29. Juni 2018

Must-Read: Fünf Romane für kunstinteressierte Leser. Die Ferien können kommen!

Von Julia Schmitz
1. Anne Reinecke, Leinsee

In ihrem Debütroman „Leinsee“ zeichnet Anne Reinecke das Bild eines erfolgreichen jungen Berliner Künstlers, der nach dem Tod seiner Eltern – ein international bekanntes, symbiotisch verwachsenes Künstlerpaar – vor die Frage gestellt wird, ob er ihr Erbe antreten will oder nicht. Seit seiner Geburt hatten Ada und August Stiegenhauer sich größte Mühe gegeben, ihren Sohn Karl aus ihrer Künstlerehe herauszuhalten, gaben ihm sogar einen anderen Namen, auf dass er nicht im Schatten ihrer Berühmtheit aufwachse. Bereits vor Jahren hatte Karl den Kontakt zu ihnen abgebrochen; nun muss er den Nachlass auf ihrem Anwesen sortieren und sieht sich konfrontiert mit den Geistern seiner Vergangenheit. Als er mit einem jungen Mädchen aus der Nachbarschaft eine zarte, verspielte Freundschaft beginnt, wird eine lang unterdrückte Sehnsucht in ihm laut. Doch kann man seine verlorene Kindheit als Erwachsener nachholen?

Eltern, die ihre Kinder nicht loslassen, tun das um ihrer selbst willen. Das hat nichts mit Liebe zu tun. Kinder sind nicht dazu da, dem Leben der Eltern einen Sinn zu geben.

Ada Stiegenhauer
Anne Reinecke, Leinsee, Diogenes Verlag, 2018.
2. Tom Saller, Wenn Martha tanzt

2019 feiert das Bauhaus sein 100-jähriges Jubiläum und in diesem Zusammenhang erscheinen nicht nur zahlreiche Sachbücher, sondern auch Romane, die sich der Kunstschule der Weimarer Republik widmen, wie z.B. Blaupause von Theresia Enzensberger. Tom Saller erzählt in seinem Debüt „Wenn Martha tanzt“ die Geschichte eines jungen Mannes, der das Tagebuch seiner Großmutter findet – in dem sich Zeichnungen und Zitate aller großen Meister der Bauhaus Universität befinden. Angeregt durch diesen Fund setzt er das Leben von Martha zusammen, die in den 1920er Jahren am Weimarer Bauhaus studierte und sich dort der Neuerfindung der Kunst verschrieben hatte. Martha sieht Töne und fühlt Farben und ist mit ihrer Synästhesie zwischen den Meistern Klee, Gropius und Itten am richtigen Platz. Doch wieso endet das Tagebuch so abrupt, wieso verliert sich jede Spur von Martha nach dem zweiten Weltkrieg?



Tom Saller Wenn Martha tanzt. List Verlag, 2018.
3. Markus Orths, Max

Der Künstler Max Ernst war Teil der Kölner DADA-Gruppe sowie der Pariser Surrealisten und schuf unzählige Gemälde, Collagen und Skulpturen, die ihn zu einem der bekanntesten bildenden Künstler des 20. Jahrhunderts haben werden lassen. Markus Orths lässt in seinem Roman „Max“ den Künstler lebendig werden – im Spiegel von sechs Frauen, mit denen er verheiratet war oder in einer amour fou lebte. Dazu zählten Peggy Guggenheim, Leonora Carrington und Dorothea Tanning, die entweder selbst künstlerisch tätig waren oder mit Kunst handelten. Sie begleiten ihn durch die Jahre der künstlerischen Selbstfindung, den Einsatz an der Front des ersten Weltkriegs, der experimentellen Phase des Surrealismus in Paris, der Flucht aus Frankreich im zweiten Weltkrieg und den letzten Lebensjahren in der Wüste von Arizona – stets sind es ebenso eigensinnige wie eigenständige Frauen, die die sexuellen Eskapaden ihres Mannes zugunsten einer tiefen Verbundenheit mit ihm tolerieren.

Markus Orths Max. Hanser Verlag, 2017.
4. Joost Zwaagermann, Duell

Joost Zwaagermann, der sich Ende 2015 das Leben nahm, hinterließ eine ebenso humorvolle wie kritische Novelle. „Duell“ heißt die Ausstellung, die der innovative Direktor des Holland Museums in Amsterdam, Jelmer Verhoof, organisiert: Je ein „Klassiker“ aus der Sammlung wird der Arbeit eines Nachwuchskünstlers gegenüber gestellt. Emma Duiker sieht darin ihre Chance und kopiert das Gemälde„Untitled No. 18“, 1962, von Mark Rothko derart genau, dass es vom Original für den Laien nicht mehr zu unterscheiden ist. Dennoch fällt auf, dass das millionenschwere echte Kunstwerk nach dem Ende der Ausstellung plötzlich fehlt – Emma hat es auf eine Reise durch Europa geschickt. Denn warum sollten Kunstwerke luftdicht verpackt im Museum versauern, wenn man sie auch den Menschen „zurückgeben“ kann?

Joost Zwagermann Duell, Aus dem Niederländischen. Weidle Verlag, 2016.
5. Niña Weijers, Die Konsequenzen

Was macht einen Menschen zum Künstler, wo beginnt Kunst und wo hört sie auf? Minnie zieht keine Grenze zwischen sich und ihren Arbeiten: monatelang fotografiert sie ihren verschimmelnden Müll, verkauft ihr gesamtes Hab und Gut und letztendlich sich selbst für ein Projekt mit einem Fotografen. Doch wie weit kann man gehen, ohne sich um die Konsequenzen zu kümmern? Niña Weijers lotet in ihrem Roman „Die Konsequenzen“ das Spiel mit der radikalen Selbstaufgabe aus, um ihre Protagonistin näher zu sich selbst zu bringen – und rechnet dabei durch die persiflierte Darstellung mit den Anforderungen der zeitgenössischen Kunstszene ab.

Niña Weijers Die Konsequenzen. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Suhrkamp Verlag, 2016.