06. Mai 2014

Der katalanische Künstler Ramon Casas beeinflusste mit seiner radikalen Modernität eine ganze Künstlergeneration. Im frei gewählten Exil in Montmartre malte er seine heute bekanntesten Werke.

Von Katharina Cichosch

Viele der großen, spanischen Künstler stammen aus Katalonien – jener Region, die von der Frankfurter Buchmesse 2007 als Gastland eingeladen wurde. Von den kontrovers diskutierten nationalstaatlichen Fragen, die hierbei aufgeworfen wurden, einmal ganz abgesehen, setzten die Veranstalter damit ein deutliches Zeichen – und heben Katalonien als wichtigen Kulturraum hervor, der seine ganz eigenen Literaten, Maler und Kunstströmungen hervorgebracht hat.

Dabei gab es einen intensiven Austausch zwischen den „Exilkünstlern" im französischen Paris und denen, die in Barcelona geblieben waren. Auch das Tandembild lässt sich wie eine Art Geheimbotschaft aus Verweisen und Symbolen für die ideelle Verbindung Barcelona-Paris lesen: Die hier Porträtierten, Pere Romeu und Ramon Casas, waren zugleich Mitbegründer des „Els 4 Gats" einem Künstlercafé in Barcelona. Dieses Café wiederum wurde dem legendären Pariser Kabarett-Club „Le Chat Noir" von Rudolphe Salis nachempfunden, das seinerzeit Treffpunkt vieler Montmartre-Künstler war. Die Übersetzung des katalanischen Cafénamens lautet "Vier Katzen", was nicht nur an das französische Vorbild erinnert, sondern zugleich umgangssprachlich für „nur eine Handvoll Leute" steht -- was sich angesichts der wachsenden Künstlerszene rund um den Treffpunkt bald als pure Untertreibung herausstellt. Auf der rechten Seite der Leinwand hatte Casas ursprünglich die Inschrift „to ride a bicycle, you can´t go with your straight back" angebracht -- auf den ersten Blick eine lapidare Beschreibung des Freizeitsports, auf den zweiten eine sprichwörtliche Erinnerung, dass Fortschritt nur durch das Brechen mit der Tradition zu haben ist. Dieses Sprichwort wurde gewissermaßen zur Losung des katalanischen Modernisme. Ramon Casas i Carbó erneuerte sein Credo nur ein Jahr nach dem Jahrhundertwechsel und porträtierte sich nun mit Pere Romeu im Auto, das altmodische Tandem durch die neueste Technik ersetzend.

Radikal modern, künstlerisch virtuos

Ramon Casas i Carbó wuchs in privilegierten Verhältnissen auf. Von finanziellen Sorgen weitestgehend befreit, konnte er schon früh den Weg des Künstlers einschlagen -- ohne Schulabschluss, aber mit intensivem Kunststudium bei privaten Lehrern sowie später auch an der Kunstakademie. Mit gerade einmal 15 Jahren arbeitete Casas an der Zeitschrift L'Avenç mit und veröffentlicht hier eine Architekturskizze, noch im selben Alter zog er zum ersten Mal nach Paris.

In die Reihe großer Namen wie Salvador Dalí, Antoni Gaudí und Pablo Picasso reiht sich auch Ramon Casas i Carbó, kurz Ramon Casas ein: Der gebürtige Katalane wird 1866 in Barcelona geboren und verbringt dort auch seinen Lebensabend. Seine bekanntesten Malereien aber fertigte er in Paris an, wo er ab 1890 zusammen mit anderen katalonischen Künstlern am Montmartre wohnt. Zu den hier entstandenen Arbeiten gehört auch das Selbstporträt "Ramon Casas i Pere Romeu en un tàndem", das den Maler mit einem Freund beim Tandemfahren zeigt. Mit seinen grafischen Elementen, der skizzenhaft aufgezeichneten Umgebung und den nur einzeln aufgebrachten Farbflächen verweist dieses berühmt gewordene Bild auf Ramon Casas Ausnahmestellung als Künstler, der den katalonischen Modernisme wie kaum ein zweiter voranbrachte.

Mit seinem radikal modernen Ansatz eckte der Maler beim alteingesessenen Kunstpublikum an: Seine frühen Werke wurden von vielen als zu simpel abgetan, mit dem oft skizzenhaften Stil und dem nur sparsamen, aber dafür zielsicheren Einsatz von Farbe konnten traditionellere Kunstfreunde wenig anfangen. Für seine Freunde am Montmartre, ganz besonders aber für die Szene rund ums „Els 4 Gats" in Barcelona hingegen wurde sein Stil zum Vorbild, Casas beeinflusste eine ganze Künstlergeneration. Dabei legt er sich selten fest, beweist seine Virtuosität vielmehr in unterschiedlichsten Materialien und Medien -- selbst dem konventionelleren Mal- und Zeichenstil fügt Ramon Casas eine sehr eigene Note hinzu, wie in seinem "Portrait d'Erik Satie" oder den Darstellungen seiner Wohnumgebung am Montmartre, die mit starkem Schärfekontrast und wiederum sehr sparsam eingesetzten Farbflächen arbeiten. Bedeutende Größen des gesellschaftlichen und politischen Lebens lassen sich von ihm in Kohlezeichnung und in schwerem Öl porträtieren, außerdem arbeitet Casas an Werbeplakaten -- Aufträge, in denen sein grafischer Stil perfekt zur Geltung kommt. Zwischendurch wirkt er immer wieder an verschiedenen Zeitschriften und Büchern mit, bringt eigene Werke heraus und arbeitet als Illustrator. Und auch in der Architektur findet Ramon Casas i Carbó ein passendes Medium: 1912 baut er ein ehemaliges Benediktinerkloster um, das seine Mutter auf das Drängen ihres Sohnes gekauft hatte -- rund drei Jahrzehnte, nachdem seine erste Skizze einer katalanischen Burg in L'Avenç veröffentlicht wurde.