10. September 2018

Georgien ist das Gastland der diesjährigen Buchmesse. Klar, dass es jede Menge Kulturveranstaltungen zum Thema gibt. Wir verraten die Highlights.

Von Sylvia Meilin Weber

Auf Wikipedia steht, Georgien liege zwar in Vorderasien, werde von seinen Bewohnern aber „der Balkon Europas“ genannt. Das Auswärtige Amt rät von Reisen in die abtrünnigen georgischen Provinzen Abchasien und Südossetien dringend ab. Und „Geo“ schreibt, Wein sei in Georgien heilig. Nie etwas von georgischem Wein, Abchasien und dem Balkon Europas gehört? Kein Wunder, für die meisten ist das Land, das sich nur langsam von seinem blutigen Bürgerkrieg erholt, eine große Unbekannte. Doch das wird sich schon bald ändern. Zumindest in Frankfurt. Denn Georgien ist 2018 das Gastland der Buchmesse – und das bedeutet: Es zieht georgische Kultur in die Stadt. Wir haben die fünf spannendsten Ausstellungen und Veranstaltungen zusammengetragen.

1. Thea Djordjadze im Portikus

Thea Djordjadze, geboren 1971, ist eine der bekanntesten zeitgenössischen Künstlerinnen Georgiens. Vielleicht sogar die bekannteste überhaupt. Sie studierte von 1988 bis 1993 in Tiflis, musste das Studium wegen des Bürgerkriegs abbrechen, kam nach Deutschland an die Düsseldorfer Kunstakademie, die sie als Meisterschülerin von Rosemarie Trockel abschloss.

Seitdem geht die Karriere der Wahl-Berlinerin steil bergauf: Sie war bei der Documenta (2013) und der Venedig Biennale (2015) vertreten und hatte 2016 eine Einzelausstellung im MoMA PS1 in New York. Ihr Markenzeichen: raumgreifende Installationen, die sie speziell für den jeweiligen Ausstellungsraum entwickelt. Ihre Werke bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Skulptur, Architektur und Design und sind meist aus Alltagsmaterialen gefertigt. Im Portikus schafft sie für ihre Ausstellung „o potio n.“ mit Podesten, Plexiglaskästen und einem vier Meter hohem Paravent ein neues Raumkunstwerk.

Thea Djordjadze, Ausstellungsansicht MOMA PS1, 2016 © Thea Djordjadze, Foto: Pablo Enriquez
Thea Djordjadze, o potio n, 2018 © Thea Djordjadze
2. Die Bouillon Group in der Basis

„1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8“, die Hände zur Stirn, an den Bauch, zur linken und zur rechten Brust: Sechs Menschen machen Aerobic. Genauer gesagt „Religious Aerobics“. Das ist die Antwort des georgischen Performancekollektivs Bouillon Group auf den Anstieg des religiösen Fundamentalismus in ihrem Land nach dem Zusammenbruch des Sowjetregimes. Aufgeführt wurde die Performance unter anderem bei der Biennale in Venedig 2013. Mitmachen war erwünscht. Und wird es wieder sein, wenn die Bouillon Group in Frankfurt aufschlägt. In der Basis gibt es die Ausstellung „Bouillon by Bouillon“ mit Film-Dokus ihrer Projekte, dazu führen sie im Ausstellungszeitraum die drei Performances ihrer „Social Aerobics“-Trilogie live auf.

Bouillon Group, Weightlifters, 2009 © Bouillon Group, Foto: Robert Mkhitarov
3. Ein Film von Andro Wekua im MMK

Andro Wekua ist Anfang 40 und schon seit seinen Zwanzigern kein Unbekannter mehr in der Kunstwelt. Seine Werke werden weltweit ausgestellt, in den Sammlungen des MoMA und der Saatchi Gallery ist er ebenfalls vertreten. Ob Malerei, Skulpturen, Installationen, Collagen, Videokunst – die meisten seiner Arbeiten beschäftigen sich mit assoziativen Bildern und Erinnerungen an seine Jugend in Georgien. Sein Vater, ein georgischer Aktivist, wurde 1989 von Abkhaz Nationalisten umgebracht. Andro Wekua ging ein paar Jahre später nach Basel, um Kunst zu studieren. Heute lebt er in Zürich und Berlin. Im MMK1 läuft zur Buchmesse die Deutschlandpremiere seines Films „All is Fair in Dreams and War“ (2018). Und auch der spielt auf eine Kindheitserinnerung an. Literarisch begleitet wird der Abend von dem georgischen Dichter Rati Amaglobeli.

Andro Wekua, Get out of My Room, 2006 © Sprueth Magers Photography, Foto: Till Janz
4. „Young_Georgian_Characters@AF“-Festival

Eine Ausstellung zum Gastland Georgien? Ist dem Atelierfrankfurt zu wenig. Deshalb veranstaltet das Künstlerhaus gleich ein ganzes Festival. Das besteht aus zwei Ausstellungen („Descriptions“ und „The Future is Ours“), Lesungen, Buchpräsentationen und Diskussionen, Konzerten und Sound-Performances, einer Party und georgischem Essen. „The Future is Ours“ zeigt Fotografien deutscher und georgischer Künstler, die sich mit den Jugendkulturen beider Länder beschäftigen. „Descriptions“ vereint georgische Videokunstpositionen, die um die Themen Unabhängigkeit und Abhängigkeit kreisen. Der Festivaltitel „Young Georgian Characters“ bezieht sich übrigens einerseits auf die jungen Künstler, die präsentiert werden, zum anderen lehnt er sich an das übergreifende Motto des Gastlandes an – „Georgia Made by Characters“ – das darauf anspielt, dass es ein eigenes georgisches Alphabet gibt.

The Future is Ours © Sandra Stein
5. Georgische Fotokunst im Fotografie Forum Frankfurt

Bei „Picture Languages. Photographic Art from Georgia“ treffen historische Bilder auf Aufnahmen junger zeitgenössischer Fotografen und renommierte Künstler auf spannende Newcomer. Kuratiert hat die Schau Celia Lunsford, die Leiterin des Fotografie Forums selbst. Sie reiste durch Georgien, entdeckte ungewöhnliche Orte und eine lebendige Fotografenszene. Unter den zwölf Positionen, die sie ausgewählt hat, ist zum Beispiel Koka Ramishvili, der das Center of Contemporary Art in Tiflis mitgründete und dessen Arbeiten bereits in der Tate Modern gezeigt wurden. „Picture Languages“ präsentiert zwei Fotoserien und ein Stillleben von ihm. Mariam Sitchinava, Ende der 1980er Jahre geboren, zählt zu den georgischen Nachwuchstalenten. Bekannt wurde sie durch ihre mal mystischen, mal romantischen Modefotografien, die sie in unberührter Natur aufnimmt.

Ohne Titel. Aus der Serie "Delusion", 2017 © Beso Uznadze
Aus der Serie "Twin", 2016 © Mariam Sitchinava

SPECIAL TIPP

Anhand bedeutender Leihgaben aus dem Georgischen Nationalmuseum erzählt die Ausstellung „Medeas Liebe und die Jagd nach dem Goldenen Vlies“ einen großartigen Mythos aus der alten Welt: Es ist die Geschichte des griechischen Prinzen Jason, der mit einer Gruppe Helden ein übermenschliches Abenteuer zu bestehen hat.