Wann hat das Warten ein Ende? Wir haben eine Antwort in der Kunst gesucht – und sind auf rasende, tickende und schmelzende Uhren gestoßen. Der perfekte Zeitvertreib!

André Breton, Jacqueline Lamba, Yves Tanguy, Cadavre Exquis, 9. Februar 1938

Dass die Surrealistinnen ihre Zeit kreativ zu nutzen wussten, ist kein Geheimnis. Auch die‚Cadavres Exquis‘ sind das Ergebnis eines besonderen Zeitvertreib: Jede Künstlerin und jeder Künstler gestaltete nur einen Teil dieser Collage, bevor das Blatt weitergereicht wurde. So ist auch die Uhr Bestandteil einer zufälligen Gestalt. Ganz nebenbei ist dieses Spiel auch ein guter Tipp für die Quarantäne!

André Breton, Jacqueline Lamba, Yves Tanguy, Cadavre Exquis, 9.2.1938, Photo: © Georges Meguerditchian - Centre Pompidou, MNAM-CCI /Dist. RMN-GP © Adagp, Paris, Image via www.centrepompidou.fr

Claude Monet, Kathedrale von Rouen, 1894

Lange vor unserem digitalen Zeitalter wurde die Zeit ganz oldschool an der Sonne gemessen. Nicht unbedingt auf den ersten Blick zu erkennen ist die Uhr an der im Sonnenuntergang erstrahlenden Fassade der Kathedrale von Rouen. Gleich 33 Mal hielt Monet dieses Motiv fest – Ungeduld kann man ihm also wirklich nicht vorwerfen.

Claude Monet, Kathedrale von Rouen, 1894, Image via wikicommons
Antonio de Pereda, Vanitas, c. 1634

Dass Anto­nio de Pereda ein rich­ti­ger Vani­tas-Fan war, lässt sich in diesem Werk nur unschwer erken­nen. Hier gibt’s viel zu entde­cken: Pereda gönnt sich gleich zwei Uhren – eine Sand­uhr und ein kunst­vol­les golde­nes Türm­chen. Das ist kein Zufall: schließlich zeigten Maler besonders im Barock Symbole der Vergänglichkeit, wie hier die Totenschädel, bewusst neben weltlichen Schätzen. Auch dabei ging es ihnen um Zeit, sie wollten die Vergänglichkeit des irdischen Luxus verdeutlichen. Mit seinem Globus leitet Pereda zu etwas zeit­ge­mä­ße­ren Beispie­len über: welche Rolle spie­len Uhren in der Kunst der globa­li­sier­ten Welt?

Antonio de Pereda, Vanitas, c. 1634, Image via wikimedia.org

Christian Marclay, The Clock, 2010

Christian Marclay gewann für seine Videoarbeit „The Clock“ 2011 den Goldenen Löwen der Venedig Biennale. Von uns bekommt er den Preis für das beste Mittel gegen Langeweile: 24 Stunden lang lässt er verschiedene Uhren laufen. Das Absurde daran ist, dass Betrachterinnen und Betrachter von einem völligen Abtauchen und Vergessen der tatsächlichen Zeit berichten! 

Christian Marclay The Clock 2010 © the artist. Courtesy White Cube, London and Paula Cooper Gallery, New York, Image via www.tate.org.uk

Alicja Kwade, Die bewegte Leere des Moments, 2015

„Die Bewegte Leere des Moments“ nannte Alicja Kwade ihre Installation für die Schirn Rotunde aus dem Jahr 2015. Wir finden nicht nur den Titel unheimlich aktuell, sondern auch die Wahl der Uhr als Motiv. Für Kwade ist sie ein Symbol dafür, wie wir unsere Realität strukturieren. Zudem weist sie auf die Schnelllebigkeit wissenschaftlicher Dogmen hin. Passt auch und gerade fünf Jahre später noch wunderbar!

Alicja Kwade, Die bewegte Leere des Moments, 2015, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2015, Foto: Norbert Miguletz
Peter Saul, Still Life with Soft Watches, 2003

Peter Sauls Stillleben kommt ziemlich laut und ungestüm daher. Auf engstem Raum komprimiert er Trubel und Genuss der schnelllebigen Welt. Dass die Zeit dabei anfängt, sich zu dehnen und zu schmelzen, wundert kaum. Abgesehen von der Anspielung auf eine der berühmtesten Uhrendarstellungen überhaupt (Salvador Dalí lässt grüßen) kommt uns hier noch etwas bekannt vor: durch Sauls Fenster kommt die ganze Welt zu ihm und er kann zuhause bleiben.

SPECIAL TIPP: 2017 fand eine große Ausstellung zu Peter Saul in der Schirn statt, in der auch noch eine weitere Uhr zu entdecken ist.

Peter Saul, Still Life with Soft Watches, 2003 © Peter Saul, Image via www.christies.com

Timm Rautert, 10.59 Uhr, Börse New York, 1969

Timm Rautert unternimmt mit dieser Fotografie den Versuch, die Zeit anzuhalten. Er stoppt sie an einem Tag im Jahr 1969 um genau 10.59 Uhr. Das sagen uns gleich drei Uhren an der Wand der New Yorker Börse. Rauert zeigt die Hektik und den Trubel eines überfüllten Raumes, fast kann man das Stimmengewirr hören. Wer bekommt hier auch Sehnsucht nach Gruppen von mehr als zwei Personen?

Timm Rautert, 10.59 Uhr, Börse New York ©  Timm Rautert, Image via sammlung.staedelmuseum.de

Richard Jackson, 1000 Clocks, 2014

„1000 clocks“ sind für Richard Jackson gerade genug, um zu zeigen, dass man der Zeit nicht entfliehen kann. Wie der Name schon vermuten lässt, bedeckt er Wände und Decke eines Raums mit gleich 1000 Uhren. Ganz anders als in seinen Rooms, die zur Zeit in der Schirn ausgestellt sind, ist hier keine verspritzte Farbe zu finden. Nahezu klinisch steril wirkt „1000 clocks“ im Vergleich dazu. Eine besondere räumliche Erfahrung liefert Jackson aber auch hier: Die Minutenzeiger springen zwar gleichzeitig um, doch wann genau bleibt offen – eine Schrecksekunde für den Betrachter, im wahrsten Sinne des Wortes!

Richard Jackson, 1000 Clocks (Installationsansicht), 2014, Image via www.ocregister.com

Bettina Pousttchi, World Time Clock, seit 2008

Seit über zehn Jahren reist Bettina Pousttchi um die Welt und fotografiert Uhren, immer um 13.55 Uhr. Sie möchte Zeitzonen überwinden und damit eine Art globale Gleichzeitigkeit suggerieren. Hierfür legt die Künstlerin einen extremen Reisemarathon hin – die ultimative Empfehlung gegen Fernweh. 

Bettina Pousttchi, World Time Clock, seit 2008 © Bettina Pousttchi, Image via www.rbb24.de

Valdrin Thaqi, Pondering, 2019

Zugegeben: eine Uhr ist hier erstmal nicht zu entdecken. Was zunächst aussieht wie eine wilde DIY-Idee ist die Installation des Künstlers Valdrin Thaqi. Er spricht in seiner Arbeit über digitales Leben und künstliche Intelligenz. Die Geste des nachdenklich mit einer Gebetskette spielenden Menschen wird hier von einer Maschine, die im Sekundentakt die Perlen weiterschiebt, übernommen. Man sieht, Uhren und Zeitmessen kann die unterschiedlichsten Formen annehmen.