06. August 2015

Wo suchen Künstler Zuflucht vor dem eintönigen Alltag? Das SCHIRN MAGAZIN zeigt zehn Orte, die Picasso, Dalí oder Gauguin inspirierten.

Von Teresa Köster

Die Kunst selbst kann eine Zuflucht für den Menschen sein, in ihrer Betrachtung wie in ihrer Ausführung. Doch was machen Künstler, wenn sie eine Zuflucht vor der Zuflucht, wenn der Geist und die Hände gleichermaßen nach Rückzug, nach einer Pause sowie neuer Inspiration verlangen? Dann werden die Atelierfenster verriegelt, für die mögliche künstlerische Erleuchtung auf dem Weg das Nötigste eingepackt und jener besondere Ort angesteuert, den ein fast jeder Künstler für sich gefunden hat. Ob mit Ferienhäusern oder festen Wohnhäusern, als regelmäßige oder einmalige Besucher: zahlreiche Flecken auf dieser Welt haben Künstler über die Jahrhunderte als Inspirationsorte gedient -- die 10 schönsten stellt das SCHIRN MAGAZIN vor:

01. Port Lligat: Salvador Dalís Versteck an der Costa Brava
Wer sehen will, wohin sich Salvador Dalí mit seiner Frau Gala zurückzog und arbeitete, denen sei der steinige Weg nach Port Lligat an einer schmalen Bucht an der Costa Brava nahe Cadaqués empfohlen. 1930 hatte sich das Paar in dem abgeschiedenen Ort ein Haus gekauft, das sie dank des immer größer werdenden Erfolgs des spanischen Surrealisten über die Jahre hinweg ausgebaut haben, wegen des Spanischen Bürgerkriegs jedoch 1936 wieder verließen. Noch heute steht hier das Haus der Dalís und kann als lebendiges Museum (Casa-Museu Salvador Dalí) besichtigt werden -- falls jemand für den Besuch noch einen weiteren Grund als die idyllische Kulisse Portl Llgats braucht. Die wiederum ist übrigens auch auf mehreren Gemälden des Künstlers zu sehen, unter anderem in „Die Madonna von Port Lligat" (1949) und „Das letzte Abendmahl" (1955).
Abbildung von DagafeSQV via Wikimedia Commons

02. Ein Designklassiker an der Pazifikküste: das Eames House in Pacific Palisades
Über schöne Aussichten durfte sich das Designer- und Architekten-Ehepaar Ray und Charles Eames in ihrem Wohnhaus nicht nur innerhalb ihrer eigenkreierten Räume freuen, sondern nicht minder bei dem Blick aus dem Fenster: Als ihr Beitrag zu dem Case Study Houses-Programm der Zeitschrift „Arts & Architecture" befindet sich das Eames House in Pacific Palisades, Los Angeles, unweit der Pazifikküste. In dem geradlinigen Bau mit seinen vielen Glas- sowie Farbflächen, die sich wie im Baukastensystem in einer Stahlkonstruktion zu einer Hommage an Piet Mondrian zusammenfügen, lebten und arbeiteten die legendären Designer von 1949 bis zu ihrem Tod. Ist das Haus selbst schon zu einer Manifestation des Eames'schen Desigbegriffs geworden, sind hier zudem die Entwürfe für zahlreiche zu Klassikern avancierten Möbelstücke und andere Designprodukten entstanden.
Heute im Besitz der Familie, ist das Eames House, das seit 2006 als National Historic Landmark gilt, mittlerweile öffentlich zugänglich.
Abbildung via esoteric survey

03. Picasso, Klee & Co.: Positano als Künstlertreff an der Amalfiküste
Positano ist nicht nur eine ehemalige Seefahrerstadt wie sie im Buche steht, sondern der kleine, in Stufen am Hang an das Meer herabsteigende Ort an der Amalfiküste zog seit jeher viele prominente Künstler und Stars an. Paul Klee und Pablo Picasso kamen zu Besuch, Maler wie Kurt Craemer, Bruno Marquart und Martin Wolff fanden hier Zuflucht vor dem Nationalsozialismus, die Landschaftsmalerei von Peter Ruta bekam hier eine neue mediterranere Klarheit und viele weitere Künstler machten kürzere oder längere Stopps an diesem leuchtenden Fleck in der Neapel-Region.
Abbildung von JeCCo via Wikimedia Commons

04. Francesca Woodmans Rom
An Italien band die Künstlerfamilie Woodman eine große Liebe. Hier siedelten George und Betty Woodman mit ihren zwei Kindern temporär über und auch nach ihrer Rückkehr in die USA verbrachte die Familie hier noch regelmäßig ihre Ferien. Dem südeuropäischen Land hat vor allem ihre Tochter und Fotografin Francesca Woodman nicht nur ihren Vornamen zu verdanken, sondern während ihres Studienjahres in Rom (1977-78) sollte sie ihren Stil außerdem zu einer unverkennbaren Bildsprache entwickeln. Während die Künstlerin ihre Tage zwischen dem Buchladen/Galerie „Maldoror" in der Via del Parione und den Ateliers der Nuova Scuola Romana verbrachte, entstanden zahlreiche Fotografien, die heute einen wichtigen Teil des umfangreichen, jedoch nur innerhalb von 7 Jahren bis zum Suizid der jungen Künstlerin entstandenen Werks ausmachen (zum Beispiel ihre "Angel"-Serie sowie „Self-Deceit #1").
Abbildung via Maria Grazia Montagnari, flickr

