31. März 2015

Er zerfetzte Plakate, störte Fernsehübertragungen, betonierte parkende Autos ein: all diese künstlerischen Aktivitäten bezeichnete Wolf Vostell als Dé-coll/age. Er prägte maßgeblich die künstlerische Entwicklung der Bonner Republik.

Von Ekkehard Tanner

Wolf Vostell (1932-1998), war kein bequemer Künstler. Seine Kunst ist nicht schön und unschuldig, denn Vostell sah im 20. Jahrhundert nichts Idyllisches. "Meine Kunst", sagte er einmal, "hat die Aufgabe, die Menschen gegen Krieg und Intoleranz zu erziehen."

Von 1950 bis 1958 studiert Vostell zunächst Lithographie und Typographie in Wuppertal und Köln, dann Malerei in Paris und Düsseldorf. Er verfolgt eine soziologische Analyse der Realität, wendet sich von der traditionellen Tafelmalerei ab und neuen Inspirationsquellen aus dem urbanen Alltag zu. Damit steht er dem "Mouvement des Affichistes" (1954-1959) nahe, das aus Raymond Hains, Jacques Villeglé und François Dufrêne bestand. In der Folge möchte Vostell der 1960 gegründeten Künstlergruppe Nouveaux Réalistes beitreten, bei der neben den drei Pariser Affichisten unter anderem auch der Italiener Mimmo Rotella Gründungsmitglieder waren. Allerdings kam es zum Streit über den Gebrauch des Begriffs Décollage, und Pierre Restany, Spiritus Rector der Bewegung, lehnte eine Aufnahme des gebürtigen Leverkuseners in die Gruppe ab, der 1962 schließlich Fluxus-Mitglied wurde.

Die Bedeutung von Zerstörung und Rekonstruktion

Lange bevor Vostell die Pariser Künstler und deren Kunst kennenlernte, entwickelte er sein Dé-coll/age-Prinzip. Zunächst nannte er seine Plakatabrisse Dé-coll/age, später übertrug er diesen Begriff auch auf seine Aktionen und Happenings. Das Wort "décollage" entdeckte der Künstler, als er während eines zweimonatigen Parisaufenthaltes in der Zeitung Le Figaro vom 6. September 1954 von der Notwasserung eines Flugzeuges vom Typ Super Constellation im irischen Fluss Shannon las. Da Vostell das Wort nicht verstand, schlug er es nach und fand im Lexikon folgende Erklärung: "décoll/age ( ) m Losmachen n, -gehen n des Geleimten, Start, Aufsteigen n des Flugzeuges vom Boden, -er ( ) (la) Geleimtes losmachen., F trennen, weggehen, P Sterben, pej. Abkratzen". Vostell verwendet in der Folge die lexikografischen Schreibweise Dé-coll/age und betont damit die Bedeutung von Zerstörung und Rekonstruktion in seinem Werk.

Vostells Decollagen sind viel politischer, als die poetischen Versionen seiner französischen Künstlerkollegen. „Ihr Kandidat" ist ein Plakatabriss, auf dem Vostell verschiedene Schichten des Kölner Alltags im Jahr 1961 freilegt. Da finden sich Reste einer Konzertwerbung und das Brandenburger Tor unter dem für Kai-Uwe von Hassel geworben wird. Links im Bild der Mund Willy Brandts, der zyklopenhaft von einem Auge bekrönt wird. Rechts im Bild endet ein Frauenmund im Kopf von Ludwig Erhard. Diese Dé-coll/age ist eine Reaktion auf die Reizüberflutung durch die allgegenwärtige Werbung sowie eine Auseinandersetzung mit dem Plakat als Medium der Massenkommunikation. Es scheint einem heute wie eine wütend-dadaistische Abrechnung mit der politischen Klasse.

