15. Oktober 2018

Sonia Knops Ausstellung „Passeggiata“ ist dem italienischen Spaziergang nachempfunden. In den Opelvillen präsentiert sie eine Performance, die von Operngesang und flatternder Bettwäsche begleitet wird.

Von Johanna Müller

„Passeggiata“ nennt man auf Italienisch einen Spaziergang, eine Promenade, einen Bummel durch die Innenstadt. Die Tradition der „Passeggiata“ am späten Nachmittag beschreibt jedoch weit mehr als einen Spaziergang. Sie ist ein soziales Phänomen, ein Ritual, bei dem die Bewohner einer (klein-)städtischen Gemeinschaft zusammenkommen, tratschen, sich austauschen und ihre neusten Kleidungsstücke präsentieren.

Kurz: Ein Sehen und Gesehen-Werden. Diesem Zusammenwirken aus Promenieren und Präsentieren widmet die Städel-Studentin Sonia Knop ihre aktuelle Ausstellung in der Schleuse der Rüsselsheimer Opelvillen. In ihrer Arbeit „Passeggiata“  setzt sich Knop sowohl mit Sound und Video als auch mit Installationskunst und Performance auseinander, die sie als einen Spaziergang durch die Schleuse entwirft.

Die Großstadt auf der Wäscheleine

„Der langgestreckte Raum wird zur Straße, zur Allee, zum Corso“, erklärt die Künstlerin, die den Ort mit einer multimedialen Installation gestaltet hat. Parallel zueinander sind sieben Nylonseile gespannt, an denen – durch hölzerne Wäscheklammern gehalten – bunt bedruckte Stoffe herabhängen. Die Stoffe hängen dicht an dicht, als wären sie zum platzsparenden Wäschetrocknen von einer Großfamilie installiert worden.Tritt man näher, fällt auf, dass es sich um unterschiedliche Bettwäsche handelt, bedruckt mit idealisierten bis kitschigen Großstadtbildern: Die Skyscraper New Yorks, der Londoner Big Ben, die Istanbuler Bosporus-Brücke sowie die Casinos Las Vegas’ blinken einem entgegen.

Sonia Knop, Passeggiata, Ausstellungsansicht (Detail), 2018 © Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen, Foto: Frank Möllenberg
Sonia Knop, Passeggiata, Ausstellungsansicht (Detail), 2018 © Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen, Foto: Frank Möllenberg

„Die Bettwäschen habe ich im Internet gefunden. Am häufigsten werden die Stadtbilder von London und New York gedruckt“, berichtet Knop. Die Präsentation dieser industriell gefertigten Bettüberzüge drückt eine menschliche Sehnsucht nach großstädtischem Lebenswandel und Fernweh aus. Doch bleiben die Menschen am Ende, unter den Metropolen-Bettwäschen zugedeckt, in ihrem trauten Heim zurück. Der heimeligen Bettwäsche steht ein oberhalb der Stoffe angebrachter Flachbildschirm gegenüber, der schriftliche Aufforderungen wie „stop playing the piano“, „hide between the sheets“, „listen“ abspielt.

Der lang­ge­streckte Raum wird zur Straße, zur Allee, zum Corso.

Sonia Knop

Begleitet werden Stoffe und Schrift von einer Musik, die zwischen klassischem Operngesang, Sprechakten und freier Improvisation schwankt. Knop hat die Instruktionen, die in gleichförmiger Geschwindigkeit über den Monitor laufen, von dem Opernsänger Eric Lenke einsingen lassen.

„Fare una passeggiata“ in der SCHLEUSE

Hinter dieser Kulisse führte am Eröffnungstag der 12-jährige Jeremy Skatchov die von Sonia Knop erdachte Performance auf. Er trat in spazierenden Schritten in den Raum der Schleuse ein und brachte die Bettwäsche in Bewegung: Mal hastete er zwischen den bunten Stoffen hindurch, als reise er von einer Metropole zur nächsten; mal blickte er hinter sich, als verfolge ihn jemand, dem es zu entfliehen gilt. Dann wieder verweilte er am großen Fenster und Ruhe kehrte ein, doch plötzlich sprang er wieder auf, um sein Ohr gegen die Wand zu pressen, als frage er sich: Was sagt sie? Die Performance wird so zum Bindeglied zwischen den Instruktionen, der herabhängenden Wäsche und der im Hintergrund laufenden Musik. 

Sonia Knop, Passeggiata, Ausstellungsansicht (Detail), 2018 © Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen, Foto: Frank Möllenberg
Sonia Knop, Passegiata, 2018 © Charlotte Martin

Erst die langsamen und dann wieder eilenden Bewegungen des jungen Performers materialisieren die schriftlichen und gesungenen Aufforderungen. Er führt vor, wie die Installation zu betreten ist. „Theoretisch können die Besucherinnen die Performance selbst durchführen, indem sie den Instruktionen auf dem Bildschirm folgen“, erklärt Knop. Dadurch wird die Installation ihrer rein optischen Funktion entledigt: Die Betttücher sind nicht nur zum Ansehen, sondern auch zum Durchschreiten, Verstecken und Spielen da.

Sehen und Gesehen-Werden

Zum Abschluss ihrer Ausstellung „Passeggiata“ wird Sonia Knop die in etwa fünfminütige Performance wiederholen. Am 21. Oktober wird erneut ein Performer durch den langgestreckten Raum der Schleuse wandeln, ihn bespielen und in Bewegung setzen und so die Besucher auffordern, zu Beobachtern zu werden. Denn erst die Beobachtung macht die „Passeggiata“ zu dem, was sie ist: Ein Sehen und Gesehen-Werden.

Sonia Knop, Passeggiata, Ausstellungsansicht (Detail), 2018 © Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen, Foto: Frank Möllenberg

© Sonia Knop, Image via www.opelvillen.de