Frei­heit von Style heißt Normen ästhetisch zu hinterfragen – darunter Geschlech­ter­nor­men und Rollen­bil­der: Über queeres Design, Selbstbestimmung und die Gefahren von kommerzieller Aneignung.

Man kann mich nicht übersehen. Schon als ich den Raum betrete, in dem an diesem Wochenende der Workshop stattfinden soll, richten sich alle Augen auf mich. Trotz der FFP2-Maske steche ich direkt hervor. Denn meine Maske ist pink. Nicht rosa, sondern leuchtend pink. Ebenso wie die Streifen auf dem Hemd, das ich trage, und die Farbakzente auf meinen Sneakern. Colormatching in einer Farbe, die konventionell für weiblich gelesene Personen vorgesehen ist. Mit dieser Aneignung stelle ich die Konvention infrage, unterlaufe sie, anstatt mich zu assimilieren.

Schon in dieser ersten Beschreibung liegen Hinweise auf eine queere Politik des Styles: Der durchgestylte pinke Look unterläuft eine Konvention und bezahlt dies mit dem Preis der Auffälligkeit. Dass sich genau dies politisch auslegen lässt, fällt jedoch wiederum weniger auf. So schreibt Susan Sontag 1964 in ihrem Style-Manifest „Notes on Camp“, dass die ernst gemeinte Emphase von Style die Vernachlässigung jeglichen ernsten Inhalts bedeutet. Camp ist verspielt, frivol, oberflächlich und begibt sich immer auf zu dünnes Eis, um darauf waghalsig Pirouetten zu drehen. Die Camp Sensibilität sei somit eine interessenlose, depolitisierte Haltung – oder zumindest apolitisch. Dies ist wiederum etwas, das häufig auch den allzu bunten Paraden und hedonistischen Partys rund um den Christopher Street Day zum Vorwurf gemacht wird.

In ihren „Notes on Camp“, die sie übrigens Oscar Wilde widmete – der stylishsten Person, die je gelebt hat –, beschreibt Sontag Camp als eine Sensibilität, die die Welt als ästhetisches Phänomen nach Künstlichkeit beurteilt. Der artifizielle, androgyne Style transzendiert dabei jegliche „Natürlichkeit“ und überwindet binäre Kleidervorschriften für Geschlechter – wie zum Beispiel in einer pinken FFP2 Maske, die mit Strasssteinchen ornamentiert wurde. Camp ist eine Vision der Welt, in dem Nichts mehr das ist, was es sein sollte, in der alles mit einem Hang zur Übertreibung passiert. Aber hat Sontag damit Recht, genau diese „stylische“ Haltung zur Welt als apolitisch und desinteressiert zu beschreiben?

Felix Kosok (c) Foto: Robert Schittko

Die am weitesten entwickelte Form von Camp ist Sontag zu Folge der Jugendstil: Lampen werden zu Feenwäldern, nichts bleibt ohne Blüten und Ornament, alles glitzert und schillert. Genau hiergegen richtete sich dann der Architekt und Theoretiker Adolf Loos 1904 in einem Vortrag, der vielen als Gründungsdokument des modernen und sachlichen Designs gilt: „Ornament und Verbrechen“. Architektur, Design und Moral werden bereits im Titel eng miteinander verknüpft, wenn nicht sogar gleichgeschaltet. Loos proklamiert, dass die Überwindung jeglichen Stils als historische Leistung der Moderne angesehen werden müsse. Guter Geschmack, der allen Stil und das Ornament verabscheut, ist die Einsicht in die Notwendigkeit vernünftiger Gestaltung. Stil sei eine Verschwendung von Zeit, Arbeitskraft und Energie. Loos bevorzugt alles Schlichte und Glatte: Zigarettenschachteln, Möbel, undekorierte Lebkuchen, Schuhe (in dieser Reihenfolge).

Worin liegt das poli­ti­sche Moment von Style?

Seitdem hatte Style insbesondere im Design einen sehr schlechten Ruf. Styling, also eine Gestaltung, die rein auf die Oberfläche von Objekten abzielte, hinter der sich konventionelle Technik verbarg, wurde zum Gegenentwurf des ehrlichen, aufrichtigen, geradlinigen und guten Designs. Eine “Degeneration”, wie sie der Designtheoretiker Gui Bonsiepe noch 2005 beschreibt. Style sei alles, was über die Gestaltung der reinen Funktion eines Objektes hinaus geht, eigentlich immer Marketing und fast auch schon ein Betrug an der Sache, am Wesen der Funktion. Doch liegt nicht vielleicht hierin das politische Moment des Styles?

Tischlampe, Modell "Bamboo", Herkunft/Rechte: GDKE - Landesmuseum Mainz / Ursula Rudischer (CC BY-NC-SA), Image via rlp.museum-digital.de

Fauteuil entworfen von Adolf Loos, Image via Wikicommons

Die moderne Losung des Architekten Louis Sullivan „form follows function“ die sich vorzüglich auch mit einem „less is more“ von Dieter Rams verbinden lässt, geht von einem vorrangigen Wesen der Funktion aus, die sich alleine in der Form zeigen müsse. Die Funktion ist wie die Natur gegeben, während die Form artifiziell übergestülpt wird. Aber ist dem wirklich so? Oder erkennen wir nicht genau im Style, dass auch die Funktionen, sozialen Zwecke und Normen, die im Design gestaltet werden, von uns gemacht worden sind und uns nur wie eine zweite Natur erscheinen? Werden wir nicht durch unseren Style erst zu dem Menschen, der wir gerne sein möchten? Und ergeben sich die Funktionen von Dingen nicht auch erst in ihrer besonderen Verkörperung in der Form?

Insofern hatte Adolf Loos recht. Style ist ein Verbrechen: ein Verbrechen gegen das Vernünftige, gegen jede vermeintlich natürliche Ordnung ebenso wie die vermeintliche Unabänderbarkeit der Norm. Und gegen alles Schlichte und Bornierte sowieso. Objekte, Mode, Farben und Formen, Nichtigkeiten, die aus einem Raster des „guten Geschmacks“ fallen, verraten in ihrer Ambivalenz eine sinistre Präsenz – die Differenz. Das kurze, skandalöse Spektakel des subkulturellen Styles entreißt uns für einen Moment aus dem Alltag, macht die Dinge auffällig, ja aufdringlich, und gibt ihnen eine neue Bedeutung.

form follows func­tion

Louis Sullivan

Dieter Rams, Regalsystem 606, 1960, Image via WikiCommons

Style bedeutet, dass nichts so bleiben muss, wie es gerade ist. Insofern hatte Sontag unrecht, wenn sie in der Distanz zu jeglichem vorgegebenen Inhalt das Unpolitische im Style erkennt. Die Freiheit des Styles von jeder inhaltlichen Bestimmung bedeutet schließlich auch das: Die Möglichkeit, selbst normative Bestimmungen ästhetisch zu transformieren– auch Geschlechternormen und Rollenbilder.

Style bedeu­tet, dass nichts so blei­ben muss, wie es gerade ist

Dies hat die queere Künstlerin Coco Riot in ihrer Arbeit Gender Poo augenscheinlich umgesetzt. Coco Riot zeichnet die Toilettenmännchen neu, die bisher in männlich und weiblich codiert waren. Sie fügt diesen Icons nun Meerjungfrauen mit Bart, Drag Queens und Transmenschen hinzu, die alle keiner Norm entsprechen und lautstark einfordern, an einem stillen Ort für alle erscheinen zu dürfen. Die Affirmation des Styles ist zudem eine Affirmation der grundlegenden, unabschließbaren Gestaltbarkeit der Dinge, die sich einer krampfhaften Abwehr von jeglichem Stil „ehrlicher“ Gestaltung als Erbe der Moderne gegenüberstellen lässt. Sie enthält für eine Person immer die Möglichkeit, vom eigenen Selbst Distanz zu nehmen, hin zu einem neuen Selbst- und Weltverhältnis, zu einer neuen Selbstbestimmung.

Coco Riot, Gender Poo, Courtesy the artist

Queeres Design ist gerade kein Design für eine queere Konsumentengruppe, wie die Designtheoretikerin Ece Canli betont, sondern eine ständige Herausforderung und ein unabschließbares Hinterfragen von Normen, vorgegebenen Strukturen und Hierarchien. Eine queere Politik des Styles – und sei es nur ein pinker Mundnasenschutz – macht dies auch in der Öffentlichkeit präsent. Bei der Verteidigung des Styles muss ich zugleich die Warnungen aufrichtiger Gestalter*innen – wenn auch nur als Ausblick – ernst nehmen, um nicht zu einem Teil eines altbekannten Problems anstatt zum Teil seiner Lösung werden zu lassen. Gerade im Pride Month Juni zeigt sich, dass nicht nur von der heteronormativen Assimilation an eine Mehrheitsgesellschaft eine Gefahr für die politische Differenz des Styles ausgeht.

Wenn sämtliche kapitalistischen Großkonzerne, deren einzige Maxime ansonsten die Profitmaximierung ist, ihre Social Media Accounts in Regenbogenflaggen schmücken, dann lässt sich hierin eine größere Gefahr der politischen Differenz des Styles erkennen, weil es sie aus ihrer eigenen Logik heraus bedroht. Insofern trifft das Apolitische des Styles, das Sontag beschreibt, an dieser Stelle auf einen wahren Kern: Die Gefahr ist nicht mehr, dass es oberflächlich bleibt, sondern dass der vormals politische Inhalt vereinnahmt wird. In dem Moment, in dem alles reibungslos und medienwirksam zum Style werden kann, entleert sich dieses Potenzial und erschlafft in einer höchst sichtbaren, aber dennoch unausweichlichen Bedeutungslosigkeit.

Coco Riot, Gender Poo, Courtesy the artist
Felix Kosok (c) Foto: Robert Schittko

#PRIDEMONTH

Juni ist #PRIDEMONTH: Der Monat steht exemplarisch für die Gesellschaft, die wir ganzjährig fordern und leben wollen. Das heißt LGBTQIA+-Rechte, queere Visibilität und Akzeptanz. Dies nehmen wir zum Anlass, aktuelle Debatten und Positionen der queeren Community auf dem SCHIRN MAG in den Fokus zu setzen.

CSD Frankfurt 2021