14. Mai 2013

Der Freigeist Francis Picabia arbeitete bei seinen letzten Bildern mit radikaler Reduktion und erntete zunächst wenig Zuspruch – doch entwickeln sie bei eingehender Betrachtung eine ungeahnte Tiefe.

Von Katharina Cichosch

Er war Dadaist und Surrealist, Maler und Aphorismendichter, Impressionist und Freigeist -- ein Künstler, den es so mit Sicherheit kein zweites Mal gibt. Francis Picabia setzte seine Zeitgenossen mit schier endlosem Ideenreichtum in Verzückung, nur um kurz darauf wieder alle Erwartungen mit voller Absicht zu enttäuschen -- und sein Publikum in die schiere Verzweiflung zu stürzen. Zumindest in künstlerischer Hinsicht blieb der Sohn französisch-kubanischer Eltern stets unberechenbar. Er, Mitbegründer der Pariser Dada-Bewegung, verschrieb sich einer einzelnen Richtung, einer bestimmten Bewegung ausschließlich auf absehbare Zeit: Als der Dadaismus in den Ateliers und Galerien schließlich en vogue wurde, war Picabia schon längst wieder abgesprungen und entdeckte seine kurze, aber intensive Leidenschaft für den Surrealismus.

Kunstwerke in allen nur erdenklichen Stilrichtungen

Mit seiner exzentrischen Art und der schier unbändigen Begeisterung für die Malerei war Francis Picabia von Anfang an Teil der pulsierenden Kunstwelt rund um die Jahrhundertwende. Als Kind aus gutbürgerlichem Hause muss sich der 1879 in Paris geborene wenig Sorgen um finanzielle Belange machen. Schon mit sechzehn Jahren schreibt er sich an der Akademie für Angewandte Kunst ein, kurz darauf nimmt er Privatunterricht bei Malern wie Fernand Humbert und Fernand Cormon, der für seine religiösen Motive einen realistischen Malstil verfolgt. Mit Anfang 20 werden Picabias Arbeiten erstmals in einer Einzelausstellung in Paris präsentiert, einige Jahre später lernt er zahlreiche Künstler kennen, von denen einige wie Marcel Duchamp seine langjährigen Weggefährten werden.

Immer wieder lässt sich Francis Picabia beeinflussen von den Ideen seiner Freunde, der Künstler, Galeristen und Sammler, ist dem Zeitgeist aber oftmals eben auch auf erstaunliche Weise voraus. Das Gesamtwerk des französischen Malers umfasst entsprechend Kunstwerke in allen nur erdenklichen Stilrichtungen, von den frühen impressionistischen Gemälden über solche, die vom Kubismus oder Surrealismus inspiriert wurden bis hin zu den dadaistischen Malereien der späten 1910er- und frühen 1920er-Jahre. In den letzten Jahren vor seinem Tod im Jahr 1953 konzentrierte sich Picabia ganz auf das Malen von Kreisen -- spärlich gefärbte, runde Formen auf meist dunklem Untergrund.

Ausgerechnet der Kreis

Interessanter Weise fallen die „Letzten Bilder" von Francis Picabia zeitlich in etwa mit einer weiteren Leidenschaft des Künstlers zusammen: dem Verfassen von Aphorismen. Erstaunlich viele dieser Einzeiler haben es auch in den allgemeinen deutschen Sprachgebrauch geschafft; der zugehörige Autor dürfte vielen Menschen dabei nicht bekannt sein. In einem seiner bekanntesten Aphorismen spricht Picabia seine Verachtung für Stillstand und Engstirnigkeit besonders deutlich aus: „Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann." - ein inzwischen geflügeltes Wort, das Schaffen und Weltsicht des französischen Künstlers mehr als treffend charakterisiert.

Zufall oder Absicht, dass Francis Picabia in seinem letzten Werkzyklus ausgerechnet den Kreis für sich entdeckt hat? Eine Form, die nichts weniger als die Unendlichkeit, eine Art ewiger Wiederkehr darstellt, die im Grunde nichts Neues hervorbringen kann, sondern lediglich das Immer Gleiche symbolisiert -- die sich aber, angelehnt an Picabias Aphorismen, gleichzeitig die Möglichkeit zur Richtungsänderung vorbehält. In diesem Sinne sind die letzten, in den späten 1940er- und ersten 1950er-Jahren geschaffenen Malereien sowohl Rückkehr zu den künstlerischen Wurzeln Picabias als auch Aufbruch zu Neuem.

Die radikale Reduktion auf eine einzige Form und auf wenige Farben erntete anfangs wenig Zuspruch: Im direkten Vergleich zu den detailverliebten Meisterwerken früherer Jahre, zu dadaistischen Malereien wie „Udnie" und zu der multiperspektivischen „Hera" wirken die Punktebilder fast wie eine freiwillige Aufgabe der malerischen Virtuosität. Möglich, dass Francis Picabia genau dies im Sinn hatte -- gelangweilt von den eigenen, oftmals genialen Stilsprüngen, vielleicht auch von den Erwartungen eines Kunstpublikums, das sich gerade an diese Unberechenbarkeit gewöhnt hatte. So hält der Maler seinem Gesamtwerk in den letzten Jahren seines Schaffens noch einmal etwas völlig anderes entgegen: Keine Multiperspektiven, kein Farbenreichtum, keine ungewöhnlichen Stilexperimente. Stattdessen nur immer wieder diese eine Form, der Kreis, in Weiß, Rot oder Blau auf düsterem Grund.

Picabia wäre nicht er selbst, wenn er nicht auch hier maximale Intensität aus den gesetzten Faktoren herausholen würde: Dick aufgetragene Farbschichten erzeugen eine faszinierende Haptik, die ihre Wirkung am besten aus nächster Nähe entfaltet. Und auch die monochromen Farbtöne entwickeln bei genauerem Hinsehen eine ungeahnte Tiefe, durchzogen von zahlreichen Farbsprenkeln, die wie ferne Planeten im unendlichen Weltall aufleuchten. Nicht nur der Kopf, auch „Die Welt ist rund", wie Picabia sein allerletztes Bild von 1951 nannte. Im selben Jahr erliegt er einem Schlaganfall, der seine künstlerische Arbeit für immer beenden sollte.