05. Le Corbusiers Ferienhütte an der französischen Riviera
„Le Cabanon", dt. „Hütte", nannte der Architekt Le Corbusier sein Ferienhaus am Cap Martin an der französischen Riviera, das er 1951 als Geschenk für seine Frau zeichnete. Basierend auf einem Modulor (Le Corbusiers eigens entwickeltes Proportionssystem in der Tradition von Vitruv, das sich am Maß des Menschen orientiert), baute er seine Raumzelle in Blockhausoptik. Minimal gehalten mit einer Größe von 3,66 auf 3,66 m und 2,26 m Höhe sowie minimaler, ebenfalls von Le Corbusier entworfener Einrichtung verwirklichte der Architekt hier seine Idee einer funktionalen Wohnzelle. Trotz der geringen Größe hatte Le Corbusier am Mittelmer nun nicht mehr nur zahlreiche Bauten für Auftraggeber gebaut, sondern sich ebenso mit seiner eigenen Hütte auf einem Felsen in unmittelbarer Nähe zum Meer niedergelassen.
Abbildung via Abel y Galois

06. Claude Monet in der Normandie
Claude Monet lebte ab seinem fünften Lebensjahr in Le Havre in der Normandie. Die Stadt wurde nicht nur sein Zuhause, sondern auch ein beliebtes Motiv des französischen Malers. Hier entstand 1872 unter anderem die Hafenansicht von Le Havre, „Impression soleil levant", das dem Impressionismus zu seinem Namen verhalf und eine Abwendung Monets von der realistischen Malerei bedeutete.
Abbildung via Wikimedia Commons

07. Expressionismus in Nordfriesland: Emil Nolde in Seebüll
1927 erwarb der expressionistische Maler Emil Nolde eine Warft in dem kleinen norddeutschen Städtchen Seebüll, direkt an der dänischen Grenze. Hier setzte er mit seinem neu gebauten, modernen Wohnhaus mit Atelier zwar einen bewussten Gegensatz zur übrigen traditionellen Architektur der Nachbarschaft, sollte in der Landschaft jedoch seine Harmonie finden. Umso mehr wurde sie ihm zur Zuflucht, nachdem der Künstler mit dem Verbot durch die Nationalsozialisten, sich "auf den Gebieten der bildenden Künste" zu betätigen, belegt wurde. In dieser Zeit entstanden seine sogenannten „ungemalten Bilder". Sowohl diese Umstände als auch Noldes enge Beziehung zu der rauen Natur des Nordens soll Siegfried Lenz später zu seinem Buch „Deutschsstunde" inspirieren -- genau die richtige Lektüre bei einem Besuch in der kleinen norddeutschen Ortschaft, wo nach Emil Noldes Tod die Nolde Stiftung Seebüll inklusive Museum aufgebaut wurde.
Abbildung via museum.de

08. Idylle der Isolation: Yves Saint Laurent in Marokko
Den Marokkanern baute der französische Maler Jacques Majorelle einen prächtigen botanischen Garten, den Yves Saint Laurent wiederentdecken und berühmt machen sollte: den sogenannten Jardin Majorelle in Marrakesch. Als der Modeschöpfer und sein Partner Pierre Bergé 1980 das Idyll entdeckten, erwarben sie die Villa sowie den Garten Majorelle, restaurierten die Gartenanlage und erschufen die üppige Pracht des Gartens wieder. Für Yves Saint Laurent wurde der Komplex spätestens nach seinem Rückzug aus dem Modegeschäft zu einem seiner drei wichtigsten Orte der idyllischen Isolation sowie Inspiration (neben seiner Wohnung in Paris und dem normannischen Château Gabriel) -- so sehr, dass nach dem Tod Saint Laurents dessen Asche im Rosengarten verstreut wurde. Der Garten in der „Perle des Südens", der von einer von Bergé gegründeten Stiftung instand gehalten wird, ist heutzutage für Besucher geöffnet.
Abbildung von Viault via Wikimedia Commons

09. Gauguin auf Tahiti: gemalte Traumvorstellungen
Seine Zuflucht wurde sein Ruhm: Mit seinen Südesse-Bildern feierte der französische Künstler Paul Gauguin seine größten Erfolge. Für den Wegbereiter des Expressionismus' selbst war die Südsee und insbesondere Tahiti ein Ort, wo er das Glück finden wollte. Statt des Paradieses fand er bei seinen zwei Aufenthalten in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts zwar kein Paradies, sondern Armut in einem kolonialisierten, europäisierten Tahiti, doch die Flucht in seine idealisierte Vorstellung Polynesiens sollte in dieser Zeit dennoch zahlreiche Gemälde sowie das Buch „Noa Noa" hervorbringen, die ihm in Europa zu Ruhm verhalfen. Wer jenen paradiesischen Urzustand Tahitis wiederfinden will, dem sei heute also der Blick auf Gauguins Malerei empfohlen.
Abbildung via Wikimedia Commons

10. Nachdenkliches Weltenbummeln mit JR
Der französische Street Artist JR weiß, dass man überall auf der Welt zu Hause sein und Inspiration finden kann. Für letztere setzt sich JR vor allem mit sozial-gesellschaftlichen Fragestellungen auseinander, die entweder spezifisch für das jeweilige Land sind, in dem er sich befindet, oder aber international gelten. Doch der Künstler gibt ebenfalls visuelle sowie gedankliche Inspiration an seine Mitmenschen zurück: Seine großformatigen Pastings an Häuserwänden, die oft die fotografierten Porträts ausgesuchter Bewohner zeigen, sind nicht nur aufregend für die Augen, sondern fordern ebenfalls zum Nachdenken an, so zum Beispiel JRs neue Arbeit "Migrants, Ibrahim, Mingora-Philadelphia" in der Hochhauskulisse von Philadelphia.
Abbildung via jr-art