30. Oktober 2019

Belgische Waffeln, Starkbier und Moules et frites? Die gibt es in Brüssel an jeder Ecke, doch auch für zeitgenössische Kunst ist die Stadt ein Hotspot. Unsere 10 Highlights für das perfekte Wochenende.

Von Katharina Cichosch
Ars Musica 

Eines der größten Festivals für zeitgenössische Musik und Komposition ist seit 30 Jahren in Brüssel zu Hause: In diesem Jahr wird Ars Musica 30 Jahre alt. Auf dem Programm stehen große Orchesteraufführungen von Debussys „La Mer“, Filmscreenings mit symphonischer Live-Begleitung, die Streichquartette von Avantgarde-Komponist Philip Glass und Solokonzerte, jeweils in unterschiedlichsten Settings von der Philharmonie bis hin zur Off-Location.

Wechselnde Locations, 2.–29. November 2019 

Ars Musica Logo, Image via cloudfront.net

„sorted, resorted“, Gabriel Kuri im WIELS

2016 bereicherte der mexikanische Künstler die ICH-Ausstellung in der SCHIRN mit seinen fragil konstruierten Arbeiten aus Alltagsmaterialien. Im Brüsseler Kulturzentrum WIELS ist Gabriel Kuri jetzt mit einer großen Einzelschau zu sehen, in der er Gefundenes und Gesammeltes neu ordnet, sortiert und arrangiert. Die bereits in Frankfurt verwendete Meeresschnecke trifft hier beispielsweise auf metallene Briefkästen und Papierhandtuchhalter, und auch eine großflächige Sandlandschaft wird zu sehen sein.

Av. Van Volxemlaan 354, bis 5. Januar 2020

Gabriel Kuri, installation view, Courtesy the artist; Sadie Coles HQ, London; kurimanzutto, Mexico City, New York; Galleria Franco Noero, Turin; WIELS-Contemporary Art Centre, Brussels; Esther Schipper, Berlin Photo © Andrea Rossetti
PhotoBrussels Festival im Hangar Art Center 

Andernorts werden kollektive Gefühlszustände zum Thema erhoben, in Brüssel setzt man eine Bildgattung als Oberthema: In seiner vierten Ausgabe widmet sich PhotoBrussels dem Stillleben, das natürlich niemals ganz weg war, aber in der zeitgenössischen Fotografie doch aktuell eine kleine Renaissance erlebt. Rund 100 bis 200 Arbeiten von knapp zwei Dutzend Künstlerinnen und Künstlern werden ausgestellt, von den über-kitschigen Pop-Art-Versionen barocker Tafelstillleben Dan Banninos bis zu den monochrom minimalistischen Arbeiten von Giljung Yoon. 

18, place du Châtelain, 15. November – 21. Dezember 2019

© Dan Bannino, Neon Vanitas - Jesus Christ, 2019
PUNK GRAPHICS im ADAM

Wie idiomatisch Grafik und Subkultur im Punk miteinander verwoben waren, soll diese Ausstellung zeigen: Unzählige Flyer, Poster, DIY-Plattencover und andere visuelle Artefakte einer privaten New Yorker Sammlung werden hier erstmalig in Europa ausgestellt. Über das amerikanische Pendant hat sich „Sex Pistols“-Mitbegründer John Lydon standesgemäß schon lustig gemacht, schließlich: „Wir hatten keine Zeit, uns über Punk-Theorie Gedanken zu machen. Wir brauchten 20 Pfund für den nächsten Gig“ und: „Ich habe wirklich keine Ahnung, was sie als ‚Punk-Art‘ bezeichnen.“ Gekommen ist er dann trotzdem.

Place de Belgique – Belgiëplein, 20. November 2019 – 26. April 2020

Installation view, Photo: Jenna Bascom
L’Archiduc

Andere Städte mögen sich mit Jugendstil schmücken, Brüssel hat den (Verzeihung) besseren Look: Art déco. Das Jazz-Café L’Archiduc beispielsweise empfängt seine Gäste seit 1937, nahezu ununterbrochen, wovon auch die durchgesessenen, nur noch blass gefärbten Polster auf den Sitzen zeugen. Ursprünglich als eine Art diskretes Speakeasy von Madame Alice ins Leben gerufen, zog in den 1950er Jahren mit Stan Brenders der Jazz ein. 1985 übernahmen die heutigen Besitzer, die neben Konzerten Burlesque-Shows und Tanzabende auf das Programm setzen.

Rue Antoine Dansaert 6

Studiobesuch im KOMPLOT 

KOMPLOT versteht sich als nomadisches Künstlernetzwerk, hat aber aktuell wieder an einem halbfesten Standort in Brüssel Quartier bezogen. Dort können Besucher zu ausgewählten Terminen zum Studiobesuch vorbeikommen und temporäre Blitz-Ausstellungen anschauen. Im November werden Video- und Installationskünstler Benjamin Verhoeven sowie Künstlerin und Kuratorin Merzedes Sturm-Lie, die sich mit der (De-)Konstruktion von Geschichte beschäftigt, als Gastgeber aufwarten. Mehr Informationen gibt es folgerichtig nicht, denn: alles im Fluss, alles bis zur letzten Sekunde veränderbar.

13 Square Albert 1er, 13.–15. November 2019

Benjamin Verhoeven, Video, Courtesy of the artist
EU Mies Award im BOZAR

Der EU Mies Award ist der Architekturpreis der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur. Benannt nach Mies van der Rohe, soll er „Exzellenz in Hinsicht auf konzeptuelle, soziale, kulturelle, technische und konstruktive“ Aspekte auszeichnen und anerkennen. Die Ergebnisse der diesjährigen Ausschreibung umfassen sechs Bauprojekte, darunter die Neugestaltung des Skanderbeg-Platz im albanischen Tirana, das brutalistisch angehauchte Terrassenhaus Berlin und den Preisträger, die architektonische Transformation einer gigantischen Wohneinheit aus den 60er Jahren im Grand Parc Bordeaux.

Rue Ravenstein 23, bis 17. November 2019

(c) Lacaton&Vassal
Le Trogloxène bei Deborah Bowmann 

Radikalverwertung vom Boden bis zur Decke: Beim Galeristenkollektiv von Deborah Bowmann ist alles käuflich – einschließlich des jeweiligen Ausstellungsdesigns, das mit jeder Schau komplett neu aufgezogen wird. Aktuell wird mit rumpelig eingefassten Terrakottafliesen und schummrig hinterleuchteter Zwischendecke eine höhlenförmige Ausgrabungsstätte rekonstruiert, aus deren Tiefen Arbeiten von  einer Gruppe internationaler zeitgenössischer Künstler geborgen werden können. Die Werke von Thomas Ballouhey, Kevin Bray, Théo Demans, Carolin Gieszner, Sarah Montet und Erwan Sene gleichen Korallen und tierischen Höhlenbewohnern und verwandeln die Ausstellungsfläche in eine Mischung aus paläontologischer Rekonstruktion, Büroflächen, Ausgrabungsstätte und paradoxer Architektur.

24 avenue Jean Volders, bis 9. November 2019

Le Trogloxène, Installation view Deborah Bowman, Courtesy of the artists
„Grotto“, Nicolas Party bei Xavier Hufkens 

Nicolas Partys Bilder erwecken ein wenig den Eindruck, als seien sie von einer Art zeitgenössischem René Magritte gemalt worden. Kegelförmige Baumkronen, die sich in den kulissenhaften Himmel erheben, Raben auf Kaffeekannen und manieristisch gefertigte Portraits erinnern nicht zufällig an den Meister des Surrealismus, der in dieser Stadt zu Hause war: Um alle Zweifel aus der Welt zu schaffen, widmet Party dem gleich ein eigenes Bild im Bild („Magritte parti“, 2018), das hier ebenfalls zu sehen sein wird.

Rue Saint-Georges 6, 15. November – 14. Dezember 2019

Nicolas Party, Still Life, 2016, Image via www.xavierhufkens.com

Sean Landers bei Rodolphe Janssen 

Auch der amerikanische Künstler Sean Landers greift auf das malerische Mittel des Zitats zurück und landete so in der Vergangenheit, neben anderen, immer wieder auch bei Magritte. Bei Rodolphe Janssen präsentiert der Maler nun eine ebenfalls beliebte künstlerische Praxis, die des Alter Egos: „Plankboy“. Kann das freundliche Holzbrett als Parabelwesen tiefere Einblicke ermöglichen in die verflixten Verstrickungen, die es bisweilen bedeutet, Künstler zu sein?

Rue Livourne 35, 07. November –20. Dezember 2019

Sean Landers, Plankboy (Narcissus), 2019, Courtesy of the artist