22. Juli 2014

In der SCHIRN-Rotunde kann sich der geneigte Zeitgenosse noch bis Ende August einer „Farbreinigung“ unterziehen. Der vermeintlichen oder tatsächlichen Wirkweise von Farben haben sich in der Vergangenheit immer wieder Künstler und Forscher gewidmet.

Von Daniel Urban

„Ist zur Zeit einer derart aufreibenden Situation ausgesetzt, daß [sic!] sie als quälend und zermürbend empfunden wird. Hält die Anforderungen für unzumutbar oder für eine aggressive Provokation [...] Sehnt sich nach konfliktloser, erholsamer Behaglichkeit und nach schonungsvoller Rücksichtnahme." Was wie die Aussage eines nicht allzu plumpen Horoskops, der Beurteilung einer psychologisch geschulten Klassenlehrerin oder das Ergebnis einer Gesprächstherapie klingt, ist tatsächlich das Ergebnis „1243" des Farben-Tests von Prof. Dr. Max Lüscher in der Kategorie: Wie ich auf Anforderungen reagiere.

Dass unser Verhältnis zu Farben und unsere Neigung respektive Abneigung zu bestimmten Farbkombinationen oder -schattierungen etwas über uns aussagt, ist eine weit verbreitete Annahme und seit Dekaden auch in der Typenberatung und Verkaufspsychologie eine gerne argumentierte Behauptung. Schon in der Antike ordnete der Arzt und Anatom Galen von Pergamon in der Vier-Säfte-Lehre Farben bestimmten Körperflüssigkeiten wie Galle, Blut und Schleim zu und verknüpfte diese im Folgenden mit Charaktereigenschaften wie Heiterkeit, Kühn- oder Unsicherheit. Später spielten Farben gerade auch in der Psychologie immer wieder eine gewichtige Rolle, so exemplarisch in der Traumdeutung des Psychoanalytikers Sigmund Freud, der sie bestimmten emotionalen Zuständen zuschrieb. So bezog sich dann auch Professor Dr. Max Lüscher, 1923 in Basel geboren, in seinem erstmals 1947 veröffentlichten Farbentest auf psychologische Grundstrukturen, die wiederum der Begründer der analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung, bei seiner Behandlung von Patienten ausgemacht hatte.

Dunkelblau steht für Sympathie, Blaugrün repräsentiert Selbstvertrauen

Beim Lüscher-Farbtest legt man Karten mit bestimmten Farben bzw. Farbschattierungen nach persönlicher Präferenz: Links die Lieblingskarte, in absteigender Reihenfolge bis hin zur Karte außen rechts, die spontan am wenigsten gefällt. Im Anschluss werden die Farbtafeln umgedreht und die auf den Rückseiten abgedruckten Zahlen notiert. Die Zahlenkombinationen, die sich so ergeben, können dann im beiliegenden Buch nachgeschlagen werden, denn jeder möglichen Zahlenreihe ist ein kleiner Gutachtentext zugeordnet.

Max Lüscher ordnet den Farben verschiedene Charakterisierungen zu: Dunkelblau steht für Sympathie, Blaugrün repräsentiert Selbstvertrauen, Braun gleich Nestgefühl, Violett entspricht der Infantilität. Diese Zuschreibungen beruhen zum Teil auf eigenen Untersuchungen hinsichtlich der Auswirkungen von Farben (beispielsweise Anstieg der Atmung sowie des Herzschlags bei längerer Betrachtung der rot-orangen Farbe), als auch auf anthropologisch-historischen Annahmen wie jener, dass die Farbe „Dunkelblau" den Nachthimmel repräsentiert und somit Ruhe und Passivität vermittele.

Den Farbtest gibt es in verschiedenen Varianten: mit acht bis 16 Karten für den Hausgebrauch und mit bis zu 73 Farbfeldern in der klinischen Test-Variante. Die Ergebnisse sollen hierbei nicht als manifeste Aussage über den Teilnehmer verstanden werden, vielmehr immer den je aktuellen emotionalen Zustand fassen. Den Test selbst hat Lüscher immer wieder aktualisiert und an bestimmte Kontexte angepasst, so z.B. in „Die Farben der Liebe", einem speziellen Test zur Analyse erotischen Verhaltens. So wird der Test in seinen verschiedenen Variationen heute in Arztpraxen, bei homöopathischen Behandlungen, in der Psychiatrie wie auch bei der Beurteilung von Bewerbern in den sogenannten Assessment Centern eingesetzt.

Radikaler Anhänger, interessierter Skeptiker oder ablehnender Kritiker

Der Lüscher Farbtest war Gegenstand einer ganzen Reihe von Kontroversen und Untersuchungen, gerade an Psychologischen Fakultäten. Einig sind sich Kritiker wie Befürworter in der Tatsache, dass der jeweilige emotionale Zustand bestimmt, wie man auf bestimmte Farbeindrücke reagiert. Der Folgeschluss jedoch, dass hieraus auch Aussagen über mentale Zustände selbst zu treffen sind, gilt vielen als nicht belegbar. In Versuchsreihen glaubten Kritiker so beispielsweise den sogenannten Barnum-Effekt ausgemacht zu haben: Dieser beschreibt die Tendenz von Personen, vage und allgemeingültige Aussagen über sich als sehr individuell treffend zu empfinden.

Wie man persönlich nun auch zu dem Test stehen mag -- ob radikaler Anhänger, interessierter Skeptiker oder ablehnender Kritiker -- Farben scheinen einen unmittelbaren Einfluss auf unsere Empfindung zu haben. Ob dies jedoch mehr als nur eine ästhetisch motivierte Reaktion, vergleichbar der beim Musik hören, ist, oder sich hieraus tatsächlich Schlüsse auf die eigene Mentalität oder gar auf die psychische Gesundheit ziehen lassen, bleibt offen. Mit heiligem Ernst oder süffisanter Skepsis: Den Lüscher-Farbtest - wie auch Buettis „Farbreinigung" - kann man ganz unabhängig vom wissenschaftlichen Fundament selbst erleben und sich so seinen ganz eigenen Reim auf die Verknüpfung von Wahrnehmung, Ästhetik und Emotionen machen.