Noch deutlicher zeugt "La Boda" (die Hochzeit) von der Prozesshaftigkeit von Vostells Kunstschaffen. Das Werk ist ein auf einem Pariser Schrottplatz gefundenes Stahlblech, das beidseitig mit Plakatabrissen beklebt, stellenweise mit Teer beschmiert und verbrannte wurde. Destruktion, um neues entstehen zu lassen, ist ein Prinzip, das in der Tradition des Dadaismus steht, der bereits mit Sinndestruktionen sowie der Auflösung von Formzusammenhängen operierte. In "La Boda" zeigt sich aber auch exemplarisch, dass Vostell, zwar noch in der Tradition des Ready-Made eines Marcel Duchamp stehend, unter Kunst weniger ein Objekt, als vielmehr einen Prozess versteht: "Wenn Duchamp den Gegenstand des alltäglichen Lebens zum Kunstwerk erklärt hat, so erkläre ich den Gebrauch des Gegenstands zum Kunstwerk; wenn ein Urinal ein Kunstwerk ist, so muss Urinieren auch ein Kunstwerk sein."

Vostell hinterfragt die neue Massenkonsumgesellschaft

Folgerichtig wandte sich Vostell dem Happening zu, welches den traditionellen Kunstbegriff sprengte. In Paris veranstaltete er 1958 seine vielzitierte Aktion "Le théâtre est dans la rue", "Das Theater ist auf der Straße", das erste Happening Europas. Inspiriert wurde er dazu von den teils abgefetzten Plakatwänden der Stadt an der Seine, die auf Vostell wie ein Gegenstück zu den deutschen Ruinenlandschaften wirkten. Wichtig waren ihm dabei die Einbeziehung des Publikums und das Prozesshafte der Arbeit. Das Publikum sollte die Wortfetzen der Plakatwände laut vorlesen, auch selbst Plakatteile abreißen um neue Schichten und Wortfetzen freizulegen und die noch erkennbaren Gesten der abgebildeten Figuren nachahmen.

Ähnlich entschieden wie vor ihm die Dadaisten und Surrealisten und neben ihm etwa Dieter Roth verweigerte sich Vostell entschieden dem Pathos der Erhabenheit. Sein Plakatabriss "Coca-Cola" kann als eine deutsche Variante der Pop-Art angesehen werden. Doch anstelle dem Coca-Cola-Way-of-Life zu frönen oder der vorgefundenen Werbeästhetik künstlerische Weihen zu verleihen, hinterfragt Vostell subversiv die neu entstehende Massenkonsumgesellschaft. Die in Teilen zerfetzte Oberfläche legt den Blick frei auf das Abgründige hinter dem neuen Konsumzwang, aber auch auf das Wesentliche im Leben, wie hier auf das Glück von Mutter und Kind (Wolf Vostell und seine Frau Mercedes sind zur Entstehungszeit der Arbeit zum zweiten Mal Eltern geworden) -- wobei die Idylle zerrissen ist. Vostells Decollagen sind wie ein Fragen nach dem Sinn hinter den Dingen.

Neben dem damals in Köln lebenden Nam June Paik zählt Vostell zu den ersten Künstlern, die Fernseher und Fernsehen in ihr Kunstschaffen einbezogen. Zu diesen Arbeiten zählt der 1963 entstandene Kunstfilm "Sun in Your Head". Noch gab es keine Videotechnik und so ließ der Künstler den Kameramann Edo Jansen den laufenden Fernsehbildschirm abfilmen, während er selbst die Bilder verzerrte. Bereits im Entstehungsjahr zeigt Vostell seinen Film während eines großangelegten Happenings, das an verschiedenen Orten in Wuppertal stattfand. Die Zuschauer lagen während der Ausstrahlung des Films am Boden. Mit der Zerlegung und Dekonstruktion des ursprünglichen Filmmaterials schafft Vostell gleichsam Neues und überträgt sein Prinzip der Dé-coll/age auf die bewegten Bilder. Achtung, vermeint man den Künstler zu hören, lasse Dich nicht einlullen von der Kakophonie der Diskurse und vertraue auf deinen eigenen Verstand.

Erfahren Sie mehr über die Affichisten im Film zur Ausstellung: