11. Juli 2019

Ob Wolfgang Tillmans, Angela Bulloch oder Jean-Michel Basquiat, in der Musik verwirklichen sich auch jede Menge bildende Künstler. Und legen mit ihren Bands oft spektakuläre Auftritte hin.

Von Maria Sitte

Die Verbindungen zwischen Bildender Kunst und Musik sind eng und die Grenzen oft fließend. Man denke hier nur an Yoko Ono, Kraftwerk oder Björk. Oder an Andreas Gurskys überbordende Fotografie eines Madonna-Konzerts, das Massenphänomene der Pop-Kultur einfängt sowie an Rosemarie Trockels gestaltete Cover, die von Bands wie Kreidler adaptiert werden. Die Liste an Beispielen für künstlerische und musikalische Verschränkungen ist lang. Umso interessanter erscheint der Blick auf zeitgenössische Künstler, die sich – neben der Bildenden Kunst – mit eigenen Bands auf dem Spielfeld der Musik austoben.

1. Gray

Vor seinem Durchbruch als Maler versah Jean-Michel Basquiat die Metropole New York mit seinen SAMO©-Graffiti und gründete zusammen mit Michael Holman 1979 eine Band namens Gray. Benannt nach dem Anatomielehrbuch „Gray‘s Anatomy“, das Basquiats Gemälde oft inspirierte, vereinte die Band musikalische Elemente aus Industrial, Noise, Rock, No-Wave, Ambient und Jazz. Unter anderem trat Gray in legendären Nachtclubs wie dem CBGB oder dem Mudd Club auf und lieferte den Soundtrack zu Glenn O'Briens Kultfilm „Downtown 81“, in dem Basquiat die Hauptrolle übernahm. Zwei Jahre bis zu seinem künstlerischen Durchbruch spielte er Klarinette und Synthesizer, bevor er sich vornehmlich seinem Schaffen als bildender Künstler widmete.

2. Destroy all Monsters

Schwermut und Rebellion. So ließe sich die Musik von Destroy all Monsters in Kürze beschreiben. Benannt nach einem Film schlossen sich die vier Kunststudenten Mike Kelley, Cary Loren, Jim Shaw, Niagara (Lynn Rovner) 1973 zusammen. Ihr erster provokanter Auftritt endete jedoch mit einem Eklat: Sie wurden nach zehn Minuten von der Bühne zitiert. Mit Hilfe von Kaffeedosen, Staubsaugern und gelegentlichem Miauen erweiterten sie ihr musikalisches Repertoire. Vor der ersten Veröffentlichung verließen die Gründungsmitglieder Kelley und Shaw jedoch die Band, um sich anschließend als Installationskünstler einen Namen zu machen. Mit neuer Besetzung brachte Destroy all Monsters 1978 ihre erste Single „Bored“ heraus. Nach etlichen Einzelprojekten lösten sie sich 1985 endgültig auf.

3. Trabant

Die musikalische Affinität des isländischen Künstlers Ragnar Kjartansson ist in seinen hypnotischen Filmen und Performances unübersehbar. Mit viel Ironie und Charme lässt er seine Akteure als verträumte Bohemiens in „Take me by the dishwasher“ (2014) den Ausstellungsraum mit Musikinstrumenten bespielen oder schlüpft selbst in die Rolle eines romantischen Hollywood-Dandys, den Weltschmerz besingend, wie beispielsweise in „Sarrow concers happyness“. Seine 2001 gegründete Elektro-Band versprüht diesen leichtfüßigen Humor ebenfalls in ihren Auftritten. Im Song „The One“, der von den Islandic Music Awards als „Bestes Musikvideo 2006“ ausgezeichnet wurde, beschwören sie inbrünstig den Glauben an die Liebe, während sie in einem überlaufenden Springbrunnen performen. Kleiner Tipp: Am 19. Juli eröffnet in Stuttgart Ragnar Kjartanssons Ausstellung „Scheize – Liebe – Sehnsucht“

4. Martin Creed & Band

Neben seinen visuellen Werken widmet sich Martin Creed seit den 1990er-Jahren immer wieder der Produktion musikalischer Kompositionen. So entstand 1995 das Album „Nothing“ mit seiner dreiköpfigen Punkband Owada und 1999 das Album „I Can’t Move", dessen Titelsong für die Fernsehsendung Weeds verwendet wurde. In dem aus zwei Akkorden bestehenden Lied „Thinking/Not Thinking“ (2011) beschreibt er in fortwährenden Wiederholungen, dass es im Leben darum gehe, zu denken und nicht zu denken. Diese minimalistisch komprimierte Einfachheit findet sich auch in seiner Installation „Work 227: The lights going on and off“ (2000) wieder, die aus unaufhörlich an- und ausgehendem Licht besteht und, ähnlich wie seine Songtexte, eine gezielte Lektüre des alltäglichen Lebens darstellt.

5. Gang Gang Dance

Als Musikerin verleiht Lizzi Bougatsos ihre Stimme an Bands wie Gang Gang Dance, zu deren Gründungsmitgliedern sie gehört, und an die psychedelischen I.U.D., in der sie zusammen mit der Malerin Sadie Laska spielt. Laut Bougatsos ist der kreative Prozess eine Reaktion auf die verschiedenen Reize ihrer Heimatstadt New York. In ihrer künstlerischen und musikalischen Praxis zögert sie nicht, ihre kritische Position gegenüber Symbolen der westlichen Gesellschaft herauszustellen. Besonders deutlich wird dies, wenn sie Plakate von Mickey Mouse mit einem Plastik-Dildo durchstößt oder einen Latex-Body um zwei Holzkrücken ergänzt.

6. Fragile

Als Fotokünstler hat Wolfgang Tillmans im Laufe seiner Karriere etliche Musiker porträtiert, unter anderem den US-amerikanischen R'n'B-Sänger Frank Ocean. Seit 2014 wendet sich Tillmans verstärkt selbst der Musik zu. Neben seinen ikonischen Bildern der Clubgeneration ist die Musik nicht nur Motiv, sondern ein aktiver Part in seinem Schaffen geworden. Im Song „Anderes Osterlied“ seiner Band Fragile gibt sich Tillmans gewohnt gesellschaftskritisch. So heißt es an einer Stelle „Das könnte den Herren der Welt ja so passen, wenn erst nach dem Tod Gerechtigkeit käme“. Dass sein musikalisches Debüt mit seiner politischen Kampagne gegen den Brexit zusammenfällt, mag daher kein Zufall sein.

7. The Wired Salutation

Denkt man an die Hörstationen von Angela Bulloch, die dazu einladen, Schallplatten aufzulegen und ihren selbstkomponierten Tracks zu lauschen, verwundert es nicht, dass die Künstlerin auch musikalische Kooperationen anstößt, wie „The Wired Salutation“. Dabei handelt es sich um eine audiovisuelle Performance, welche die Künstlerin zusammen mit dem Musiker David Grubbs realisierte. In ihren Auftritten im Centre Pompidou in Paris und im Theater der Künste in Zürich zeigte sich die enge Verschränkung zwischen Visuellem und Musikalischem: der gemeinsame Live-Auftritt wurde von einem animierten Avatar-Quartett begleitet. Bulloch, die bereits Bass in der Band Big Bottom spielte, greift auch in ihren konzeptuellen Arbeiten vielfach auf Licht, Ton und Text zurück.