10. Juni 2018

Keine Jahreszeit ist so sehr verbunden mit Sehnsüchten, Erwartungen und Erinnerungen wie der Sommer. Dabei verbringt jeder die warmen Monate anders. Wir haben Künstlerinnen und Künstler getroffen und mit ihnen über diese besondere Jahreszeit gesprochen.

Von Text: Philipp Hindahl, Illustration: Jan Buchczik

Während wir nachmittags vor einem Café in Kreuzberg sitzen, drängen Autos durch die enge Straße. Fahrräder fahren vorbei, es ist laut, die Sonne scheint, Katja Novitskova hat einen Brownie und einen Flat White bestellt. Kurz der übliche Berliner Small Talk: „Kreuzberg is buzzing“, mittlerweile aber leider unbezahlbar. Wir sind uns beide unschlüssig. Sie weiß gar nicht so recht, was sie dem Sommer abgewinnen soll. Ich habe auch keine Ahnung, verspreche mir aber Hilfe von ihr.

© Jan Buchczik

Gerade kommt sie aus ihrem Studio ein paar Straßen weiter, wo sie intensiv arbeitet, und zwar bis Ende Juni, denn dann eröffnet sie eine Ausstellung in London, in der Whitechapel Gallery. Dabei, sagt sie mit ein wenig Bedauern, ist am und um den Mittsommertag eine besondere Zeit. Die in Estland geborene Künstlerin hat am 20. Juni Geburtstag, und der 21. Juni ist der längste Tag des Jahres. Die Menschen im Baltikum feiern dann die kürzeste Nacht des Jahres, die dort im Norden ganz besonders kurz ist — „eine Nacht ohne Filter“, erklärt Novitskova mir.

Wir beginnen mit einer einfachen Frage zum schwierigen Thema Sommer. Meine Vermutung ist: Nichts ist schöner als die Erinnerung an vergangene Sommer. Was ist also ihre erste Erinnerung an die warmen Monate? Novitskova, 1984 geboren, denkt an die Datscha ihrer Großmutter. Ganz einfach sei es dort zugegangen, kein fließendes Wasser, keine Heizung, Regenwasser wurde in einem Fass gesammelt. Die Großmutter zog Gemüse, Äpfel, Blumen. Ende August wurde geerntet und eingekocht. In den Ferien reiste Novitskova mit ihrem Bruder in das Sommerhaus aus Sowjetzeiten. Bis sie zehn war, dann starb ihre Großmutter.

Katja Novitskova liebt den Sommer auf dem Land mit seinen vormodernen, von der Natur bestimmten Abläufen sehr, während sie in ihrer Arbeit wie besessen von digitalen Bildern ist. „Aber nur so ergibt der Sommer überhaupt Sinn“, sagt sie, „wenn man etwas draußen macht. Heute sitze ich die meiste Zeit am Computer.“

Ob Estland gerade nicht einer der hippsten Orte überhaupt ist, möchte ich wissen. Die Künstlerin macht ein Geräusch, halb abfällig, halb belustigt. Ok, lenkt sie ein, in Tallinn eröffnet Ende Juni die Baltic Triennial, und schon lange gibt eine vitale Musikszene in der Hauptstadt. Aber den Sommer an der Ostsee macht etwas anderes aus. Novitskova sagt, sie müsse mindestens einmal im kalten Estnischen Meer schwimmen, damit die wehmütige Erinnerung kommt. Überhaupt, der August sei ihr Lieblingsmonat, wenn die Nächte kühler und die Tage kürzer werden, wenn die Pflanzen schwer sind, weil sie schon den ganzen Sommer gegrünt haben, und wenn die Großmutter die Ernte einkocht. Erst dann kommt Katja Novitskova wirklich zur Ruhe.