaten entfaltet sich sehr gemächlich im Kinodunkel – gut zweieinhalb Stunden nimmt sich dieser Film Zeit, sein Sujet, also die Pilze, und seine menschlichen Protagonisten, deren Sammlerinnen und Sammler, zu begleiten.

„Show, don’t tell“ scheint oberste Prämisse: Während nichts erklärt und kein Rückblick gewährt wird, kraxelt auch der Zuschauer orientierungslos durchs sattgrüne Dickicht und verweilt zwischendurch auf regnerischen Zeltplätzen im rumänischen Niemandsland, wo die stets unkommentiert eingefangenen Pilzsammler bald zu liebgewonnenen Lotsen in der vollen Gegenwart werden.

Bernd Schoch, Olanda, 2019, Image via www.olanda-film.de

Bernd Schoch, Olanda, 2019, Image via www.olanda-film.de

„Ich war zu Hause, aber“ von Angela Schanelec

Dass bei der Berlinale mitunter auch im Wettbewerb hin und wieder großes Kino gezeigt wird, beweist die diesjährige Ausgabe durch den Beitrag Angela Schanelecs „Ich war zu Hause, aber“. Das Kino – Fenster in oder auch Rahmen für eine andere Welt – versteht es im besten Falle, auch über seine eigene Form zu reflektieren. In „Ich war zu Hause, aber“ kongruieren Form und Inhalt in einem solchen Maß, wie man es eher selten erlebt. Wir sehen die alleinerziehende Astrid ihren Sohn aus der Schule abholen, nachdem dieser eine Woche spurlos verschwunden war. Erklärt wird sein Verschwinden zu keiner Zeit. Der Film begleitet im Folgenden weiter Astrid: beim Gebrauchtfahrradkauf, beim Gespräch mit Lehrern, zusammen mit ihrem Filmkurs-Tutor oder ihren Kindern.

Dialoge und Inszenierung wirken reduktionistisch und formstreng, verweisen in ihrer Kunsthaftigkeit aber vielmehr auf das grundsätzliche Problem von Authentizität und ihrer Darstellbarkeit. Filme stellen eine je eigene Realität intersubjektiv erfahrbar dar, nicht aber die Wirklichkeit per se – mag die Filmsprache großer Produktionen ihrerseits auch immer mehr Einzug in die Alltagswelt erhalten. Dass Kino mehr sein kann als ein den filmischen Sehgewohnheiten entsprechendes Nachspielen von kleinen oder großen Geschichten, mal mehr oder mal weniger überraschend, davon zeugt Angela Schanelecs „Ich war zu Hause, aber“ in jeder Sekunde. Ein hoffnungsfrohes Zeichen für die Filmkunst im ansonsten bestenfalls mittelmäßigen Wettbewerb.

Angela Schanelec, Ich war zu Hause, aber (Filmstill), 2019, Image via www.radioeins.de

Angela Schanelec, Ich war zuhause, aber, DEU/SRB 2019, Bildbeschreibung: Maren Eggert, Dane Komljen © Nachmittagfilm
„We Are Little Zombies“ von Makoto Nagahisa

So rasant hat selten ein Coming-of-Age begonnen: Statt Indie-Schwermut knallt Makoto Nagahisas Debüt-Langfilm „We Are Little Zombies“ in Höchstgeschwindigkeit eine Videospiel-Referenz nach der anderen auf die Leinwand. Absurde Schnitte, die ihre Protagonisten kaum einzufangen vermögen, kunstvollste videospielähnliche Perspektiven realer Landschaften und ein Konsolenspiel trifft-Japan-Punkrock-Soundtrack liefern die exzentrische Form für eine kaum minder groteske Geschichte vierer Jugendlicher, die sich auf der Beerdigung ihrer Eltern vor dem Krematorium kennenlernen und schließlich als vermeintlich gefühlskalte Zombies für die große Bühne gecastet werden. Am Ende sind die Kids natürlich „quite alright“, die Welt, in der sie leben, nicht unbedingt.

Makoto Nagahisa, We Are Little Zombies, JPN 2019, Bildbeschreibung: Sena Nakashima, Keita Ninomiya, Mondo Okumura, Satoshi Mizuno © 2019 “WE ARE LITTLE ZOMBIES” FILM PARTNERS
„So long, my son“ von Wang Xiaoshuai

„Im Kino gewesen, geweint.“ Diese Kafka-Notiz ließe sich bestens auf Wang Xiaoshuais Dreistunden-Epos anwenden, das im Grunde ein klassisches Drama erzählt, aber eines, das von der kunstvollen Montage verschiedenster Jahrzehnte über Regie und Drehbuch bis zum Schauspiel in jeder Hinsicht großes Kino bietet. Nach der voll verdienten Auszeichnung seiner beiden Hauptdarsteller Yong Mei und Wang Jingchun mit dem Silbernen Bären stehen die Chancen auf einen deutschen Kinostart zumindest etwas besser.

Mei und Jingchun sind es dann auch, die das Drama um zwei befreundete Familien, das sich über drei Jahrzehnte erstreckt, tragen. Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und politischer Umwälzungen wie der Kulturrevolution, der rigorosen Ein-Kind-Politik bis hin zur neueren, hyperkapitalistischen Ausrichtung, entwirft Wang Xiaoshuai eine zutiefst humane Geschichte über Schuld, Scham, Schmerz und Gnade und vermeidet dabei jene Hollywood-Sentimentalität, die das Erzählte in Kitsch umschlagen ließe. Umso bitterer zu sehen, dass gleich zwei chinesische Spielfilme kurz vor ihrer geplanten Berlinale-Aufführung mutmaßlich von der Zensur gestoppt wurden.

Wang Xiaoshuai, Di jiu tian chang | So Long, My Son, CHN 2019 © Li Tienan / Dongchun Films
…was auch nicht fehlen darf

Für manche Vorstellungen sind auch die Pressekontingente zu schnell erschöpft. Diese Filme lohnen aber höchstwahrscheinlich einen Kinobesuch: Die Verfilmung von Elfriede Jelineks Zombies-in-Österreich-Film „Die Kinder der Toten“ durch das New Yorker Künstlerpaar Kelly Copper und Pavol Liska und das dreistündige „Heimat ist ein Raum aus Zeit“, in dem Thomas Heise die eigene Familiengeschichte als Bilderessay erzählt.

Kelly Copper, Pavol Liska, Die Kinder der Toten, AUT 2019 © Ulrich Seidl Filmproduktion