03. Mai 2018

Über 100 Kunststudierende aus dem Rhein-Main-Gebiet zeigen beim Festival der jungen Talente im Frankfurter Kunstverein ihre gemeinsam entwickelten Projekte. Die wiederkehrende Ausstellung hat dieses Jahr einen Performance-Schwerpunkt.

Von Eugen El

Seit Jahren schon versuchen Passanten, einen Blick hinter die Bauzäune rund um die neue Frankfurter Altstadt zu werfen – und scheuen dabei keine körperlichen Mühen und Verrenkungen. Kurz bevor die Bauzäune am 9. Mai 2018 endgültig den Blick freigeben, bieten vier Kunststudierende aus Offenbach, Frankfurt und Gießen eine besondere, öffentliche Altstadtbesichtigung an. Mit Leitern ausgestattet, können die Teilnehmer nicht nur einen unverstellten Ausblick auf die Baustelle erleben.

Sie wandeln überdies auf den Spuren der Kunstfigur Brigitta, welche die Studierenden Johannes Karl, Simon Zeller, Lisa Voigt und Kathrin Baumgartner in Anspielung auf Fastrada erfunden haben. Sie war die vierte Ehefrau Karls des Großen und lebte im 8. Jahrhundert zeitweise in der Frankfurter Königspfalz am Dom. „Wir verbinden Fiktion mit der Realität“, sagt Simon Zeller, genauso wie auch beim Wiederaufbau der Altstadt. Das „Via Brigitta“ betitelte Projekt ist Teil des 9. Festivals der jungen Talente (FDJT), das, wie schon vor zwei Jahren, im Frankfurter Kunstverein stattfindet.

Das Miteinander als Leitprinzip

Insgesamt 102 Künstler nehmen an dem viertägigen Festival teil. In Gruppen haben sie 26 Projekte zum Überthema „Utopie/Dystopie“ erarbeitet. Das FDJT bemüht sich seit seinen Anfängen , die hochschul- und spartenübergreifende Zusammenarbeit zu fördern. So nehmen neben Kunsthochschulen wie der HfG Offenbach und Städelschule auch Musik- und Theaterhochschulen aus dem Rhein-Main-Gebiet teil. Es sei wichtig, „sich mit anderen Kunstrichtungen auseinanderzusetzen“, sagt Grete Steiner, Initiatorin des erstmals 2000 veranstalteten Festivals. HfG-Professor Heiner Blum betont ebenso das „Miteinander“, die Kooperation als Leitprinzip des Festivals. Eine statische Ausstellung konnte unter diesen Bedingungen kaum zustande kommen.

Via Brigitta, Ein Weg zurück in die Zukunft, 2018, Johann Karl, Simon Zeller, Lisa Voigt, Kathrin Baumgartner (ATW Gießen, GU Curatorial Studies, HfG)

So begegnet man mehreren bühnenartigen Rauminstallationen, die mit Aufführungen aktiviert werden. Die Musikperformance „Fully Accessible Body“ hat das Künstlerduo „BBB_“ gemeinsam mit Studierenden der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst entwickelt. Sie basiert auf der Mixed-Reality-Technologie. Der Betrachter zieht eine Brille an, mit der erst die beiden Performer sichtbar werden. Es sind Hologramme der „BBB_“-Künstler Alla Poppersoni und Alexander Sahm. „Wir möchten damit die häufige Unterbezahlung für Künstler/Performer thematisieren, indem wir mit der Fiktion spielen, unsere Hologramme als unermüdliche Arbeitskräfte täglich für uns performen und touren zu lassen“, erläutern Poppersoni und Sahm.

Lesungsmarathon und Schreibworkshops

Einzig und allein Performances ist ein großer Raum im ersten Stock des Kunstvereins gewidmet. Am Sonntagnachmittag laden 19 Studierende aus Offenbach und Gießen dorthin zu einem Lesungsmarathon. Sie werden eigene Gedichte und Theaterstücke, Prosatexte und Kurzgeschichten vortragen. Ein Impuls für diese künstlerische Intervention ist die derzeitige Stiftungsprofessur des Schriftstellers Frank Witzel an der HfG Offenbach. Dort bietet der Autor des preisgekrönten Romans „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ Schreibworkshops an.

Fully Accessible Body, Ein Stück von BBB_ (Alla Poppersoni & Alexander Sahm, HfG-Studierende), Image via: hfg-offenbach.de

A time of confidence – 24 Lesungen Stephanie Nebenführ, Helen Brecht (HfG, ATW Gießen)

Zwischen Utopie und Dystopie schwankt die Lecture-Performance von Li Lorian und Marc Villanueva Mir vom Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft. Die aus Jerusalem und Barcelona stammenden Künstler werden vor allem über die politischen Verwicklungen ihrer Heimatstädte sprechen und nach möglichen Verbindungslinien suchen.

Lecture Performances und japanische Animes

Dicht an dicht reihen sich die Installationen und Bühnen im Kunstverein aneinander. Als Besucher sollte man viel Zeit und Muße mitbringen. Denn sonst könnte man einige Projekte übersehen, während andere stärker auffallen. Sehenswert ist das Video „If I had you“ von Tee Ly, Clara Imhoff und Maria Poursanido. In fünf kurzen Episoden spielt Tee Ly jeweils einen stereotypischen weiblichen Charakter aus japanischen Animationsfilmen und Comics: Unter anderem ein Dienstmädchen, eine Frau im traditionellen Kimono und ein Schulmädchen. Mit der Arbeit möchten die Künstlerinnen das Frauenbild in den japanischen Zeichentrickfilmen Anime und in Manga Comics hinterfragen. Für Tee Ly könnte die performative Aneignung der Charaktere auch ein Ringen mit der eigenen Prägung sein. Auf ihre Verbindung zu den beiden Genres angesprochen, antwortet sie schlicht und ergreifend: „Ich bin riesiger Fan.“

If I had you, Tee ly, Clara Imhoff, Maria Poursanido (HfG Offenbach, HfMDK Frankfurt), Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein, Foto: Juliane Kutter
Noise Again, Künstler_innen-Kollektiv BOF (Berlin Offenbacher Freundschaft), Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein, Foto: Juliane Kutter