18. Oktober 2018

Protest, Putsch, Umsturz. Das Haus am Lützowplatz versucht sich am Begriff der Revolution und zeigt sechs zeitgenössische Positionen und ihre Assoziationen zum Umsturz bestehender Ordnung.

Von Darja Zub

Protest, Putsch, Umsturz, Revolution. Allesamt ziehen sie sich durch die Geschichte der Menschheit. Die Oktoberrevolution in Russland feierte letztes Jahr ihr 100-Jähriges, dieses Jahr ist Deutschland mit der Novemberrevolution, dem Umsturz seiner Monarchie, dran. Aus diesem Anlass zeigt das Berliner Haus am Lützowplatz sechs zeitgenössische KünstlerInnen, die sich mit dem Topos Revolution beschäftigen – und das ohne ausdrücklich polithistorische Bezüge. Zusammengestellt wurde die Ausstellung „November – Versuch über eine Revolution“ von Marc Wellmann. Ihm geht es jedoch weder um die explizite Darstellung historischer Fakten noch um die politischen Diskurse zur Novemberrevolution. 

Vielmehr dreht sich die Ausstellung um die kollektiven Gefühle, die der Verfall bestehender Ordnungen weckt, sowie die persönliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit aus der gegenwärtigen Perspektive. Schnittmengen der gezeigten Werke bilden die Themen Macht und Ohnmacht, Souveränität und Unsicherheit. Im Vordergrund steht die kollektive, physische Erfahrung der Besucher.

Mit seiner Arbeit „Den Himmel muss man sich wegdenken“ eröffnet Julius von Bismarck die Ausstellung im ersten Raum, dem „Raum der Geschichte“. Die wandfüllende Projektion weckt Assoziationen mit der politischen und gesellschaftlichen Umbruchstimmung in Zeiten von Krieg und Revolution. Auch wenn es sich um keine kategorisch politische Arbeit handelt, weckt die vom Sturm bewegte Welle Urängste: Sie ist erhaben, unbändig und gewalttätig. Die Welle als kollektives Symbol für den Umsturz politischer Strukturen.

Julius von Bismarck, Den Himmel muss man sich wegdenken, 2014, Videostill © Julius von Bismarck, VG Bild-Kunst, Bonn

Dieses Bild setzt sich in der Videoarbeit „Doomed“ (2007) von Tracey Moffart wie ein Echo fort, und erreicht als Tsunami die Metropolen unserer zivilen Gesellschaft. Moffart ist in der Ausstellung gleich mit zwei Arbeiten vertreten. „Doomed“ bedient sich Katastrophen-Blockbustern, wie „The Day After Tomorrow“, und zeigt Bilder des selbstinszenierten Untergangs, die Assoziationen mit der Agonie gesellschaftlicher Strukturen wecken. Die zweite Arbeit „Revolution“, zeigt anhand dramatischer Bilder von der Geburt eines Monarchen, seiner Ermordung und der darauf einbrechenden Revolution, Repression und Geburt des Thronfolgers, wie fragil politische und soziale Ordnungen sind und dass die historische Wiederholung von Kollaps und Wiederaufbau sich genauso durch die Geschichte zieht wie Naturkatastrophen auch.

Tracey Moffat, Revolution (Filmstill), 2008 © Tracey Moffat, Image via vogue.it

November – Versuch über eine Revolution kuratiert von Marc Wellmann, Installationsansicht mit Werken von Katja Strunz, Foto: Trevor Good, Image via www.hal-berlin.de

Robert Barta, Crossing half a million stars, 2011-2018, Foto: Marc Wellmann

Die Ausstellung geht im „Raum der Reflektion“ weiter. Bettina Pousttchi stellt hier mit ihrer Arbeit „Double Monument for Flavin and Tatlin III“ die zivile Erhebung als wiederkehrendes geschichtliches Ereignis dar: Das Werk erinnert an Absperrungen und Demonstrationen im öffentlichen Raum. Damit gelingt der Ausstellung zwar ein Dialog zwischen den ersten beiden Räumen, der jedoch zwischen den Arbeiten von Pousttchi und von Katja Strunz, die sich im gleichen Raum befinden, ausbleibt. Strunz ist mit drei ihrer minimalistischen Skulpturen vertreten, die sich mit gefallenen Gebilden der Vergangenheit beschäftigen. Doch die Form der Werke ist genauso abstrakt, wie die Botschaft, die sie transportieren.

Die physische Erfahrung des Körpers steht im Mittelpunkt

Im letzten Raum angekommen, werden die Besucher zur Interaktion animiert. Ob Posieren mit Mariechen Danz' „Sculpture of Gesture“ oder das Gleiten über fünfhunderttausend mit Aluminium verkleidete Stahlkugeln in der Installation „Limits of Control“ von Robert Barta: Die physische Erfahrung des eigenen Körpers steht im „Raum der Partizipation“ im Mittelpunkt. „Sculpture of Gesture“ erinnert zunächst an archaische Plastiken aztekischer Götter. Danz hat diese mit Gesten der Freundschaft und der Feindschaft versehen. Die Skulptur erweckt den Reiz, sich für die Dauer eines Selfies selbst in die Rolle der Götterfiguren zu versetzen.

Robert Bartas Raum füllende Installation steht dieser antagonistisch gegenüber: Die Fortbewegung auf den Stahlkugeln kostet Überwindung, die Angst, auszurutschen und hinzufallen wird schnell zur Krisenbewältigung. Laut Barta fungiert die Arbeit als Raum kollektiver Planungslosigkeit. Ein Gefühl, das auch auf politische Umbrüche übertragbar ist und sowohl die eigenen Grenzen als auch die der politischen Kontrolle verkörpert. Beim Lärm der über die Kugeln gleitenden Besucher werden diese Gedanken schnell zerstreut. Es schallt durch den Raum und macht ihn damit zur Echokammer der Revolution.

November – Versuch über eine Revolution kuratiert von Marc Wellmann, Installationsansicht mit Werken von Mariechen Danz und Robert Barta, Foto: Trevor Good