06. August 2012

Das Paula Modersohn-Becker Museum zeigt die mit Munch befreundete norwegische Künstlerin Oda Krohg. Sie war eine feste Größe in den Bohème-Kreisen Oslos und inspirierte Munch und sein Umfeld.

Von Sabine Weier

Oda Krohg war Femme Fatale, Mutter, Muse, Geliebte, Ehefrau und begnadete Malerin – für eine Frau um 1900 eine unkonventionelle Mischung. Doch die im Jahr 1860 geborene Norwegerin lebte all diese Rollen selbstbewusst und etablierte sich als feste Größe in Bohème-Kreisen. Das Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen widmet der Malerin parallel zur Munch-Ausstellung in der Bremer Kunsthalle die Einzelausstellung „Oda Krohg – Malerin und Muse im Kreis um Edvard Munch“ und arbeitet ihr in der Kunstgeschichte wenig beachtetes, aber erstaunlich bedeutendes Werk analog zum Schaffen und Leben Edvard Munchs auf.

Eine wahre Prinzessin der Boheme

Die Kunstszene in Kristiania, dem heutigen Oslo, war im ausgehenden 19. Jahrhundert überschaubar. In einer Stadt mit rund 135.000 Einwohnern kannte man sich, vor allem, wenn man eine Lebensanschauung teilte. Edvard Munchs und Oda Krohgs Wege kreuzten sich in den einschlägigen Cafés der Bohème, beide waren vom Maler Christian Krohg – Odas späterem Ehemann – unterrichtet worden. Zwischen den beiden Künstlern entwickelte sich eine Freundschaft. In Munchs Lithografie „Kristiania-Boheme II“, die neben anderen Werken Munchs ebenfalls in der Krohg-Ausstellung zu sehen ist, zeigt er sie in einer Cafészene, in stolzer Haltung, leger gekleidet und mit selbstbewusst in die Hüften gestützten Armen. Skandalautor Hans Jäger, mit dem sie eine ihrer zahlreichen Liebschaften hatte, kniet vor ihr auf dem Boden. Jäger war es auch, der sie eine „wahre Prinzessin der Bohème“ nannte. Munch selbst ist in der Grafik ebenfalls zu sehen: Im Vordergrund an einem Tisch sitzend, das Gesicht von einer kalkweißen Maske bedeckt.

Freie Liebe, neue Kunst

Zu einer Affäre kam es zwischen den beiden nicht, doch Krohgs gelebte freie Liebe – damals in Bohème-Kreisen ein populäres und propagiertes Konzept – inspirierte Munch. Im Jahr 1891 reisten sie gemeinsam nach Åsgårdstrand, um dort zu malen. Krohg ging in jenem Sommer eine Liaison mit Munchs Freund, dem Schriftsteller und Kunstkritiker Jappe Nilssen ein. Er verzweifelte an der Trennung, was Munch zu seinem mehrfach variierten Motiv „Melancholie“ anregte, das derzeit in der Kunsthalle Bremen zu sehen ist. Künstlerisch unterschieden sich ihre Werke allerdings bedeutend. Während Christian und Oda Krohg trotz impressionistischer Einflüsse dem Realismus nahe blieben, entwickelte Munch einen ganz eigenen, unkonventionelleren, vorexpressionistischen Stil.

Der Durchbruch

Im Jahr 1886 stellten Edvard Munch und Oda Krohg im Herbstsalon in Kristiania aus. Krohg präsentierte sich mit „Am Kristianiafjord (Japanische Laterne)“ erstmals der Öffentlichkeit. Das Gemälde zeigt einen impressionistischen Umgang mit Farbe und ist ein Vorläufer der erst einige Jahre später in Norwegen blühenden Stimmungsmalerei. Eine Frau sitzt in einem Türrahmen, schaut in die tiefblaue norwegische Nacht, über ihr schwebt eine goldrot glühende japanische Laterne, die auf plakative Weise von dem Einfluss des Japonismus auf die moderne Malerei zeugt. Damals eroberten Holzschnitte, Artefakte wie Sonnenschirme oder Porzellan und japanische Tee-Rituale die europäische Gesellschaft, inspirierten hiesige Künstler und manifestierten sich bald schon stilistisch, etwa im Jugendstil, später auch im Expressionismus. Munch präsentierte „Das kranke Kind“, eines seiner wichtigsten Gemälde, von dem mehrere Versionen ab dem 9. Februar in der Ausstellung „Edvard Munch. Der moderne Blick“ in der Schirn zu sehen sind. Er stieß mit seinem vorexpressionistischen Stil jedoch auf Unverständnis: Das Bild wurde als unfertig und schludrig gemalt abgelehnt und löste einen Skandal aus.

Krohg wird zur gefragten Porträtmalerin

Oda Krohg setzte sich durch und wurde zur gefragten Porträtmalerin. Über zehn Jahre lang hielt sie sich immer wieder in Paris auf, dem Mekka der modernen Malerei, was ihre künstlerische Entwicklung enorm voranbrachte. Aufträge erhielt sie von Privatpersonen, aber auch von bedeutenden öffentlichen Institutionen. Ihr Porträt von Johanne Dybwad, einer der schillerndsten Schauspielerinnen Skandinaviens, die zum Beispiel in Stücken ihres Zeitgenossen Henrik Ibsen brillierte, hängt heute im Nationaltheater in Oslo, derzeit ist es als Leihgabe im Paula Modersohn-Becker Museum zu sehen. Der Blick Dybwads ist selbstbewusst auf den Betrachter gerichtet, ihr Gesicht strahlt charismatisch und belegt Krohgs meisterhaften Umgang mit Licht.

Pionierin der Moderne

Trotz der im 19. Jahrhundert vielerorts in Europa aufkeimenden Frauenrechtsbewegung, blieben Malerinnen auf den internationalen Kunstbühnen Komparsen. Mit einem brillanten Porträt der Malerin und Frauenrechtlerin Aasta Hansteen bezog Oda Krohg Stellung: Sie malte sie selbstbewusst, mit stolz erhobenem Kinn und so maskulin, dass man fast meint, das Gesicht eines Mannes zu sehen. Im vergangenen Jahr erst sorgte die Wiederentdeckung der Werke von Hilma af Klint (1862 – 1944) für Schlagzeilen. Mit ihren frühen abstrakten Bildern macht die schwedische Malerin jetzt Wassily Kandinsky den Status als Vater der abstrakten Malerei streitig. Die Werke der Malerinnen der Moderne werden derzeit neu bewertet, wie jetzt das bedeutende Oeuvre von Oda Krohg.


Noch bis zum 26. Februar in Bremen zu sehen: „Oda Krohg – Malerin und Muse im Kreis um Edvard Munch“ im Paula Modersohn-Becker Museum und „Edvard Munch – Rätsel hinter der Leinwand“ in der Kunsthalle Bremen