12. November 2013

In der Ausstellung „Brasiliana“ entführt der Künstler Tunga in archaische Welten. Seine rätselhaften Werke fordern zum Entschlüsseln auf.

Von Sabine Weier

Drei nackte Frauen bewegen sich anmutig um einen Kessel, Töpfe und eine Glocke herum, die an Ketten zwischen drei übergroßen Hirtenstäben hängt. Sie salben die gusseisernen Oberflächen mit einer hellen Paste ein, lassen die Hände darüber gleiten, räkeln sich in der Paste und steigen in den Kessel, während eine Gruppe Männer lange Seile flechten und sie an die Stäbe binden. Mit dieser Performance ließ der brasilianische Künstler Tunga seine Installation „Tríade Trindade" bei der Eröffnung der Gruppenschau „Brasiliana" in der SCHIRN initiierten. An eine „Urbevölkerung" fühlten sich Besucher erinnert, an den „Urwald" und an kannibalische Szenen. Schon als Teilnehmer der zehnten Documenta von 1997 evozierte Tunga kannibalische Rituale mit einer Gruppe Performer, die durch Kassel prozessierte.

Der 1952 geborene Künstler arbeitet so, wie es ein deutsches Publikum eher von Joseph Beuys kennt: Objekte und Materialien werden mit Bedeutungen aufgeladen, die einem eigenen Kosmos entspringen zu scheinen, gleichzeitig aber archaische Gefühlswelten stimulieren. Der Betrachter bleibt im Vagen.

Tungas Werke sind rätselhaft, fordern zum Entschlüsseln auf. Der Brasilianer arbeitet mit Symbolen und spielt mit den Möglichkeiten, sie von Kultur zu Kultur zu übersetzen. Als erster zeitgenössischer Künstler schuf er eine Arbeit für den Pariser Louvre. In der Glaspyramide vor dem Museum präsentierte er 2005 eine in Schwarz und Gold gehaltene Installation mit Totenköpfen, einem Hirtenstab, in Netzen verpackten Nachbildungen von Köpfen klassischer Skulpturen aus dem Louvre und einem kopflosen Skelett in einer Hängematte.

Wenn er in Deutschland eine Arbeit wie „Tríade Trindade" in einer Schau wie „Brasiliana" präsentiert und damit Assoziationen wie „Urwald" und „Kannibalismus" provoziert, dann ist das auch ein Kommentar zu der von Vorurteilen belasteten Begegnung zwischen Kulturen, zu Kolonialismus und Eurozentrismus.

Installationen als visuelle Gedichte

Tunga arbeitet mit verschiedenen Medien, neben Installationen und Performances hat er in fast 50 Jahren auch Videos, Fotografien, Zeichnungen und Skulpturen geschaffen. Seit Beginn seiner Karriere in den 1970er-Jahren wendet er eine poetisch-expressive Sprache an, um seine Themen in Kunstwerke zu übersetzen. „Poesie" passe dazu besser als „Kunst", sagt er. Er bewege sich mit seinen Arbeiten zwischen Fiktion und Wirklichkeit, transformiere Fiktionales in Wirkliches und Wirkliches in Fiktionales.

Dass Tunga Geschichten erzählt, visuelle Gedichte schreibt, die gelesen werden sollen, liegt sicher auch am Einfluss seines Vaters, einem brasilianischen Journalisten, Dichter und Schriftsteller. Seine Mutter war Aktivistin, Intellektuelle und Künstler gingen bei der Familie ein und aus. In den Sechzigern, als die Militärjunta in Brasilien die Macht ergriff, musste Tunga mit seiner Familie für einige Jahre nach Chile ins Exil.

Seine erste Ausstellung 1974 im Museum für Moderne Kunst in Rio de Janeiro trug den provokanten Titel „Museu da Masturbação Infantil" (Museum der kindlichen Masturbation). Es war eine Serie von Zeichnungen. Was er heute mache, stünde noch immer in Beziehung zu dieser ersten Schau, sagt Tunga. Es gehe ihm um Manifestationen von Sehnsüchten.

An den Initiierungsritus erinnert in der SCHIRN jetzt nur noch die Paste auf den verlassenen Töpfen und Gefäßen. Man kann die Spuren der Finger und Hände noch ausmachen, als Zeichen fügen sie sich in die Erzählung um die enigmatische Feuerstelle. Es bleibt ein Gedicht à la Tunga, das jeder für sich liest und das doch eine Ahnung von Sehnsüchten vermittelt, die alle teilen.